Coming home

Der Konvoi zieht über die Autobahn. Ein schweres Fahrzeug nach dem anderen dröhnt über den heißen Asphalt. In einem der Fahrzeuge sitzt ein junger Mann, der zwar seine Augen auf die Fahrzeuge vor ihm gerichtet hat, seine Gedanken aber mehrere tausende von Kilometer weit weg sind.
Sein Auslandsaufenthalt neigt sich dem Ende zu, die letzten Jahre waren nicht immer einfach gewesen, doch nun kann er sich endlich auf seine Heimat freuen. Weit entfernt auf einem anderen Kontinenten wartet seine langjährige Verlobte, das Hochzeitsdatum steht schon lange fest und Freunde und Familien warten auf diesen lang ersehnten Tag.

Plötzlich steigt ein scharfer, unangenehmer Geruch in sein Nase. Ein Geruch, den er schon lange nicht mehr gerochen hatte, den er aber nie vergessen kann. Panik steigt in ihm hoch und unruhig schaut er sich im Auto um. In diesem Moment sieht er die Flammen und alles wird anders.

 

An diesem heißen Samstagnachmittag dümpelt die Zeit vor sich her. Die üblichen Aufgaben sind erledigt und die Retter sitzen in der Sonne und warten auf ihren Einsatz, als der Notfallmelder sie aus der Lethargie reißt.
Dieses Mal scheint es ein Großaufgebot zu sein und neben dem Rettungswagen und dem Notarzt fahren auch mehrere Streifenwagen und Feuerwehrfahrzeuge Richtung Autobahn.
Schon einige Kilometer von der Unfallstelle entfernt sieht man eine starke Rauchentwicklung, die es unmöglich macht, zu nahe an die Unfallstelle heranzukommen.
Man sieht eine ganze Gruppe Soldaten, die Betroffenheit ist in ihren Augen zu lesen, einigen fließen Tränen über die braungebrannten, harten Gesichter, während die anderen unzusammenhängende Sätze stammeln: „he was crying… screaming… why?“.

Meine Kollegin steht wie erstarrt vor diesem Schauplatz, der für viele Menschen ein schrecklicher Albtraum geworden ist. In ihrem Gesicht sieht man Angst und Schrecken und eines weiß ich: sie wird nie vergessen, wie der junge Mann dort in den Flammen seinen Tod fand.
Ja, er war auf dem Weg nach Hause, sein Herz war schon dort, wo seine Lieben auf ihn warten. Doch es kam alles, alles anders.

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Berufskrankheit

Vor einiger Zeit redete ich mit einem meiner Notärzte, mit dem ich ein freund-schaftliches Verhältnis pflege. Wir sind auf einer gemeinsamen Wellenlänge und teilen nicht nur die selben Weltanschauungen.
Er selbst ist Vater dreier kleinen Kinder, alle noch im Vorschulalter. Vor einiger Zeit hatte er den Badesee besucht und die Kids spielten im flachen Wasser des kleinen Sees. An sich nichts Besonderes und keine Angst, es ist auch nichts Schlimmes passiert.

Als wir uns darüber unterhielten, kristallisierte sich heraus, vorauf er eigentlich hinaus wollte. Immer wieder hatte er sich vergewisserst, ob es den Kindern tatsächlich gut geht, ob keines von ihnen in Begriff steht, ins tiefere Wasser abzuwandern oder andere Überraschungen bereithält – wie jeder gute Vater es nun macht.
Was er dachte, ist jedoch nicht Standard. In seinem Kopf spielte er alle möglichen Szenarien durch:  Was ist, wenn die Große paar Meter weiter geht, gerade wenn ich weg sehe? Was ist, wenn der Bub die kleine Maus ausversehen stößt und sie hinfällt – paar Momente reichen, damit ein so kleines ertrinkt, war das nicht bei dem einen Notfall auch so? Und was ist, wenn ich sie reanimieren muss? 15:2? Und waren die Beatmungen auch dabei? Hilfe, ich habe meine Notfalltasche nicht auf Verfall gecheckt.
Okay, was machen wir nochmal Schritt für Schritt? Ich habe hier auch keine Rettungsassistenten dabei, die mir helfen können….. 

