Die letzte Fahrt

Die Straße ist neu. Nicht komplett neu, aber sie ist vergrößert worden, außerdem wurde sie neu asphaltiert und auch die Markierungen fehlen nicht mehr. Es handelt sich hierbei um diese klassischen Dorfverbindungswege, die oft nur so schmal sind, dass man nur vorbei kommt, wenn beide Autos ganz rechts fahren. Diese Straße wurde nun endlich saniert und strahlt nun in ihrem neuen Glanz.

Er fährt nach der Arbeit nach Hause. Es ist nicht seine übliche Strecke, doch seit dem Tag ist ihm das egal. Seit diesem Tag fährt er abends immer die gleiche Strecke heim. Er fährt Richtung Westen, damals fuhren sie Richtung Osten. Im Sommer wartet er oft, bis die Sonne tief steht, genauso tief wie damals als sie im Osten erst aufgegangen ist. Jeden einzelnen Tag zieht es ihn da hin.

Er fährt die Straße entlang. Damals war es so ein Gemeindeverbindungsweg. Die Felder und Kurven lassen auch heute keine einwandfreie Sicht zu, aber immerhin muss sich niemand mehr Sorgen machen, dass er jemanden nicht rechtzeitig sieht. Damals war das anders. Die Kurven sind die gleichen geblieben. Während er diese Straße entlang fährt, steigt die alt bekannte Bitterkeit hoch…. Hätten sie schon damals….

Mittlerweile kennt er jede Kurve, jedes Feld. Noch zwei Kurven und dann kommt die kleine Abzweigung zum Bauernhof. Unmittelbar nach dieser Abzweigung war es. Krampfhaft hält er die Augen geöffnet, er weigert sich, noch mehr Tränen zu vergießen. Jetzt kommt die Kurve, an der sein Leben jäh anderes wurde. Es gibt kein Kreuz, das auf diesen schlimmen Tag hinweist, nur ein kleiner Strauß Blumen liegt unter dem 3. Baum rechts. Während er mit zusammengebissenen Zähnen vorbei fährt, stürmen die Bilder auf ihn ein.

Er fuhr ihr hinterher, sie wollten das Auto zum Händler bringen. Endlich hatte sie sich durchgerungen, ein neues und sicheres Auto zu kaufen. Die Sonne ging gerade auf und blendete sie mit ihrem gleißenden Licht. In dieser Kurve, die so eng ist, dass man eigentlich mit reduzierter Geschwindigkeit fahren sollte, kam ihr der andere Autofahrer entgegen. Sie prallten aufeinander, er in seinem Auto konnte nur noch schreien und dann habe war es vorbei.

Tieftraurig fährt er an dieser Stelle vorbei. Immer wieder fragt er sich, wie lange es dauert, bis er den Schmerz überwunden hat. Und obwohl er sich schon tausend Mal mit der Frage befasst hat und eigentlich die Antwort schon weiß, flüstert er verzweifelt in den untergehenden Feuerball schauend: Warum? 

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Der Narr

Es lebte mal ein König, der einen Hofnarren hatte. Im ganzen Land war kein einziger, der so war wie er. 

Eines Tages schenkte der König ihm einen Stab und sagte ihm: „Diesen Stab gebe ich dir, weil du der größte Narr bist und es deinesgleichen keinen anderen gibt. Du darfst den Stab nicht verkaufen noch verschenken. Findest du aber einen Menschen, der ein größerer Narr ist als du, musst du ihm den Stab übergeben.“

