Enttäuscht

Ich habe den Kollegen bei seinen ersten zaghaften Schritten im Rettungsdienst nicht beobachten können.
Als wir uns kennenlernten hatte er schon einige Erfahrungen hinter sich und wir fuhren ab und an einige Schichten.
Einige Kollegen äußerten Bedenken über seine Arbeitsweise,  doch ich konnte anfangs keine gravierende Fehler feststellen.
Mit der Zeit setzten sich jedoch auch bei mir langsam Zweifel fest. Kurze Momente der Überraschung wurden schnell abgelöst durch laut schrillende Alarmglocken, die sich durch einen Knopfdruck nicht ausstellen ließen.
Es ist schade, dass Kollegen, die kürzere Zeit als er im Rettungsdienst arbeiten, eine steilere Lernkurve an den Tag legen. Bei ihm begann sie, wie bei jedem anderen,  auf niedrigem Niveau. Doch im Gegensatz zu anderen macht er keinen Handschlag dafür, sein Niveau zu steigern und erweist sich zusätzlich als vollkommen beratungsresistent.
Möglicherweise urteile ich zu hart. Doch ich bin enttäuscht. Enttäuscht, dass er sich nicht bemüht. Aber auch enttäuscht von mir, dass ich nichts mehr tun kann und will um ihm zu helfen.

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Dienstgedanken (4)

Die Hitze ist so anstrengend, da fühl ich mich tausend mal müder und geplätteter als nach einem Nachtdienst-Marathon.

Sogar im Krankenhaus läuft alles einen Gang langsamer, verstohlene Blicke auf die Uhr, seufzende Töne und gerötete Wangen sind zuhauf zu sehen und hören.
Das Gute ist jedoch, dass die Venen viel besser hervortreten.
Und auch dieser Tag geht vorbei.

Klare Worte

„Dein Board hat übrigens dein Kumpel mitgenommen.“
Kaum habe ich diesen Satz ausgesprochen, zischt der Pfleger mir zu:
„Das interessiert ihn gerade gar nicht. Der hat doch ein ganz anderes Problem, z.B. seine Brüche und die Gehirnerschütterung.“

Bevor ich noch antworten kann, hebt der von seinem Sufenta-Ketanest-Dormicum-Cocktail benebelte 12-jähriger seinen Kopf, schaut mit leicht zuckenden Augen auf den Krankenpfleger und sagt:
„sehr wohl interessiert es mich, wo mein Board ist. War teuer.“

Sprachs und legte den schmerzgeplagten Kopf wieder ab.
Damit das mal klar ist.

Vierzig Grad

05:20 Uhr: ich wache auf, im Zimmer ist es sehr heiß. Einmal noch die Fenster weit auf, bevor ich die Rollos runterlasse um die Hitze auszusperren.

06:00 Uhr: es ist noch so früh und das Thermometer zeigt schon 22 Grad an, das kann ja heiter werden.

06:45 Uhr: ich will gar nicht aus meinen Sachen raus, die Dienstkleidung ist so schweißtreibend!!

08:00 Uhr: Auto ist gecheckt, Medikamente passen. Was wir nicht brauchen, sind Decken. Dafür mal 2 Infusion mehr aufs Auto.
Temperaturvergleich: 24 Grad

09:15 Uhr: erstmal einige Flaschen Wasser gekauft. Nicht dass ich nachher mit einer Infusion herum laufe. Die Temperatur beträgt jetzt 25 Grad. Gefühlt sind wir aber bei 30 oder so.

10:43 Uhr: einen Einsatz haben wir schon hinter uns. Wenn man normal geht, ist das alles kein Problem. Muss man bisschen mehr machen, läuft das Wasser!
Jetzt sind es rund 32 Grad, sagt das RTW-Thermometer

12:45 Uhr: zwei Liter Wasser sind schon weg. Ob die Bevölkerung auch soviel trinkt? Wärmevergleich? 35 Grad ist jetzt.

