Stille

Es ist oft laut und stürmisch, voller Adrenalin. Die Anfahrt ist gepaart mit dem durchdringenden Ton des Martinshorns und das Krächzen des Funks.

Am Einsatzort angekommen wird meist sehr schnell das benötigte Material genommen und es geht in beschleunigter Geschwindigkeit in die Wohnung.
Auch direkt vor Ort herrscht ein geordnetes Chaos. Jeder weiß, was zu tun ist und normalerweise sitzt jeder Handgriff.
Klebst du die Paddles?“ „Das Adrenalin ist schon aufgezogen, der Zugang sitzt schon.“ „Kurze Pause, ich muss mal intubieren.“ „Hm, haben wir einen Rhythmus?“ „alle weg vom Patienten.“ Und so weiter.

Selbst wenn kein Wort gesprochen wird, herrscht eine beschäftige Grundstimmung, jeder wuselt herum und erledigt seine Aufgaben.

Bis dann plötzlich die Worte fallen: „Nur noch 5 Minuten.“ Nach diesen 5 Minuten ist alles anders. Nun scheint es, als würde einem Luftballon die Luft entweichen. Resigniert lassen alle den Kopf sinken und die eben so eifrigen und emsigen Hände versuchen fahrig und enttäuscht das Material zu sortieren. Aus dieser „wir schaffen es-“ Stimmung wurde eine „es hat nicht gereicht-“ Stimmung.

Langsam kehrt Ruhe ein. Der eben Verstorbene wird von allen Materialien befreit, das Hemd geschlossen, es wird versucht, eine würdige Situation herzustellen.
Der Raum leert sich und das Chaos ebbt ab.

Niemand ist mehr hier. Ich stehe alleine in dem eben so gefüllten Raum, der noch vor paar Minuten vor Adrenalin und mächtiger Medizin nur so strotzte.
Ich schaue auf den Menschen, um den wir in den letzten Minuten so intensiv gekämpft haben. Dabei ist es komplett irrelevant, ob er jung oder alt, Mann oder Frau, Mädchen oder Junge ist. Er war mein Patient.
Still stehe ich vor ihm. Ich senke meinen Blick und lasse die Situation auf mich wirken. In meinen Gedanken spreche ich Worte, die nur für den Schöpfer bestimmt sind. Worte, die dieser Mensch nie mehr hören wird.

Während ich leise und gedankenvoll den Raum verlasse, kommt mir der Satz in den Sinn der soviel Weisheit beinhaltet.

Es gibt viele Arten von Lärm. Aber nur eine Stille. 

Advertisements

Buchrezension „Rettungsgasse ist kein Straßenname“

Der Verlag „eden books“ schrieb mich vor einigen Monaten an und fragte, ob ich das neue Buch von Jörg Nießen lesen will. Sie stellten mir das Buch kostenlos zur Verfügung, ich erhalte jedoch für die Rezension kein Geld.
Ich bedanke mich hiermit bei dem Verlag, dass ich die Möglichkeit hatte, das Buch zu lesen und möchte euch nun einige Aspekte schildern.

Zum Autor:
Jörg Nießen hat schon einige Bücher geschrieben. Im September 2018 erschien sein neues Buch „Rettungsgasse ist kein Straßenname“. Seine Bücher sollen nicht den Charakter eines Fach-oder Sachbuches haben sondern eher der Unterhaltung dienen, aber auch zum Nachdenken bringen. Insbesondere die Thematik der Rettungsgasse wird mit dem Buchtitel herauskristallisiert.
Er ist Feuerwehrmann und Notfallsanitäter und schon über 20 Jahre im Rettungsdienst tätig; aktuell arbeitet er in einer Großstadt in NRW.