Lange Zeit später kam die Nachricht, dass der König auf dem Sterbelager läge. Der Narr kam in sein Zimmer: „ich habe gehört, du machst dich auf die Reise?“ Betrübt antwortete der König: „Ja, ich habe keine andere Wahl, ich muss gehen.“ Der Narr zeigte sich bestürzt darüber, dass es einen höheren Herrscher als seinen König gibt und fragte weiter: „aber du kommst zurück?“ „Nein“, erwiderte der König. „Nicht? Dann hast du dich sicherlich sehr gut darauf vorbereitet?“ Als der König das verneinte, schob er schnell hinterher: „bestimmt hast du es erst jetzt erfahren, dass du die Reise ohne Wiederkehr antreten musst.“ Der König schüttelte nur verzweifelt den Kopf. Der Narr schaut ihn mit traurigen Auge an. Leise legt er den Stab auf des Königs Bett und spricht: „Du wusstest, dass du eine Reise antreten wirst, von der du nie zurückkommen wirst und hast keinerlei Vorkehrungen dafür getroffen. Du bist der größte Narr, den es gibt.“ Und langsam verlässt er das Zimmer..



Der Mann, der in meinem Auto liegt ist noch sehr jung. So jung, dass er mein älterer Bruder sein könnte und so jung, dass wir uns eigentlich duzen sollten. Ich bewahre aber die professionelle Distanz und erkläre ihm nun das weitere Prozedere. 

Nach paar Minuten ist Stille im Auto. Ich weiß, dass ich noch ungefähr 10 Minuten Zeit habe, bis wir im Krankenhaus angekommen sind. Ich beginne das Gespräch, indem ich ihn frage, wie genau er über seine Diagnose Bescheid weiß. Nüchtern erklärt er es mir und benutzt Wörter, die kein normaler Mensch kennt. 

Ich sitze erstmal nachdenkend da. Dann frage ich ihn, genau so wie es der Narr tat, was er getan hat, um sich auf seine Reise vorzubereiten. Ausweichend antwortet er mir. Er weiß nicht was kommt, er stelle es sich so und so vor aber vielleicht ist es ja ganz anders. Im Endeffekt muss er jedoch, wenn nicht so deutlich wie der König, zugeben, dass er sich eigentlich nicht auf die Reise vorbereitet hat, obwohl er weiß, dass er an dieser Krankheit in naher Zukunft sterben wird.

Still schaue ich ihn an. Wir haben nicht mehr lange ins Krankenhaus und ich fühle, dass meine Worte vergeblich sind und wären. 

Tief in mir frage ich mich, wie ein Mensch im Angesicht des Todes so denken kann. 

Ich weiß, dass es verschiedene Phasen von Sterben gibt und dass er vielleicht in einer Phase ist, in der er das Sterben noch nicht realisieren kann. Er weiß jedoch, dass er in naher Zukunft von dieser Erde gehen wird und verschwendet keine Zeit für die Vorbereitung.

Das ist närrisch. Um es in den Worten der am Anfang geschrieben Geschichte auszudrücken.

Die unsichere Komponente

Ich komme ein wenig später an. Das liegt weder an meinem Notarzt, noch an dem Verkehr oder an der Strecke sondern einfach daran, dass der Rettungswagen näher dran ist.

Wir beide schauen um die Ecke und sehen unsere Kollegen, beide schauen uns mit einem endgültigem Blick an und wir gehen langsam zu ihnen. In meinem Kopf versuche ich einige Dinge zu sortieren und auszuschließen, aber so richtig vorbereitet war niemand auf das, was jetzt kommt.

Ich kann die Person nur von hinten sehen. Sie ist ruhig und bewegungslos. Die warme Frühlingsluft war bis gerade voll mit Vogelgesang aber scheinbar sehen die Tiere auch voller Schrecken auf das Bild, das sich ihnen bietet und halten so wie wir unwillkürlich die Luft an.

Ich habe einiges gesehen, schönes und schreckliches. Habe gestaunt und geschwiegen, gelacht und auch geweint. Ich habe geredet und gelächelt. Aber eines geschah selten. Nämlich, dass es mir in einem Einsatz die Sprache verschlagen hatte.Ich bin kein Mensch vieler Worte, aber ich kann meistens in jeder Situation das richtige sagen.