In euren Ohren mag sich das vielleicht ein wenig übertrieben oder lächerlich aussehen, vielleicht denkt der andere aber auch, dass es normal ist, weil sich Eltern prinzipiell Sorgen machen um ihre Kinder.

Mir ist klar geworden, dass ich jedoch sehr ähnlich denke und handle.
Bin ich in einer fremden Stadt, schaue ich zuerst, ob ich anhand der Straßenschilder das nächste Krankenhaus finden kann.
Auf Autobahnen schaue ich mir jede Ausfahrt an um auch ohne Navi sagen zu können, wo ich mich befinde. Bin ich auf einer Überlandstraße unterwegs präge ich mir wichtige Punkte ein und merke mir den letzten Ort, durch den ich gefahren bin.
In großen und unbekannten Häusern möchte ich zuerst wissen, wo die Notausgänge sind und wie ich dahin komme und gibt es auch einen Feuerlöscher?
Bin ich in Hallen, Versammlungsräumen oder anderen großen Häusern, mache ich mir, bevor ich mich auf den Grund meines Herkommens (Konferenz, Konzert, Besprechung) konzentriere, einen Plan im Kopf, wie ich am Schnellsten hier heraus kommen könnte, wie ich am Schnellsten eine Person herausbringen könnte, wie ich am Schnellsten eine Person zwischen Stuhlreihen zu einem freien Platz bringen könnte. Ich mache mir einen Plan, wie ich reagieren würde, wenn eine Person reanimationspflichtig wird, was ich mache, wenn eine Person einen Herzinfarkt hat und wen ich zur Hilfe bitten würde, wenn ich mit mir bekannten Menschen unterwegs bin.

Ich hatte schon einige Male Notfälle in solchen Settings und selbstverständlich kann ich mich nicht immer komplett an alles erinnern, was mein Kopf sich da überlegt hat, aber ich bin ruhiger in solchen Situationen, weil mein Kopf das alles schon durchgespielt hat und Erfahrung viel mehr wert ist als Routine. Ich werde nie Routine haben in Notfällen in großen Konferenzen zwischen zwei Stuhlreihen, einfach weil ich solche Notfälle nicht täglich erleben werde.
Aber ich habe die Erfahrung, die mir hilft, in außergewöhnlichen Situationen nicht den Kopf zu verlieren.

Um nochmal auf den Titel zurückzukommen, ja, ich denke, es ist eine Art „Berufskrankheit“, genauso wie bei anderen Menschen unauffällig den Venenstatus zu checken, aber machen das nicht alle? Frag mal einen Optiker, ob er nicht auf die Brillen seiner Mitmenschen achtet? Und könnt ihr euch vorstellen, dass ein Schreiner unbeeindruckt an einem antiken Schränkchen vorbeigeht? Es gibt unzählige Beispiele dafür.

Augenblicke

Achtung: hier kommt Blut vor. Habt ihr damit Probleme, solltet ihr lieber nicht den Beitrag lesen.

Schon bei der Alarmierung der RTW-Besatzung hatten mein Notarzt und ich ein sehr flaues Gefühl. Die Informationen, die über Funk übermittelt worden sind, lassen uns angespannt und schnell zur Wache fahren, wir müssen auch mal was essen.

Ich habe gerade meine Pizza in den Ofen (übrigens zum 3. Mal) gestellt, als mein Melder lautstark meine Aufmerksamkeit fordert. Ich werfe nur einen Blick auf den Melder und aufstöhnend laufe ich zum NEF.

Mein Notarzt sieht nur meinen Blick und weiß auch sofort, um was es sich handelt. Unterwegs spüre ich seine Anspannung und mit einer etwas gepressten Stimme fragt er nach der nächsten Thoraxchirurgie.

Am Einsatzort angekommen steht die Ehefrau händeringend vor dem Auto und sagt uns: „Die sind schon drinnen.“

Ich werfe nur einen Blick hinein und sofort kreuzt mein Blick den des Docs. Er spricht das aus, was ich denke: „Tranexamsäure„. Ich checke kurz ab, wieviel er will und hole schnell das Medikament aus dem Ampullarium. Im RTW ziehe ich die Medikamente schneller auf, als ich je ein Medikament aufgezogen habe und beim Umdrehen sehe ich schockiert, was sich in den 5 Minuten geändert hat.

