Ist das selbstverständlich?

Ab und zu blätter ich sowohl die Zeitung als auch im Internet diverse Blätter durch und schaue mir die Todesanzeigen an.
Den einen habe ich reanimiert, er hat es nicht geschafft.
Die zweite hatte eine Hirnblutung.
Der junge Mann verlor sein Leben im Unfall.
Das Kind starb einige Wochen nach der Geburt.
Ich kenne die Namen und zum Teil die Krankheitsgeschichte.

Einige Zeit später erscheinen Danksagungen.
In mehr oder weniger gleichen Worten wird gedankt:
– Dem Hausarzt für die gute Versorgung.
– Dem Pfarrer für die tröstenden Worte.
– Den Sängern für den musikalischen Rahmen.
– Den Trauergästen für den Händedruck.

Selten lese ich, dass den unermüdlichen Mitarbeitern der Intensivstation gedankt wird, Krankenhäuser werden noch seltener erwähnt und so gut wie gar nie liest man Dankesworte an Rettungsdienst und Krankentransport.
Da ist der langjährige Dialyse-Patient.
Die Dame mit dem Krebs, die immer zur Bestrahlung muss.
Patienten, die wir regelmäßig zum Arzt fahren.
Menschen, die wir reanimiert haben, das beste geben, verlieren und auch fassungslos mittrauern.

Manchmal lese ich diese Anzeigen und hoffe, dass vielleicht doch jemand uns dankt. Und traurig muss ich das Blatt aus der Hand legen und mich enttäuscht der Arbeit zuwenden.
Der Arbeit, die ich aus vollem Herzen tue.

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Grenzenloses Vertrauen

„Schauen Sie mal, hab mich vorhin verletzt, das muss genäht werden, denk ich.“
„Alles klar, dann kommen Sie mal rein ins Auto, ich schaue es mir kurz an okay?“
„Oh, können Sie es dann gleich nähen? “
🙂

Wenn Patienten so großes Vertrauen in uns und unsere Kompetenzen haben. Wir können doch einfach alles!

Ich muss auch da hinzufügen, dass ich in den ganzen Rettungsdienst-Jahren bisher noch keinen Einsatz hatte, in dem mein Beruf belächelt oder verachtet wurde.
Es gab den ein oder anderen, der nicht besser Bescheid wusste (sind ‚alles Sanitäter mit einem Krankenwagen‘) oder den nächsten, der mit dem falschen Fuß aufgestanden war und zickig reagierte, als man eine normale Antwort auf eine normale Frage erwartete.
Andere mussten sich, nicht nur von Patienten sondern auch von Ärzten, als arrogante Besserwisser oder Menschen mit einem Erste-Hilfe-Kurs betiteln lassen.
Ich bin froh, dass meine Patienten bis her fanden, dass ich sie draußen zusammenflicken kann. Oder so ähnlich.
🙂

Dieser Moment

Verzweifelt steht die Frau neben mir. Sie weiß mit ihren Händen nichts anzufangen, denn bis vor kurzem hielt sie noch einen wertvollen Gegenstand in ihnen. Sie reichte mir dieses unbezahlbares Ding weiter, weil da etwas nicht in Ordnung war, sie jedoch einfach nicht sagen konnte, was los ist.
Auch ich schaue jetzt auf dieses Bündel Mensch hinunter und versuche klare Gedanken zu fassen. Um mich herum höre ich leises, verzweifeltes Schluchzen und mein Auge hätte am Liebsten mitgeweint, mein Unterbewusstsein hält mich jedoch davon ab.
Während ich da so stehe und meiner Ausbildung gerecht werden möchte, fallen mir zwei Sachen auf. Ich selber bin aufgeregt und meine Hände zittern.
Hier weiß ich sofort, dass ich unbewusst schon längst realisiert habe, dass das junge Leben hier kurz vor dem Absprung steht, dass es hier um alles geht.
Und in diesem Moment treffe ich die Entscheidung, das beste zu geben, egal was kommt.
Langsam werde ich ruhiger, meine Professionalität umfängt mich wie ein Schutzschild und hilft mir, diesen schrecklichen Einsatz zu überstehen.

Unvergessen

In manchen stillen Minuten sitze ich da und denke nach. Über das Leben, über das Sterben. Über krank- und gesundsein. Über viel und wenig und über das hier und jetzt.
Ich denke über meinen Beruf nach, über meine Arbeit. Ich denke über die Patienten und über die Kollegen nach. Vieles schwirrt in meinem Kopf herum und ich versuche, eine klare Struktur zu entwickeln.
Hier und da blitzen Namen auf, vergessene Einsätze, nie vergessene Bilder.
Manchmal kommt der Gedanke, wie viel ich schon gesehen, erlebt, gerettet und verloren habe. Manchmal frage ich mich, ob Menschen, die doppelt so viele Jahre zählen wie ich, jemals solche Dinge sehen werden.
Manchmal stelle ich mir vor, was wäre, wenn andere Menschen sehen würden, welche Bilder in meinem Kopf noch umhergeistern.
Manchmal sitze ich ganz still da, lasse diese Gedanken zu und rufe mir bewusst die Bilder in Erinnerung.
Dann schaue ich zu dem, der mich versteht und schütte mein Herz vor dem aus,  der stärker als jedes Leid ist. Ja, ich weiß, dass es einen gibt, der mächtiger ist als alles in der Welt und auf ihn habe ich mein Vertrauen gesetzt.