Heute nicht. Und auch den kompletten Einsatz über muss ich mich immer konzentrieren, wenn ich einen Satz sagen möchte, in der Leitstelle anrufe, mit der Kripo kommuniziere, den Notfallseelsorger bestelle. Auf der Heimfahrt schauen wir uns ab und zu an und sagen nur immer wieder:  „Also, das kann ich aber jetzt nicht glauben.“

Ich schätze, es ist schwierig, auf alles vorbereitet zu sein und das ist auch ein Aspekt, den ich an meinem Job mag. Man erhält ein Stichwort, eine kurze Information, aber ob sich genau das Notfallbild dahinter verbirgt, kann niemand sagen. Außerdem fließen immer die variablen Faktoren ein, die niemand von uns beeinflussen kann. Das hat mich auf eine gewisse Art und Weise entspannter gemacht, ruhiger. Ich kann gut mit dem Wissen leben, dass ich nicht alles in der Hand habe und es immer eine unsichere Komponente gibt, die ich nicht beeinflussen kann und der ich mich stellen muss, ob ich möchte oder nicht.

Manchmal kann einem die Ausbildung, die Erfahrung und die Weisheit einem aber nicht helfen. Wenn du das Stichwort „Suizid/Suizidversuch“ bekommst, handelt es sich oft nur um einen Hilfeschrei. Wenn du dieses Stichwort bekommst, rechnest du mit Dingen wie Tabletteneinnahme, Alkoholvergiftung und Verletzungen. Wenn du hörst, dass jemand sich das Leben nehmen will, gehst du davon aus, dass diese Person sich die Arme aufgeschnitten hat oder vielleicht sogar aufgehängt hat. Du rechnest selten mit den wirklich schlimmen und schrecklichen Arten von Suizid, denn diese Dinge passieren so selten, wie selten man zu Säuglingsreanimationen fährt.

Aber damit, dass du jemanden siehst, der sich mehrere große Gefäße im Körper eröffnet hat, dass du jemanden siehst, dessen Blut mittlerweile schon geronnen ist und auf dem Boden ein bizarres Muster formt, dass du jemanden siehst, der seinen Tod so in Szene setzt, dass niemand, der dieses Bild sieht, das jemals vergessen kann, dann hilft dir weder Erfahrung, Weisheit und Ausbildung.

Es gibt nur eine Möglichkeit…

Augenblicke

Achtung: hier kommt Blut vor. Habt ihr damit Probleme, solltet ihr lieber nicht den Beitrag lesen.

Schon bei der Alarmierung der RTW-Besatzung hatten mein Notarzt und ich ein sehr flaues Gefühl. Die Informationen, die über Funk übermittelt worden sind, lassen uns angespannt und schnell zur Wache fahren, wir müssen auch mal was essen.

Ich habe gerade meine Pizza in den Ofen (übrigens zum 3. Mal) gestellt, als mein Melder lautstark meine Aufmerksamkeit fordert. Ich werfe nur einen Blick auf den Melder und aufstöhnend laufe ich zum NEF.

Mein Notarzt sieht nur meinen Blick und weiß auch sofort, um was es sich handelt. Unterwegs spüre ich seine Anspannung und mit einer etwas gepressten Stimme fragt er nach der nächsten Thoraxchirurgie.

Am Einsatzort angekommen steht die Ehefrau händeringend vor dem Auto und sagt uns: „Die sind schon drinnen.“

Ich werfe nur einen Blick hinein und sofort kreuzt mein Blick den des Docs. Er spricht das aus, was ich denke: „Tranexamsäure„. Ich checke kurz ab, wieviel er will und hole schnell das Medikament aus dem Ampullarium. Im RTW ziehe ich die Medikamente schneller auf, als ich je ein Medikament aufgezogen habe und beim Umdrehen sehe ich schockiert, was sich in den 5 Minuten geändert hat.

Der RTW ist blutbespritzt, der Boden dreckig und schlüpfrig und meine Kollegin schaut mich entsetzt mit gesprenkelten Shirt an. Der Notarzt steht an der einen Seite und versucht einen Zugang zu legen, mein Kollege scheint mit der kompletten Situation überfordert zu sein.