Der RTW ist blutbespritzt, der Boden dreckig und schlüpfrig und meine Kollegin schaut mich entsetzt mit gesprenkelten Shirt an. Der Notarzt steht an der einen Seite und versucht einen Zugang zu legen, mein Kollege scheint mit der kompletten Situation überfordert zu sein.

Ich atme kurz ein und verteile schnell die Aufgaben. Die Kollegin kümmert sich um die Infusionen, der RA vom RTW beginnt endlich die notwendige Absaugung. Ich zwänge mich zwischen Wand und Trage und lege dem Patienten einen großlumigen Zugang. Während auf der anderen Seite der Doc mit der Blutentnahme beschäftigt ist, spritze ich das Medikament, dass ich vorhin aufgezogen habe und kümmere mich, dass der Patient die notwendige Infusionen im Schuss erhält.

Kurz schaue ich den Patienten an. Er sieht erschrocken aus und seine Augen sind voller Sorge. Jedoch sehe ich auch einen anderen Ausdruck. Er vertraut uns. Er weiß, dass wir auch in keiner alltäglichen Situation stecken und trotzdem versucht er, ruhig zu bleiben und uns die Arbeit so weit es ihm möglich ist zu erleichtern. Ich drücke ihm kurz die Hand und sage ihm leise: „Wir passen auf Sie auf. Haben Sie keine Angst.“

Währenddessen untersucht der Doc die Stelle, die das ganze Blut fördert. Der Patient hat eine Blutung in der Halsregion, die wir nicht sehen können. Es blutet und blutet und erst mit einer großzügigen Ladung Adrenalin verlangsamt sich die Blutung.

Ich schließe mich mit meinem Doc kurz und wir zwei fahren mit Karacho Richtung Schockraum.

Nach der Übergabe (die übrigens direkt an das OP-Team ging), gehen mein Beifahrer und ich mit erschöpften Gesichtern zu unserem Auto.

Wir sind im Moment nicht einsatzklar. Weder emotional noch körperlich. Schweigend gehen wir zu unserem Auto.

Der Mann wird die Nacht nicht überleben.

Dieser Moment

Verzweifelt steht die Frau neben mir. Sie weiß mit ihren Händen nichts anzufangen, denn bis vor kurzem hielt sie noch einen wertvollen Gegenstand in ihnen. Sie reichte mir dieses unbezahlbares Ding weiter, weil da etwas nicht in Ordnung war, sie jedoch einfach nicht sagen konnte, was los ist.
Auch ich schaue jetzt auf dieses Bündel Mensch hinunter und versuche klare Gedanken zu fassen. Um mich herum höre ich leises, verzweifeltes Schluchzen und mein Auge hätte am Liebsten mitgeweint, mein Unterbewusstsein hält mich jedoch davon ab.
Während ich da so stehe und meiner Ausbildung gerecht werden möchte, fallen mir zwei Sachen auf. Ich selber bin aufgeregt und meine Hände zittern.
Hier weiß ich sofort, dass ich unbewusst schon längst realisiert habe, dass das junge Leben hier kurz vor dem Absprung steht, dass es hier um alles geht.
Und in diesem Moment treffe ich die Entscheidung, das beste zu geben, egal was kommt.
Langsam werde ich ruhiger, meine Professionalität umfängt mich wie ein Schutzschild und hilft mir, diesen schrecklichen Einsatz zu überstehen.

LAD in (nicht so) GAZ

Wir sind da, weil ihr Mann uns gerufen hat. Sie selber wäre nie auf die Idee gekommen, den Notarzt zu holen, „der ist doch nur für die ganz Kranken da.
Die Liebe alte Dame im ansonsten guten Allgemeinzustand sitzt etwas kurzatmig in der Küche und heimlich beruhigend streicht ihr „Vati“ den Arm.
Angefangen hat es schon gestern Abend, heute Nacht kamen Schmerzen dazu und nun nach dem Frühstück wurde es so schlimm, dass sie eigentlich den Hausarzt um einen Besuch bitten wollten.
Dass dann gleich soviele Menschen mit Blaulicht kommen, hatten sie nicht gedacht, „die fahren doch nur so schwere Unfälle!“

