LAD in (nicht so) GAZ

Wir sind da, weil ihr Mann uns gerufen hat. Sie selber wäre nie auf die Idee gekommen, den Notarzt zu holen, „der ist doch nur für die ganz Kranken da.
Die Liebe alte Dame im ansonsten guten Allgemeinzustand sitzt etwas kurzatmig in der Küche und heimlich beruhigend streicht ihr „Vati“ den Arm.
Angefangen hat es schon gestern Abend, heute Nacht kamen Schmerzen dazu und nun nach dem Frühstück wurde es so schlimm, dass sie eigentlich den Hausarzt um einen Besuch bitten wollten.
Dass dann gleich soviele Menschen mit Blaulicht kommen, hatten sie nicht gedacht, „die fahren doch nur so schwere Unfälle!“

Es hilft alles nichts, „Mutti“ muss ins Krankenhaus. Ganz dringend und sofort.
Aber ich war noch nie im Krankenhaus, meine sieben Kinder sind daheim geboren und sogar die Zwillinge haben es geschafft. Und jetzt muss ich ganz wirklich mit?“

Ja, sie muss ganz wirklich mit. Als sie im Auto und auf der Trage liegt und um sie herum alle arbeiten und sie transportfertig machen, entschuldigt sie sich tausendmal für die Mühe, sie könne ja sitzen und überhaupt, das Taxi reiche ja.

Ich sitze im NEF und schaue dem RTW hinterher, der mit Blaulicht und Martinshorn davon fährt und kann ganz deutlich die Worte der süßen Oma hören:
„Oh, warum fahren wir mit Martinshorn? Mir gehts doch sehr gut.“

Und ich? Ich muss ein bisschen weinen.

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Schachmatt

Ein langer Tag geht zu Ende. Heute war wieder ziemlich viel los und die Autos waren dauernd unterwegs. Müde und schweigend  erledigen alle die restliche Bürokratie und warten auf die Ablösung.
Nach der Übergabe und dem Umziehen gehe ich langsam Richtung Auto und freue mich auf den Feierabend. Heute will ich nur eines: schlafen.
Da höre ich meinen Kollegen hinter mir telefonieren. Während ich weitergehe, schnappe ich einige Wortfetzen auf und bemerke seine Frustration.
Ich drehe mich um und schaue ihn an, frage, was los ist.
Seine Blicke sprechen mehr, als Worte es sagen können. In seinem Gesicht kann ich mehr lesen, als er mir sagt. Seine Augen schauen unendlich traurig, genervt und zutiefst erschöpft.
Ich gehe nachdenklich nach Hause.
Manchmal ist es nicht leicht.

(Wie) kommst du an?

Auf dem Weg zur Arbeit lege ich ein großes Stück auf einer stark frequentierten Straße zurück.
Ich glaube, dass man selten so viel über Menschen lernen kann wie auf den Straßen.

Es fahren schnelle Autos und langsamen Autos, Motorräder und LKWs. Manchmal sogar landwirtschaftliche Fahrzeuge.
Viele Menschen sind unter Zeitdruck und wenn ein langsames Auto vor ihnen fährt, nutzen sie die nächste Möglichkeit.

Dann wird überholt.

An langen Geraden und an unübersichtlichen Stellen. An Kurven, im Überholverbot und sogar trotz Gegenverkehr.

Viele denken sich: das wird schon reichen, der andere bremst halt.
Oder: da kommt sicher gerade keiner, wird schon klappen.

Manchmal frage ich mich, was die Leute dazu führt, ihr kostbares und einmaliges Leben für so eine Aktion zu riskieren, die ihnen höchstens paar Minuten mehr verschafft.

Oft frage ich mich:
Was ist es wert!?

Allein auf weiter Flur

RTW Einsatz mit Signal; v.a. Kreislaufprobleme
Schnell sind mein Kollege und ich im Auto. Vor paar Minuten ist das NEF nach JWD (janz weit draußen) gefahren, also ist es erstmal nicht verfügbar.
Unterwegs überlegen wir, was wir mitnehmen sollen. Auf jedenfall den Rucksack und das EKG.
Am Einsatzort angekommen empfängt uns schon die Ehefrau des Patienten.
Aufgeregt erzählt sie, dass er schon einige Tage krank sei und nun kaum aus dem Bett rauskommt. In der Wohnung sehen wir in im Bett liegen, schwer atmend und leicht zyanotisch. Schnell checken wir die Vitalwerte ab:
Blutdruck: 90/70
Puls: 120
O2-Sättigung: nicht wirklich messbar, da zyanotische Finger, Re-kap Zeit jedoch sehr sehr verzögert, ca 6 Sekunden
BZ: 106 mg/dL

Zudem ist er ziemlich somnolent (d.h. bewusstseinsgetrübt, schläfrig), bis vor einigen Stunden war eine Kontaktaufnahme ohne Probleme möglich.

Vorerkrankungen sind keine bekannt, außer die bekannte Grippe seit einer Woche.

Ich atme kurz tief ein und gebe dann Anweisungen:

„Kollege, du holst die Trage, mach die Heizung an; Frau D. Sie suchen die KV-Karte heraus und dann fahren wir schnellstmöglich.“

Während mein Kollege die Trage vorbereitet, krame ich schnell die Sachen für einen i.v.-Zugang heraus und rufe die Leitstelle an um abzuklären, ob der Notarzt abkömmlich sei.

Die Venenverhältnisse sind akzeptabel, mehr als eine Rosanüle brauche ich gerade nicht unbedingt und diese ist schnell versenkt. Wenn es drauf ankommt, geht es immer.

Im Auto angekommen erfahren wir, dass der Doc 1. zu weit weg und 2. nicht abkömmlich sei.

Der andere Doc braucht ungefähr 20 Minuten und ich mit Signal in die Klinik 7 Minuten.

Also nicht lange überlegen: mein Kollege und ich treffen die Entscheidung, ohne Notarzt und mit Signal zu fahren.

Unterwegs messe ich die Temperatur (40,2) und setzte sowohl Infusionstherapie als auch Sauerstoffgabe fort.

Sein Blutdruck steigt leicht an, jedoch ist die Zyanose immer noch ausgeprägt und seine Wachheit mit einer neun auf der GCS keinesfalls ein Umstand, der mich beruhigt zurücklehnenlässt.

Einige Minuten später ist die liebe Internistin von der ITS an meiner Seite.

Nach Erledigung des Papierkrams gehe ich nachdenklich zum Auto.

Alleine sein kann ich.

Muss aber nicht immer sein.

Anmerkung: ich weiß, dass ein Notarzt präklinisch genau diese Maßnahmen ergriffen hätte, ggf. bei weiterer Vigilanzminderung intubiert hätte.
Jedoch ist diese Symptomatik eine NA-Indikation und ich schätze, jeder wäre froh gewesen, wenn er einen Fachmann zur Seite hätte. 🙂