Ich atme kurz ein und verteile schnell die Aufgaben. Die Kollegin kümmert sich um die Infusionen, der RA vom RTW beginnt endlich die notwendige Absaugung. Ich zwänge mich zwischen Wand und Trage und lege dem Patienten einen großlumigen Zugang. Während auf der anderen Seite der Doc mit der Blutentnahme beschäftigt ist, spritze ich das Medikament, dass ich vorhin aufgezogen habe und kümmere mich, dass der Patient die notwendige Infusionen im Schuss erhält.

Kurz schaue ich den Patienten an. Er sieht erschrocken aus und seine Augen sind voller Sorge. Jedoch sehe ich auch einen anderen Ausdruck. Er vertraut uns. Er weiß, dass wir auch in keiner alltäglichen Situation stecken und trotzdem versucht er, ruhig zu bleiben und uns die Arbeit so weit es ihm möglich ist zu erleichtern. Ich drücke ihm kurz die Hand und sage ihm leise: „Wir passen auf Sie auf. Haben Sie keine Angst.“

Währenddessen untersucht der Doc die Stelle, die das ganze Blut fördert. Der Patient hat eine Blutung in der Halsregion, die wir nicht sehen können. Es blutet und blutet und erst mit einer großzügigen Ladung Adrenalin verlangsamt sich die Blutung.

Ich schließe mich mit meinem Doc kurz und wir zwei fahren mit Karacho Richtung Schockraum.

Nach der Übergabe (die übrigens direkt an das OP-Team ging), gehen mein Beifahrer und ich mit erschöpften Gesichtern zu unserem Auto.

Wir sind im Moment nicht einsatzklar. Weder emotional noch körperlich. Schweigend gehen wir zu unserem Auto.

Der Mann wird die Nacht nicht überleben.

Und ihr?

„Wir sind dann wieder einzatzklar.“

Kurze Stille.

„Bist du persönlich auch wieder einsatzklar?“

Die mitfühlende Stimme des Kollegen am Funk lässt mich kurz innehalten. Zwei Sekunden später gebe ich ein kurzes „Jawohl“ durch und wir fahren los.

Hinter uns liegt ein Schlachtfeld. In der Tat ein Schlachtfeld, dessen wiederherstellung und Räumung noch Stunden dauern wird. Noch länger wird das Heilen der Verletzungen dauern und ungewiss wird die Dauer der seelischen Wunden sein.

Wir waren dabei. Es war kein einfacher Unfall, es war kein schwerer Unfall. Es war ein schrecklicher Unfall. Es war nicht ein normaler Einsatz und auch kein außergewöhnlicher Einsatz, nein, es war ein außerordendlich grauenhafter Einsatz. Ein Notfall, den wir nie vergessen werden, ein Tag, der sich immer in unsere Erinnerung einbrennen wird und eine Stunde voller Angst, Anspannung und Sorgen, die nicht mit dem Ende der Schicht wie die Einsatzkleider auf der Wache zurückgelassen werden, zurückgelassen werden können.

Es werden Bilder durch unsere Köpfe gehen, die wir nicht vergessen können. Es werden Stimmen zu hören sein, die uns erschrecken und Weinen, das uns verfolgen wird. Worte und Bilder werden einige von uns viele Nächte nicht ruhig schlafen lassen und mancher könnte sogar daran  zerbrechen.

Es war ein Einsatz, den man nicht so schnell vergessen kann. Den man vielleicht nie vergessen wird. Wunden heilen, Bilder verblassen, Stimmen werden leiser und Gedankengänge lassen uns in Frieden. Jedoch braucht es nur ein kleines Wort, ein kurzes Bild und sofort werden die Geschehenisse präsent.

Das ist der Preis, den wir zahlen müssen, wenn wir anderen helfen. Es liegt ein großer Segen darin, anderen zu helfen, jedoch muss man immer mit der Gewissheit in den Tag gehen, dass dieser nicht nur Angehörige, Patienten und Freunde sondern auch dich mit Tränen in den Augen einschlafen lässt.

