Das Gebet eines Notfallsanitäters

Herr,
du weißt, was an diesem Tag vor mir liegt.

Du weißt, wer mich heute um Hilfe bitten wird und welche Menschen sich in Situationen befinden werden, die sie sich nie vorgestellt haben und aus denen sie keinen Ausweg finden.

Aus diesem Grund bitte ich dich voller Demut, dass du mich mit deinen Engeln umgibst, damit jede meiner Entscheidungen und Taten durch dich gelenkt ist.

Ich bitte dich, für alle, die mich um um Hilfe anflehen und auch für die, die nicht mehr bitten können, ein guter Samariter zu sein, der ihnen hilft und sie rettet.

Hilf mir, so vielen wie nur möglich zu helfen. Und wenn mein Gesicht das letzte ist, das sie hier auf Erden erblicken werden, dann bitte ich dich, dass sie Augen sehen, die deine Liebe für sie widerspiegeln.

Verfasser unbekannt

Der Unterschied

Es ist später Vormittag. Die Sonne scheint ziemlich warm für einen Herbsttag und während wir zwischen Feld und Wiese fahren, bin ich fast glücklich, dass heute so ein schöner Tag ist.

Wir werden am Einsatzort empfangen und zum Patienten geführt. Ein sehr junger Mann liegt auf der Couch und schaut uns etwas gequält an. Schmerzen hat er und das auf der linken Seite. Es lässt sich nicht ganz eruieren, ob die Schmerzen eher Richtung Rücken sind, ob in der Herzgegend oder am Brustkorb. Aber Schmerzen hat er und sein Augen schauen mich sehr verängstigt an. Wir arbeiten unsere Standardprogramm ab und können zwar erstmal lebensbedrohliche Erkrankungen ausschließen, jedoch ändert sich kaum was an der Situation.
Mittlerweile hat sich auch die Notärztin mit dem Patienten befasst, stellt ihm einige Fragen und untersucht ihn.
Ich kann mir nicht helfen, aber ich kann mich eines unguten Gefühls nicht entwehren. Liegt es daran, dass der Patient der deutschen Sprache nicht so mächtig ist? Liegt es daran, dass er augenscheinlich zu entspannt wirkt, um tatsächlich Schmerzen zu haben? Liegt es daran, dass er viel zu jung ist, um gefährliche Erkrankungen zu haben? Ich weiß es einfach nicht.
Mit einem überlegenen Lächeln schaut die Notärztin unser Team an: „Also, der hat doch nichts, ist wahrscheinlich entweder irgendwas muskuläres oder irgendwas hier“, und mit den letzten Worten tippt sie sich vielsagend an die Schläfe und zieht die Augenbrauen bedeutungsvoll hoch.

Schnell ist die Entscheidung gefällt worden, dass wir als Rettungswagen allein in die Klinik fahren und das ist mir ganz lieb so. Endlich kehrt bisschen Ruhe in meinem Rettungswagen ein und ich kann mich mit dem Patienten unterhalten. Langsam und mühsam ist das Zwiegespräch, ich muss oft einige Worte wiederholen, mal etwas lauter sprechen. Ja, die Maske, die dicht an meinem Gesicht sitzt, erschwert die Kommunikation. Aber ich erfahre trotzdem alles, was ich wissen will und stellenweise sehe ich auch ein Lächeln im Gesicht des jungen Mannes.

Nach der Übergabe in der Klinik beschäftigt mich diese Situation noch lange. Es liegt nicht daran, dass der Einsatz besonders kompliziert war, oder dass das Krankheitsbild so komplex war. Es liegt nicht daran, dass wir uns großer Gefahr ausgesetzt haben oder aufs Äußerste gehen mussten.
Ich stelle mir die Frage, warum Menschen andere Menschen nicht mit dem Respekt behandeln, der jedem Menschen zusteht. Während ich die Bilder in meinem Inneren vorbeiziehen lasse und vor Augen habe, wie verängstigt, gequält, beunruhigt, schmerzgeplagt der junge Mann auf der Liege lag und wie anmaßend, arrogant und gewissermaßen auch verachtend die Menschen um ihn herum waren, wünsche ich mir nur eines, dass der Mann in Erinnerung behält, dass ich ihm auf dem Weg in die Klinik das Gefühl geben wollte, dass ich ihm helfen will, dass ich seine Situation nicht herunterspiele und dass ich weiß, dass er eine Behandlung benötigt.

Viele stellen sich vor, dass es im Rettungsdienst um eines geht: um spektakuläre Ding, die am Besten mit Blaulicht gefahren werden.
In all den Jahren im Rettungsdienst habe ich gemerkt, dass es um das Eine geht: Den Unterschied machen.

Die Menschen werden sich vielleicht nicht mehr daran erinnern, wie ich aussah, ob ich eine Brille hatte, ob meine Jacke rot oder orange war. Sie werden vielleicht nicht mehr so genau wissen, ob wir einen Zugang gelegt haben oder ob wir Blut abgenommen haben. Sie werden sich möglicherweise gar nicht erinnern, wie viele Menschen vor Ort waren.
Aber sie werden sich erinnern, wie es ihnen ging, als ich hereinkam. Sie werden sich erinnern, was sie gefühlt haben, als ich ihnen Fragen gestellt haben. Sie werden sich erinnern, wie ich sie gebeten habe, sich für Untersuchungen das Shirt hochzuziehen. Sie werden ganz genau wissen, wie ich mit ihnen gesprochen habe, als ich ihnen die Untersuchungsergebnisse mitgeteilt habe. Sie werden sich erinnern, ob ich mich bemüht habe, ihnen die Angst zu nehmen, sie werden sich erinnern, ob ich ihnen gesagt habe, dass es im Rettungswagen wackelt und sie werden sich erinnern, ob ich ihnen zum Abschied ein freundliches „Gute Besserung“ gesagt habe.
Sie werden sich erinnern, wie sie sich gefühlt haben und dies ist wirklich das einzige, worauf es ankommt: Mache ich den Unterschied?