Ich wünsche du könntest…

Folgender Beitrag stammt ursprünglich nicht von mir sondern von einem Feuerwehrkollegen, der bei einem Einsatz sein Leben verlor. Ich habe diesen Text  gelesen und beschlossen, ihn etwas zu verändern, mehr auf meine Arbeit, den Rettungsdienst zu beziehen und ihm so eine persönliche Komponente zu geben.  Das Orginal dürft ihr gerne hier nachlesen.

Gerne möchte ich euch mitgeben, dass ich damit nicht sagen möchte, dass Menschen, die im Rettungsdienst, bei der Feuerwehr und Polizei arbeiten besonders ehrenhafte und außergewöhnliche Arbeit leisten, sondern im im gewissen Sinne ein Dienstleistung betreiben. Doch es gibt wenige Berufe, die einen Menschen so sehr die Grenzen des Lebens aufzeigen, so sehr Extremsituationen erleben und so sehr ganz entscheidend in das Leben und Sterben eines Menschen eingreifen. Deswegen bitte ich euch, diesen Text mit diesem Hintergedanken zu lesen.

 

 

Ich wünschte du könntest die Angst in den Augen einer Ehefrau um 3:00 Uhr morgens sehen wenn ich ihren 40 Jahre alten Ehemann den Puls zu tasten suche und keinen finde, ich beginne mit der Reanimation, hoffe wider besseren Wissens ihn  zurück zu holen, aber ich weiß dass es zu spät ist. Aber seiner Frau und seiner Familie muss ich das Gefühl geben, dass alles Mögliche getan wurde. 

Ich wünschte du könntest in der Notaufnahme dabei sein, wenn der junge übernächtigte Arzt, das hübsche 18 Jahre junge Mädchen für tot erklärt, nachdem wir es zuvor 55 Minuten lang versucht haben, am Leben zu halten.

Ich wünschte du könntest die Frustration im Führerhaus des Rettungswagens fühlen, der Kollege drückt sein Fuß fest auf die Bremse, mein Daumen drückt wieder und wieder den Schalter des Martinshorns, wenn du vergeblich versuchst, dir Vorfahrt an einer vorfahrtsberechtigten Kreuzung zu verschaffen oder im dichten Verkehrsstau. Das Unverständnis zu verspüren, warum manche nicht ihren Verstand einschalten

Wenn du uns brauchst, wann und was auch immer es ist, deine ersten Worte nach unserem Eintreffen werden sein: „Es hat fast eine Ewigkeit gedauert bis ihr hier wart!“

Ich wünschte du könntest meine Gedanken lesen, wenn ich helfe, eine junge 21 jährige Frau, die neben den zertrümmerten und zu Unkenntlichkeit zerquetschten Überresten ihres Mofas liegt, zu versorgen. Was wäre wenn es meine Schwester, meine Freundin oder eine Bekannte ist? Wie werden ihre Eltern reagieren, wenn vor ihrer Tür zwei Polizeibeamte stehen, die ihre Mütze in den Händen halten?“

Ich wünschte, du könntest wissen wie es sich anfühlt nach Hause zu kommen, meine Eltern und meine Freunde und Familie zu begrüßen, aber nicht das Herz zu haben ihnen zu erzählen, dass ich beinahe von meinem letzten Einsatz nicht zurückgekommen wäre.

Ich wünschte, du könntest die psychische, emotionale und mentale Belastung von stehen gelassenem Essen verloren gegangenem Schlaf und verpasster Freizeit vorstellen, zusammen mit all den Tragödien, die meine Augen gesehen und mein Herz bewegt haben.

Ich wünschte, du könntest verstehen, wie es ist ein Mädchen in den Arm zu nehmen, das dich fragt: „Was ist mit meiner Mama?“ und es dir einfach nicht möglich ist ihm in die Augen zu schauen, ohne dass dir die Tränen in die Augen steigen und du nicht weißt, was du sagen sollst – oder wie es ist einen Mann zurückzuhalten, der mit ansehen muss wie sein Vater von uns zugedeckt wird.

Ich wünschte, du könntest die Kameradschaft und die Befriedigung, Leben gerettet oder jemandes Eigentum und Ehre geschützt zu haben, erfahren, -da zu sein zur richtigen Zeit am richtigen Ort, in der größten Gefahr, aus der Hektik und dem Chaos heraus Ordnung und Ruhe zu schaffen, ein Herd, eine wärmende Feuerstelle,- ein Engel für all die Verlorenen Leiden zu sein und die letzte Glut zu schützen, auf die Welt sowohl ins Paradies zu bringen, Zeuge zu sein für andere, – den Ruf nach mehr Wärme, Liebe und Zuneigung zu vernehmen, im Folge zu leisten und sich mitten im Geschehen wieder zu finden – im Abenteuer Menschlichkeit! 