 

 

Ein Schritt

Da liegt er. Die Augen weit aufgerissen starrt er ins Leere. Wir können auch nichts mehr machen und stillschweigend erledigen wir die nötige Arbeit. EKG-Ableitung, kurze körperliche Untersuchung, Todesbescheinigung und Protokoll.
Während wir paar kurze Worte mit den netten Kollegen der Streife wechseln, fährt einige Straßen weiter ein Auto, in der Nähe hört man Kinder auf dem Spielplatz lachen, nichtsahnend.
Über uns rauschen Autos hinweg, die auf der Autobahn unterwegs sind.
Ich denke an die Familie und daran, wie sie reagieren werden, wenn sie heute diese schreckliche Nachricht erhalten werden.
Wenn die Verzweiflung so groß ist, genügt nur ein Schritt.

Altbekannt

„Straße sagt euch was? Polizei kommt auch.“
Klar. Die Straße ist allen bekannt. Denn dort hält sich einer dieser OFW auf. Aufhalten, nicht leben, denn er hat keinen festen Wohnort.
Wir waren schon so oft bei ihm.
Kennengelernt habe ich ihn vor einigen Jahren. Damals war er noch etwas jünger, gesünder, sauberer, angezogener, nüchterner.
Damals hatte es den Anschein, als würde er doch eines Tages die Kurve bekommen.
Auf der Fahrt denke ich über die letzten Einsätze mit ihm nach.
Ganz oft, ist ja klar, hat er ein Alkoholproblem. Entweder zuviel oder zu wenig.
Das andere mal sind Drogen im Spiel.
Wieder ein ander mal treffen wir ihn blutend an. Er ist hingefallen
Das nächste Mal hat er eine Temperatur von 34 Grad.
Dann wurde er zusammen geschlagen.
Oder er hat einen Krampfanfall.
Ab und zu hat er starke Schmerzen, die Leber macht sich bemerkbar.
Manchmal will er nur mit, weil ihm kalt ist, er nichts zu essen hat und er einfach ins Krankenhaus möchte.
Und wie oft, ich kann es kaum zählen, fuhren wir ihn, weil er jetzt endlich einen Entzug machen will.

Was wird es diesmal sein? Ich werfe einen fragenden Blick auf meinen Kollegen, welcher mit den Schultern zuckt.
„Wird wieder das Gleiche sein…“

Wir sind angekommen, die Streife steht auch schon mit blitzenden Lichtern da und die Kollegen schauen uns hilflos entgegen:
„Der ist irgendwie komisch…“
Schnell sind wir da, ich brauche nur einen Moment:
„Jungs, der ist nicht komisch. Der ist tot.“

Mit diesen Worten drehe ich mich um und gehe zurück zum Auto.

Und ich dachte…

Die zwei Konstanten

Der Patient auf meiner Trage starrt ins Leere.
Er sieht nicht die weißen Wände und auch nicht die Infusionflasche, deren Flüssigkeit in die Vene an seiner Ellenbeuge tropft. Er hört nicht das Piepsen der Überwachungseinheit und spürt das Blutdruckmessgerät nicht.
Seine Gedanken schweifen irgendwo in der Luft, seine Lippen bleiben stumm.
Vor mir liegt das Protokoll, ich trage in kurzen Abständen die Vitalwerte ein, drehe die Flüssigkeitsrate höher und gebe etwas Sauerstoff.
Er will nicht reden, er will nicht schauen, er ist in seinen Gedanken gefangen, einer Abwärtsspirale, an der er niemanden teilhaben lässt.
Ab und zu drücke ich ihm kurz die Hand und sehe ein kurzes Zucken seiner Augenlieder.
Das ist das einzige Zugeständnis, das ich von ihm erhalte.
Inzwischen sind wir im Klinikum angekommen.
Ich übergebe den Patienten an die diensthabende Pfleger und Ärzte, wohlwissend, dass er in einigen Stunden ein ruhiges Zimmer in der Palliativstation erhalten wird.

Die bedrückende Atmosphäre begleitet mich den ganzen Tag und erst als ich abends das Baby in den Arm nehme, fällt die Anspannung ab.
Neu und Alt, leben und sterben, all das liegt nebeneinander.
Ohne das eine gibt es das andere nicht und so schön wie das eine auch sein mag so traurig erscheint oft das andere.