Das Buch:
222 Seiten, 19 Kapitel, 17 Geschichten aus dem Rettungsdienst und der Feuerwehr.
Die Geschichten sind alle komplett in sich abgeschlossen und bauen nicht aufeinander auf und können somit als einzelne Erzählung gelesen werden. Die Hauptpersonen sind Jörg und sein Kollege Hein.
Jedes Kapitel besteht aus zwei Überschriften, die zum einen einen groben Überblick über die Thematik  und zum anderen eine kleine Zusammenfassung geben.
Beispiel: Wer heilt, hat recht. Alternative Heilmethode vs. Schulmedizin 

Im Speziellen:
Jörg Nießen behandelt in seinem Buch verschiedene Themen, die auch heute einen hohen Stellenwert einnehmen. Die Geschichte „Rettungsgasse in kein Straßenname“ beschreibt ziemlich eindeutig, wie die Realität auf den deutschen Straßen aussieht.

„Wer oder was bist du denn? Rettungsgasse ist kein Straßenname!“
Ein Coupé der Marke Mercedes-Benz fühlt sich berufen, uns vorauszufahren. Über die Motivation des Fahrers kann man im Nachhinein nur spekulieren, jedenfalls zog der Möchtegern-Sportwagen plötzlich und ohne erkannbaren Grund in die Rettungsgasse und hoffte wohl auf freie Fahrt für freie Bürger.
Seite 27

Doch wenige Minuten später wird er von der vorbildlichen Reaktion der Verkehrsteilnehmer, die die Straße frei machen, erfreut.
Dieses Kapitel beschreibt zudem auch noch die mangelnde Bereitschaft, anderen Menschen zu helfen, wie es folgendes Zitat belegt:

Unsere Anfahrt hatte knapp zehn Minuten in Anspruch genommen. Anruf und Alamierung hinzugerechnet, hatte unsere Patient mindestens zwölf Minuten ohne Sauerstoff verbracht. Da wäre es durchaus hilfreich gewesen, wenn sich jemand vom Lammrücken hätte losreißen können, um ein wenig Erste Hilfe zu leisten.
Seite 30

Die nächsten Seiten sind gefüllt mir Erzählungen aus dem Rettungsdienst, sei es eine Frau, die im Pflegeheim Kekse anbrennen lässt und deren Wohnung die Retter erschauern lässt oder ein Mann, der aus lauter Liebe ein Tier erdrosselt. Aber es gibt auch einige Geschichten, die zeigen, dass auch ein hervorragendes System wie unseres versagen kann. Und dass es überall diese Menschen gibt, die sich auf ihren Stand etwas einbilden.

Meine Meinung und Empfehlung:
Das Buch ist sehr kurzweilig und interessant geschrieben. Jörg Nießen hat einen unterhaltenden und trockenen Schreibstil, gewürzt mit einer Priese Humor und Sarkasmus. Sehr oft habe ich die ernste und traurige Realität hinter diesen lustig zu lesenden Geschichten herausgehört, weil ich sie selbst zu gut kenne.
Meiner Meinung nach ist es einfach, das Buch unter dem Gesichtspunkt der seichten Unterhaltung zu lesen. Wer jedoch nachdenken möchte, ist gezwungen, die Geschichten differenzierter und über den Tellerrand sehend zu betrachten.
Ein großes Manko des Buches ist in meinen Augen die Ausdrucksweise. Ich bin kein Freund von harter Sprache, wie es leider in diesem Buch und auch im Rettungsdienst gang und gäbe ist. Da ich weiß, dass dies ein Kennzeichen der Bücher dieses Autors ist, würde ich dieses Buch selber nicht kaufen.
Wer eine leicht zu lesende Lektüre über den Rettungsdienst und die Feuerwehr wünscht, wird mit diesem Buch sehr wahrscheinlich keine falsche Entscheidung treffen; ich kann es nicht uneingeschränkt empfehlen.

Eckdaten:
Erschienen beim Verlag „eden books“, erhältlich für 12,95€.

Disclaimer:
Die Zitate sind dem Buch entnommen. Alle Rechte liegen beim Verlag.