Es hilft alles nichts, „Mutti“ muss ins Krankenhaus. Ganz dringend und sofort.
Aber ich war noch nie im Krankenhaus, meine sieben Kinder sind daheim geboren und sogar die Zwillinge haben es geschafft. Und jetzt muss ich ganz wirklich mit?“

Ja, sie muss ganz wirklich mit. Als sie im Auto und auf der Trage liegt und um sie herum alle arbeiten und sie transportfertig machen, entschuldigt sie sich tausendmal für die Mühe, sie könne ja sitzen und überhaupt, das Taxi reiche ja.

Ich sitze im NEF und schaue dem RTW hinterher, der mit Blaulicht und Martinshorn davon fährt und kann ganz deutlich die Worte der süßen Oma hören:
„Oh, warum fahren wir mit Martinshorn? Mir gehts doch sehr gut.“

Und ich? Ich muss ein bisschen weinen.

Allein auf weiter Flur

RTW Einsatz mit Signal; v.a. Kreislaufprobleme
Schnell sind mein Kollege und ich im Auto. Vor paar Minuten ist das NEF nach JWD (janz weit draußen) gefahren, also ist es erstmal nicht verfügbar.
Unterwegs überlegen wir, was wir mitnehmen sollen. Auf jedenfall den Rucksack und das EKG.
Am Einsatzort angekommen empfängt uns schon die Ehefrau des Patienten.
Aufgeregt erzählt sie, dass er schon einige Tage krank sei und nun kaum aus dem Bett rauskommt. In der Wohnung sehen wir in im Bett liegen, schwer atmend und leicht zyanotisch. Schnell checken wir die Vitalwerte ab:
Blutdruck: 90/70
Puls: 120
O2-Sättigung: nicht wirklich messbar, da zyanotische Finger, Re-kap Zeit jedoch sehr sehr verzögert, ca 6 Sekunden
BZ: 106 mg/dL

Zudem ist er ziemlich somnolent (d.h. bewusstseinsgetrübt, schläfrig), bis vor einigen Stunden war eine Kontaktaufnahme ohne Probleme möglich.

Vorerkrankungen sind keine bekannt, außer die bekannte Grippe seit einer Woche.

Ich atme kurz tief ein und gebe dann Anweisungen:

„Kollege, du holst die Trage, mach die Heizung an; Frau D. Sie suchen die KV-Karte heraus und dann fahren wir schnellstmöglich.“

Während mein Kollege die Trage vorbereitet, krame ich schnell die Sachen für einen i.v.-Zugang heraus und rufe die Leitstelle an um abzuklären, ob der Notarzt abkömmlich sei.

Die Venenverhältnisse sind akzeptabel, mehr als eine Rosanüle brauche ich gerade nicht unbedingt und diese ist schnell versenkt. Wenn es drauf ankommt, geht es immer.

Im Auto angekommen erfahren wir, dass der Doc 1. zu weit weg und 2. nicht abkömmlich sei.

Der andere Doc braucht ungefähr 20 Minuten und ich mit Signal in die Klinik 7 Minuten.

Also nicht lange überlegen: mein Kollege und ich treffen die Entscheidung, ohne Notarzt und mit Signal zu fahren.

Unterwegs messe ich die Temperatur (40,2) und setzte sowohl Infusionstherapie als auch Sauerstoffgabe fort.

Sein Blutdruck steigt leicht an, jedoch ist die Zyanose immer noch ausgeprägt und seine Wachheit mit einer neun auf der GCS keinesfalls ein Umstand, der mich beruhigt zurücklehnenlässt.

Einige Minuten später ist die liebe Internistin von der ITS an meiner Seite.

Nach Erledigung des Papierkrams gehe ich nachdenklich zum Auto.

Alleine sein kann ich.

Muss aber nicht immer sein.

