Der Narr

Es lebte mal ein König, der einen Hofnarren hatte. Im ganzen Land war kein einziger, der so war wie er. 

Eines Tages schenkte der König ihm einen Stab und sagte ihm: „Diesen Stab gebe ich dir, weil du der größte Narr bist und es deinesgleichen keinen anderen gibt. Du darfst den Stab nicht verkaufen noch verschenken. Findest du aber einen Menschen, der ein größerer Narr ist als du, musst du ihm den Stab übergeben.“

Lange Zeit später kam die Nachricht, dass der König auf dem Sterbelager läge. Der Narr kam in sein Zimmer: „ich habe gehört, du machst dich auf die Reise?“ Betrübt antwortete der König: „Ja, ich habe keine andere Wahl, ich muss gehen.“ Der Narr zeigte sich bestürzt darüber, dass es einen höheren Herrscher als seinen König gibt und fragte weiter: „aber du kommst zurück?“ „Nein“, erwiderte der König. „Nicht? Dann hast du dich sicherlich sehr gut darauf vorbereitet?“ Als der König das verneinte, schob er schnell hinterher: „bestimmt hast du es erst jetzt erfahren, dass du die Reise ohne Wiederkehr antreten musst.“ Der König schüttelte nur verzweifelt den Kopf. Der Narr schaut ihn mit traurigen Auge an. Leise legt er den Stab auf des Königs Bett und spricht: „Du wusstest, dass du eine Reise antreten wirst, von der du nie zurückkommen wirst und hast keinerlei Vorkehrungen dafür getroffen. Du bist der größte Narr, den es gibt.“ Und langsam verlässt er das Zimmer..



Der Mann, der in meinem Auto liegt ist noch sehr jung. So jung, dass er mein älterer Bruder sein könnte und so jung, dass wir uns eigentlich duzen sollten. Ich bewahre aber die professionelle Distanz und erkläre ihm nun das weitere Prozedere. 

Nach paar Minuten ist Stille im Auto. Ich weiß, dass ich noch ungefähr 10 Minuten Zeit habe, bis wir im Krankenhaus angekommen sind. Ich beginne das Gespräch, indem ich ihn frage, wie genau er über seine Diagnose Bescheid weiß. Nüchtern erklärt er es mir und benutzt Wörter, die kein normaler Mensch kennt. 

Ich sitze erstmal nachdenkend da. Dann frage ich ihn, genau so wie es der Narr tat, was er getan hat, um sich auf seine Reise vorzubereiten. Ausweichend antwortet er mir. Er weiß nicht was kommt, er stelle es sich so und so vor aber vielleicht ist es ja ganz anders. Im Endeffekt muss er jedoch, wenn nicht so deutlich wie der König, zugeben, dass er sich eigentlich nicht auf die Reise vorbereitet hat, obwohl er weiß, dass er an dieser Krankheit in naher Zukunft sterben wird.

Still schaue ich ihn an. Wir haben nicht mehr lange ins Krankenhaus und ich fühle, dass meine Worte vergeblich sind und wären. 

Tief in mir frage ich mich, wie ein Mensch im Angesicht des Todes so denken kann. 

Ich weiß, dass es verschiedene Phasen von Sterben gibt und dass er vielleicht in einer Phase ist, in der er das Sterben noch nicht realisieren kann. Er weiß jedoch, dass er in naher Zukunft von dieser Erde gehen wird und verschwendet keine Zeit für die Vorbereitung.

Das ist närrisch. Um es in den Worten der am Anfang geschrieben Geschichte auszudrücken.

Advertisements