Anfang und Ende

Es gibt nichts neueres auf der Welt als ein neugeborenes Kind. Und wenige Wunder sind herzergreifender und so freudevoll wie die Geburt eines Babys.
Und wenig ist trauriger und an die Substanz gehend als ein Notfall mit Kindern und wenig zerreißt das Herz so sehr wie das Leiden eines jungen Menschen.
Wenn Eltern ihr Kind in den Händen halten und wissen, dass es eine kleinere Überlebenschance hat als die Größe eines Staubflöckchens.
Wenn sie ihr Kind auf der Intensivstation sehen und ihnen klar wird, dass es, wenn es überlebt, anders sein wird als andere Kinder.
Wenn sie mit den Ärzten besprechen müssen, ob alles gemacht werden soll oder ob das Kind nun in Frieden ruhen darf.

Wenn die Stille einkehrt, die Überwachungseinheit stumm gestellt wird und die Eltern akzeptieren, dass ihr Kind geht.
Wenn das Ende so nah am Anfang liegt..

Der ewige Gegner

Es ist so, dass der Tod eines Menschen für den Rettungsdienst mit Versagen gleichgesetzt wird. Man hat nicht genug getan, war nicht schnell genug, der Zugang saß nicht gleich und die Beutel-Masken-Beatmung klappte nicht. Dass im Endeffekt nichts mehr zu machen war oder wir nicht schneller fahren konnten, weil es Feierabendverkehr gab oder die Straße glatt war. Dass der Zugang nicht gleich saß, weil der Mann schon zu lange da lag oder der Jugendliche nach dem Unfall bereits zentralisiert hatte und die Beatmung problematisch war, weil der Patient Bartträger war und ziemlich viel Gewicht aufwies.
Aber das ist egal, das zählt nicht und wir finden immer Ausreden und Begründungen.
Zwar sagen wir uns immer:
Wir haben ja alles getan.
Doch ich weiß, dass jeder denkt: Wirklich alles?

Warum ist das so? Weshalb ist das besonders für uns Rettungsassistenten (und Notärzte) so schwierig, mit dieser Frage umzugehen?

Wir sind in der Ausbildung und auf Fortbildung darauf getrimmt worden, Leben um jeden Preis und zu 100% zu erhalten und zu retten. Bei uns stellt sich da keine Frage, bei uns wird einfach nicht gestorben. So ist es.
Dann wird reanimiert, oft auch während der Fahrt, es wird injiziert, intubiert, defibrilliert und so weiter und so weiter.
Hauptsache ist und bleibt, der Erkrankte kommt einigermaßen stabil im Krankenhaus an.
Selbst in den Fortbildungen bei Fallbeispielen überleben die Patienten. Sie bekommen einen Rhythmus, brauchen einen Schrittmacher oder Medikamente.
Kaum ein Fallbeispiele läuft darauf hinaus, dass der Patient stirbt und wir mit den Angehörigen reden müssen.

Warum ist das so?
Wir sind in der Notfallmedizin. Wir wollen akute Situationen bessern. Wir betreiben keine Palliativmedizin, das ist ein anderer Bereich. Bei uns bekommen Patienten hochpotente Schmerzmittel, erhalten eine 1:1 Betreuung (besser gesagt 4:1).
Das ist Rettungsdienst und Notfallmedizin.

Auf die Frage, warum der Tod für uns eine so schwierige Situation darstellt, warum wir es auch ein wenig wie eine „Beleidigung“ empfinden, kann ich keine Antwort geben.
Vielleicht lässt sich aus vielen verschieden Facetten ein kleiner Einblick in die Gedankenwelt eines in der Notfallmedizin tätigen Menschen gewinnen.
Doch wirklich verstehen kann man es nicht.
Ich auch nicht. Es ist so.

Edit: Falls ich eines Tages eine Antwort habe, lasse ich es euch wissen.