Anmerkung: ich weiß, dass ein Notarzt präklinisch genau diese Maßnahmen ergriffen hätte, ggf. bei weiterer Vigilanzminderung intubiert hätte.
Jedoch ist diese Symptomatik eine NA-Indikation und ich schätze, jeder wäre froh gewesen, wenn er einen Fachmann zur Seite hätte. 🙂

Endlose Reise

Die Kollegin wird abrupt aus ihren Gedanken gerissen. Der Melder geht und ein neuer Einsatz ruft. Es geht zu einer bewusstlosen Person. Während sie den Doktor aufnimmt, nimmt ihr Gehirn eine ungewöhnliche Abkürzung war.
Schon in diesem Moment funkt die Leitstelle:
Zur Information: es handelt sich um ein 4 Monate altes Baby. Die Mutter hat bereits mit Reanimationsmaßnahmen begonnen.
Totenstille.
Es ist, als halte der gesamte Kreis den Atem an. Unbeteiligte Kollegen spüren einen kalten Schauer, andere schlagen sich die Hand vors Gesicht. Niemand wäre gerne an ihrer Stelle.
Die beiden betroffenen Autos düsen durch die Straßen. Es wird nicht gesprochen.
Sie sieht ihre Ärztin auf dem Sitz. Bleich, ratlos, geschockt.
Auch sie hat ein einziges Gedankenkarussell in ihrem Kopf. Sie hat selber Kinder, Nichten und Neffen. Sie will nicht weiterdenken.
Während sie mit Vollgas durch den Verkehr jagt und alles aus dem Auto herausholt, wünscht sie sich trotzdem so sehr, nie, nie ankommen zu müssen.
Nie!

Bemerkung: Diesen Einsatz fuhr nicht ich und darüber bin ich auch sehr dankbar. Doch es gibt viele Kollegen, die solche Erfahrung leider machen mussten.

Mindestgröße

Unsere Patienten benötigen meistens einen venösen Zugang, um zum einen Blut abzunehmen und zum anderen Medikamente zu injizieren.
Es gibt verschiedene sogenanntem „Viggos“, die auch unterschiedliche Farben haben.
Orange ist die größte (14G), jedenfalls bei uns. Es gibt noch eine 12G-Viggo, habe ich jedoch noch nie gesehen.
Dann folgen weiß, grau, grün und rosa. Zudem gibt es noch blaue, gelbe und violette. Eine grüne Viggo ist eine 18G-Viggo, während auf der Packung von einer gelben 24G steht.
Ich glaube, ihr habt das System verstanden, je kleiner die Viggo (also das Lumen, die Größe und Durchflussrate), desto höher die „Zahl“ (G=Gauge).

Es ist verständlich, dass man nicht jedem jede Viggo legen kann. Einem durchtrainierter 25-jähriger kann wahrscheinlich ohne Stauung eine orangene Viggo gelegt werden (tut trotzdem sehr weh), weil er super Venen hat.
Doch bei der 15-Jährige mit den feinen Venen oder die alte Oma mit geschwollenen Armen bekommen wir oft nur eine „Baby-Viggo“ (blaue Farbe) zustande.

Oft ist es auch so, dass man sich über die Größe der Venenverweilkanüle profiliert:
„Und dann hab ich dem Opa mit Herzinfarkt einen grauen Zugang gelegt, boah, hatte der schlechte Venen!“
„Also rosa nur? Dass du dich nicht schämst!“
„Mindestens grün muss rein, wir sind doch nicht in der Pädiaterie!“
„Der braucht doch Volumen!“
„Und bei einem Krampfanfall habe ich schnell eine 16G-Viggo gelegt…“

Ich gebe zu, dass ich ab und zu denke:
„oh, da kann ich ja eine weiße nehmen.“
Oder:
„Mindestens grün muss sein!“

Doch warum? Bei einem unkomplizierten Krampfanfall reicht doch rosa, vor allem, lieber sicher rosa als unsicher grün.
Ein Herzinfarkt-Patient braucht kein Volumen, also keinen großlumigen Zugang.
Schmerzmittel können auch über einen grünen Zugang gut verabreicht werden, falls operiert werden muss, kann gegebenenfalls ein zweiter Zugang gelegt werden.
Wenn es darum geht, wer den größten Zugang legt, bitteschön. Aber dann nicht mit fadenscheinigen Argumenten belegen.
Hier geht es nicht um den schweren Verkehrsunfall oder die akute Magenblutung. Es ist dieses ganz normale Standard-Geschäft.
Und zudem tun die Viggos, je größer sie sind, umso mehr weh. Glaubt mir. 🙂

Ich würde gerne wissen, was ihr so denkt. Was sagt ihr als Fachpersonal dazu? Wie seht ihr dieses „Profilieren“?
Und was sagen die Laien? Hattet ihr schon mal Probleme beim Blutabnehmen? Taten euch bestimmte Zugänge besonders weh?
Vielleicht entsteht eine interessante Diskussion.

