Alles Kleinigkeiten

Der Schichtdienst ist eigentlich schon toll.

Man kann tagsüber schlafen, die andern müssen zur Arbeit (haha!). Abends ist es ruhiger, man muss nicht soviele Aufgaben erledigen.
Wenn man am Sonntag arbeitet, bekommt man Zuschläge. Und zudem hat man mal am Mittwoch Sonntag.
Durch das unregelmäßige Schlafen kommt der Tag-Nacht-Rhythmus bisschen aus dem Takt.
„Was war heut für ein Tag?“
Dafür hat man manchmal (gefühlt jedenfalls) zwei Tage in einem und ist wiederum ganz verwundert, dass erst Montag ist (und freut sich, dass man mehr Zeit zum Leben hat).

Wenn man dann feststellt, dass die Freunde einen noch kennen, die Familie noch weiß wie man aussieht und Kinder nicht verwundert schauen, wenn man sie in den Arm nimmt, findet man das alles gar nicht mehr so schlimm.
Eigentlich ist Schichtdienst okay.

Man darf sich nur nicht über Kleinigkeiten aufregen.

Übrigens: der Beitrag entstand um 02:15 Uhr. Mein Schlafrhythmus hat sich nach einem Nachtdienst-Marathon noch nicht umgestellt 🙂

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Erkenntnisse (2)

Wo war ich nochmal…

… als Deutschland den 4:0 Auftaktsieg machte?
… Im Rettungswagen.

… als Hummels Deutschland ins Halbfinale schoss?
… einsatzklar in der Rettungswache.

… als Deutschland den historischen Halbfinalsieg klar machte?
… mit Einsatzjacke und Melder auf Arbeit.

… als Deutschland den WM-Titel feierte?
… im Einsatz mit Frakturen, C2, Unfällen.

Das war die Weltmeisterschaft zwanzig-vierzehn.
🙂

Learning by doing

Meine Azubis fragen oft, woher man weiß,
* ob das EKG auffällig ist oder nur eine harmlosen Störung vorliegt,
* was genau die Ableitung bedeutet,
* dass das Herzgeräusch pathologisch ist,
* wie sich ein paralytischer Ileus anhört,
* dass der Thorax nicht belüftet ist, oder doch bisschen
* dass der Patient vor ihm eine Lähmung hat oder nicht.

Es ist nicht einfach, oft muss man Detektiv sein.

Aber du kannst es lernen.

Indem du deinen Patienten EKGs schreibst, alle Ableitungen anschaust, den Ausdruck genau untersuchst.
Indem du die Patienten abhörst und dir eine zweite Meinung vom qualifizierteren anhörst.
Indem du deinen Kollegen abhörst um zu wissen, wie sich ein gesundes Geräusch anhört.
Indem du selber dir soviel Wissen wie möglich aneignest, den Einsatz reflektierst, ihn im Lehrbuch nachliest.
Indem du einen Einsatzbesprechung anstrebst und dir Kritik gefallen lässt.

Ganz egal ob du das Wissen einmal brauchst und ob es einen Unterschied macht.
Wenn du es einmal brauchen wirst, wirst du froh darüber sein.

Und immer, wirklich immer versuchen soviel wie möglich zu machen, fragen, Initiative ergreifen.

Du lernst es nur, wenn du es oft genug machst.

Im Auge des Sturmes

Wenn…

… der einzige saubere Fleck am Einsatzort der Notfallrucksack ist…
… die Helligkeit von einem lichterloh brennenden LKW kommt…
… das lauteste Geräusch das verzweifelte Schluchzen einer Frau ist…
… im Raum die Gegenwart des Todes zu spüren ist…
… der Patient zu schwer für mich ist…
… die Schatten uns die Arbeit erschweren…
… die Zeit gegen uns arbeitet…
…wir in sengender Sonne oder strömenden Regen arbeiten…
… der Kleinwagen in seinen Einzelteilen vor uns liegt…
… der Patient kaltschweißig, tachycard und hypoton auf der Trage liegt…
… wir unser Leben aufs Spiel setzen…

… Dann mache ich eines.
Ich schließe kurz die Augen.