Denn wer ein Leben rettet, der rettet die ganze Welt!“

Solange du dieses Leben nicht durchgemacht hast, wirst du niemals wirklich verstehen oder einschätzen können, wer ich bin, was wir sind und was unsere Berufung bedeutet.

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60 Sekunden

Eine Minute ist keine lange Zeitangabe.
Für viele Menschen vergeht sie im Flug und man merkt kaum, dass schon wieder 60 Sekunden vorbei sind.

Doch ab und zu sieht es anders aus.
Wenn du
– Den Zug um eine Minute verpasst hast,
– Eine Minute zu spät deine Klausur an den Professor geschickt hast,
– einen Anmeldezeitraum verpasst hast,
– eine Zeitvorgabe nicht beachtet hast,
– auf Hilfe wartest,
– Ein Einsatzfahrzeug fährst,
– Auf einen (Not-)arzt wartest,
kommt dir eine Minute unendlich lang vor.

In einer Minute kann man viel machen.
Ich kann in der Zeit Geräte aus dem Auto holen, einen kurzen Überblick erhalten, Fakten und Gegebenheiten auffassen und eine Anamsese durchführen. Ich kann erste Vitalparameter erheben und kurze Anweisungen geben.

Dann erscheint eine Minute gar nicht mehr lange.

Was ich euch einfach sagen möchte:

Lieber Leser, es kommt nicht darauf an, im Leben soviel Minuten wie möglich zu sammeln, sondern die Minuten die man hat zu füllen.
1 Minute sind 60 Sekunden voller Möglichkeiten.
Dein Leben ist jetzt. Nicht heute, nicht morgen und nicht in 2 Jahren.
Füll es mit etwas Sinnvollem.

Paradox

Der schwer verletzte Mann rollt hinein. Um die Trage des Rettungsdienstes und die Liege hat sich ein kleiner Kreis gebildet, am Kopf steht die Anästhesie seitlich verteilt befinden sich die Ärzte der anderen Fachrichtungen. Der Notarzt gibt eine kurze Übergabe: „männlich, ungefähr 50 Jahre alt ( im Zweifel sind alle Patienten 50…), auf der Straße unterwegs gewesen und vom Auto erfasst worden. Initial tief bewusstlos, keine Reflexe mehr, lichtstarre Pupillen (spricht für eine hochgradig Schädigung im Gehirn). Imponierend ist die großflächige Wunde am Kopf, vor lauter Blut konnte ich keine genauere Inspektion machen. Vor Ort intubiert, jetzt kontrollierte Beatmung. Ansonsten Frakturen in beiden Oberschenkeln, möglicherweise zusätzlich noch Beckenfraktur. Abdomen und Pulmo unauffällig. Kreislaufparameter stabil, unter dem Transport beginnende Einklemmung (durch große Verletzungen steigt der Druck im Kopf so sehr, dass lebenswichtige Bereiche „eingeklemmt“ werden). Ansonsten keine Angaben über Vorerkrankungen und Medikation verfügbar.“

Nach der Übergabe greifen alle Hände an die Vakuummatratze und lagern den schwer Verletzen auf Kommando des Anästhesisten um. Schnell wird die Trage weggefahren. Der Anästhesist stellt die Beatmung ein, der Unfallchirurg macht nochmals einen kurzen Bodycheck, der nächste schallt die inneren Organe und die radiologische Assistentin startet die Röntgen- und CT-Untersuchungen.

Nach erfolgter Diagnostik bleibt leider nur noch die Wörter: keine Chance.

Während der Patient für seine letzten Stunden in die Intensivstation gebracht wird, räumt eine Schwester den Schockraum auf. Sie findet eine Tasche des Mannes und schaut kurz hin.
Was sie sieht, lässt sie kurz erstarren und traurig davon gehen.
Sie hat drei Glasflaschen gesehen.
Sie lagen in der Tasche drin. Vollkommen unversehrt.

Mal wieder

„Leiden Sie auch unter zu hohem Blutdruck?“

„Neeiin, also hohen Blutdruck hab iich nicht! Der ist iiiimmeeer normal, so 120 oder 130.“

„Ja, aber Sie nehmen doch das Amlodopin, das ist doch eine Blutdrucktablette?!“

„Ja genau, die eine kleine immer morgens.“

„Dann haben Sie doch Bluthochdruck.“

Bei jedem Patienten das Selbe 🙂