Eigentlich

Ich hab Urlaub. Nicht nur paar Tage frei sondern richtigen Urlaub, so dass ich nicht mehr weiß wie arbeiten geht und ich sowohl körperlich als auch emotional Abstand zur Arbeit einnehmen konnte.

An diesem Abend bin ich noch etwas unterwegs, genieße den späten Herbst und freue mich über die freien Tage.

Während ich die Fußgängerzone entlang gehe, sehe ich in einiger Entfernung eine kleine Menschenansammlung stehen.
Langsam näher ich mich den aufgeregten Personen und höre kurze Wortfetzen
„…schlecht Luft…“
„…schon mal Herzinfarkt…“
„…schmerzen…“

Das kommt mir gar nicht recht. Ich verbringe einen großen Teil meines Lebens auf der Arbeit, in der ich täglich mit Ausnahmesituationen konfrontiert werde, die ich meist professionell meister.
Doch in diesem Moment habe ich
1. Urlaub und
2. keinerlei Equipment dabei.
Was soll ich machen, wenn er reanimationspflichtig wird? Oder wie soll ich ihm richtig den Blutdruck messen? Wie sieht sein EKG aus?
Und überhaupt habe ich frei. Ich brauche auch eine Pause.

Diese Gedanken schießen in Sekunden in meinem Kopf hin und her, während ich langsam auf den Mann am Boden zugehe.
Kurz schätze ich die Situation ein und treffe die Entscheidung.
„Guten Tag, Suprarenina mein Name, ich arbeite im Rettungsdienst, was ist passiert?“

 

Paradox

Der schwer verletzte Mann rollt hinein. Um die Trage des Rettungsdienstes und die Liege hat sich ein kleiner Kreis gebildet, am Kopf steht die Anästhesie seitlich verteilt befinden sich die Ärzte der anderen Fachrichtungen. Der Notarzt gibt eine kurze Übergabe: „männlich, ungefähr 50 Jahre alt ( im Zweifel sind alle Patienten 50…), auf der Straße unterwegs gewesen und vom Auto erfasst worden. Initial tief bewusstlos, keine Reflexe mehr, lichtstarre Pupillen (spricht für eine hochgradig Schädigung im Gehirn). Imponierend ist die großflächige Wunde am Kopf, vor lauter Blut konnte ich keine genauere Inspektion machen. Vor Ort intubiert, jetzt kontrollierte Beatmung. Ansonsten Frakturen in beiden Oberschenkeln, möglicherweise zusätzlich noch Beckenfraktur. Abdomen und Pulmo unauffällig. Kreislaufparameter stabil, unter dem Transport beginnende Einklemmung (durch große Verletzungen steigt der Druck im Kopf so sehr, dass lebenswichtige Bereiche „eingeklemmt“ werden). Ansonsten keine Angaben über Vorerkrankungen und Medikation verfügbar.“

Nach der Übergabe greifen alle Hände an die Vakuummatratze und lagern den schwer Verletzen auf Kommando des Anästhesisten um. Schnell wird die Trage weggefahren. Der Anästhesist stellt die Beatmung ein, der Unfallchirurg macht nochmals einen kurzen Bodycheck, der nächste schallt die inneren Organe und die radiologische Assistentin startet die Röntgen- und CT-Untersuchungen.

Nach erfolgter Diagnostik bleibt leider nur noch die Wörter: keine Chance.

Während der Patient für seine letzten Stunden in die Intensivstation gebracht wird, räumt eine Schwester den Schockraum auf. Sie findet eine Tasche des Mannes und schaut kurz hin.
Was sie sieht, lässt sie kurz erstarren und traurig davon gehen.
Sie hat drei Glasflaschen gesehen.
Sie lagen in der Tasche drin. Vollkommen unversehrt.