Schon, aber…

Der Kollege hatte vor einigen Wochen einen interessanten Beitrag geschrieben.

Vor gar nicht langer Zeit sah ich eine Situation, die mich an seinen Text erinnerte.

Ein kleines Kind, vielleicht 6 Jahre ist unterwegs zum Einkaufen. Es sitzt auf dem Fahrrad, hat vorschriftsmäßig den Helm aufgesetzt.
Hinter ihm fährt ein Elternteil, auch mit dem Rad und auch mit Helm.
So weit so gut, sehr vorbildlich, denke ich.

Hinter dem Fahrradsitz ist auf dem Gepäckträger ein Kindersitz befestigt, ein Kleinkind, vielleicht 2 Jahre alt, schaut fröhlich nach links und rechts.
Ich stutze kurz, denn ich sehe rote Locken aufblitzen.
Ich schaue ein zweites Mal hin.
Das Kind hat keinen Helm auf.

Verwundert fahre ich weiter.
Ich verstehe es nicht.

Ja, dann…

Es ist tiefe Nacht hier. Ab und zu fährt ein Auto vorbei, ich stehe draußen und genieße die Stille. Ein Unwetter zieht heran.

Da geht der Melder.
Im Auto lesen wir die Adresse (gar nicht so weit weg), den Namen und die Einsatzmeldung: v.a. Bauchschmerzen.

Hmm, dann müssen wir wohl mal schauen.
Beim Haus angekommen gehts erst mal mehrere Treppen hoch.

Oben erwartet uns schon der Patient. Kurzer Check, alles nicht so schlimm wie es sein könnte.
Der Bauch tut weh. Seeehr weh. Seit drei Tagen.
Vorsichtig taste ich ab. Keine Abwehrspannung, leichter Druckschmerz.

Dann kommen die zwei Fragen:
1. Was ist jetzt so schlimm geworden im Gegensatz zu paar Stunden früher, weshalb Sie dann auf die Idee kamen uns zu rufen?
2. Warum wollen Sie gerne jetzt behandelt werden und sind nicht um vielleicht halb 10 oder 15:24 Uhr zum Arzt gegangen?

Ich höre mir die Antworten schweigend an.
Um 03:47 Uhr habe ich keine Neuronen zum Diskutieren mehr.

Dein Kind

Diese Worte liest man oft in kleinen Orten, manchmal von Kinderhand geschrieben und mit Bildern verziert.
Oft steht dabei „Freiwillig wegen uns 30“ oder die Straße gehört zu einer 30er-Zone und es wohnen dort viele Kinder.

Der eine fährt 30. Nur nachts nicht, da sind doch keine Kinder unterwegs.
Der zweite fährt ab und zu 30, je nach Laune und der andere fährt eigentlich nie langsam. Warum auch? Reaktion, bremsen, alles gut. Passiert nichts.

Der Melder geht. Es ist einer dieser lauen Sommerabenden, an denen man auf der Terrasse sitzt und den Feierabend genießt. Der Hund spielt im Garten mit den Kindern und die Nachbarkids hört man Rad oder Inliner fahren.
Da hört man plötzlich ein quietschendes Bremsen, einen Stoß und Stille. Einfach Stille.
Sekunden später Schreie. Hohe Kinderstimmen voller nicht endenden Grauens.

Paar Minuten später sind wir da. Vor mir liegt der kleine Junge. Unter einer imposanten Platzwunde hat sich Blut gesammelt und sein ruhiges Gesicht verrät uns nichts.

Ein Lauf gegen die Zeit beginnt, der Hubschrauber ist schon auf Anflug und wir versorgen das Kind mit allem Notwendigen.

Als der Hubschrauber landet, stehen viele Leute da. Doch ich lese Betroffenheit, Angst, Traurigkeit, sehe Tränen und Ratlosigkeit.

Der gelbe große Vogel steigt in die Luft, ich schaue unseren Arbeitsplatz an, sehe auf das Auto und lese in Gedanken die Worte auf dem Schild :
„Es könnte auch DEIN Kind sein.“