14:00 Uhr: manche versuchen sich sowenig wie möglich zu bewegen. Andere fahren mit dem Rad oder wandern. Find ich beeindruckend. Zum Glück ist mein Lieblingsinternist heute da.
Es wird immer wärmer.

15:10 Uhr: alles rollt, was rollen kann und fleißig beliefern wir die Klinik. Die Klima hat schwer zu arbeiten. 3,0 Liter sind jetzt sicher schon weg.
Thermometer zeigt stolze 37 Grad an. Oder noch mehr.

16:00 Uhr: ein Eis tut immer gut. Etwas Zeit zum durchatmen auf der Wache. Zweites Shirt holen.

17:10 Uhr: im Badesee hängt ein Thermometer. Knapp 40 Grad zeigts an, sagt der Patient. Obs stimmt, weiß ich nich, gefühlt ist es aber mindestens 45 Grad. Er wird in den schön aufgewärmten RTW verfrachtet. Langsam kühlt die Klima runter.

18:17 Uhr: jetzt ist Schluss mit lustig. Langsam bekomme ich Kopfweh. 3,5 Liter Flüssigkeit sind auch schon wieder draußen.
Hoffentlich ist bald Feierabend.

18:40 Uhr: Ablösung ist da, super! Melder wird übergeben. Alles paletti, Auto läuft. Jetzt müssten so um die 36 Grad sein, denke ich.

19:00 Uhr: rein ins Auto, Klimaanlage hochdrehen. Den heißesten Tag habe ich überstanden. Mit 4-5 Litern Flüssigkeit 🙂

In die falsche Richtung

Ich schleiche durch die Klinikgänge, es ist tiefe und ruhige Nacht.
Gerade haben wir einen schwerkranken Mann gebracht, der die nächsten Stunden nicht überleben wird.
Auf einmal kreuzt jemand meine Wege.
Wir kennen uns gut. Ich habe ihn oft durch die Straßen kutschiert, mich gut mit ihm verstanden und in Einsätzen harmonisch zusammen gearbeitet. Seit längerer Zeit ist er jedoch nicht mehr als Notarzt gefahren.
Freudig schaue ich ihn an und auch er lächelt mir zu. Wir setzen uns in eine ruhige Ecke und plaudern bisschen über alles mögliche.
Natürlich fällt auch die Frage, warum wir uns schon so lange nicht gesehen haben und mit seiner Antwort huscht ein trauriger und bedrückter Zug über sein Gesicht. Forschend schaue ich ihn an und frage, wie es ihm geht.
Zuerst will er nicht recht mit der Sprache raus, doch dann sagt er, dass er seit mehreren Wochen gesundheitlich angeschlagen sei.
Zögerlich kommt auch seine Antwort:
„Ich glaube auch, dass es mit der Arbeit zu tun hat. Doch nicht so wie du denkst.“
Langsam berichtet er mir über Entscheidungen, die er traf, die nach außen als die beste Wahl schienen, auch wenn dies vielen anderen schadete.
Mittlerweile sieht er, dass dies ihn krank gemacht hatte und im Inneren herrscht ein Konflikt, weil er ganz genau weiß, dass er in die falsche Richtung geht.
Mit verdunkelten Augen sieht er mich an und flüstert: „doch ich kann nicht mehr zurück. Ich glaube, es ist zu spät.“

Nachdenklich und schweigend sehe ich auf den Boden. Diese Geschichten habe ich so oft gehört uns ich weiß, dass Floskeln wie komm, so schlimm ist es nicht
Du musst ja an dich denken.
Kopf hoch, das geht auch vorbei.
Nichts als leere Worte sind.

Fest sehe ich ihm in die Augen und sage ihm die Worte, die ich so vielen schon sagte und die einen Frieden ausstrahlen, der mehr bedeutet als alles in der Welt.
„Versagen ist nie ein Ende und zu spät ist es nie. Komm zu dem, der deine Last abnehmen will. Er wird dir Ruhe geben.“

Langsam steht er auf und drückt mir die Hand.
Ich hoffe, er hat verstanden.