Next!

Heute ist wieder so ein Tag.
Irgendwie läuft alles anders. Nicht schief, aber anders.
Es sind nur Kleinigkeiten. Hier ein verpatzter Zugang, dort eine verdreckte Trage.
Das Pflegepersonal ist im Stress, die Ärzte haben keine Lust.
Und das Auto ist dreckig.
Ich versuche, alles auszublenden und mich damit abzufinden. Doch innerlich freue ich mich nur auf eines.
Ins Bett zu gehen, die Decke über den Kopf zu ziehen und die Augen zu schließen.
Und einfach auf den nächsten Tag zu warten.
Der wird besser.

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Was denken sie?

In der Pflege, im Rettungsdienst, in der Medizin allgemein hat man viel mit einer bestimmten Menschengruppe zu tun. Kaum ein Tag verläuft ohne ihre Präsenz und selbst wenn wir vielleicht manchmal stöhnen oder schimpfen, wissen wir, dass wir ohne sie nicht wären.
Eine Person dieser Gruppe liegt gerade in meinem Auto.
Die Augen sind weit geöffnet, ängstlich schaut sie um sich her. Der Puls ist etwas schnell, der Blutdruck hoch und die EKG-Ableitung zeigt mir Veränderungen an.
Oft sind sie nicht gerade leicht. Oder dann wieder sehr ausgemergelt. Sie können nicht wie sie wollen und wollen nicht wie sie können.

Manchmal sitze ich ganz ruhig da und halte ihre Hände. Ich versuche, ihnen ein wenig die Angst zu nehmen. Die Angst vor Veränderungen, vor Schmerzen und Einsamkeit.
Oft sitze ich einfach da und denke nach. Ich frage mich, was in diesen Köpfen vorgeht. Was haben sie erlebt? Was macht ihnen so sehr Angst? Sind sie zufrieden, glücklich? Wie fühlen sie sich? Sind sie in ihrem Körper gefangen? Eine junge Seele in einem alten Körper?

Ich versuche zu verstehen, was sie denken.
Unsere alten Leute.
Unsere Großeltern.

Mindestgröße

Unsere Patienten benötigen meistens einen venösen Zugang, um zum einen Blut abzunehmen und zum anderen Medikamente zu injizieren.
Es gibt verschiedene sogenanntem „Viggos“, die auch unterschiedliche Farben haben.
Orange ist die größte (14G), jedenfalls bei uns. Es gibt noch eine 12G-Viggo, habe ich jedoch noch nie gesehen.
Dann folgen weiß, grau, grün und rosa. Zudem gibt es noch blaue, gelbe und violette. Eine grüne Viggo ist eine 18G-Viggo, während auf der Packung von einer gelben 24G steht.
Ich glaube, ihr habt das System verstanden, je kleiner die Viggo (also das Lumen, die Größe und Durchflussrate), desto höher die „Zahl“ (G=Gauge).

Es ist verständlich, dass man nicht jedem jede Viggo legen kann. Einem durchtrainierter 25-jähriger kann wahrscheinlich ohne Stauung eine orangene Viggo gelegt werden (tut trotzdem sehr weh), weil er super Venen hat.
Doch bei der 15-Jährige mit den feinen Venen oder die alte Oma mit geschwollenen Armen bekommen wir oft nur eine „Baby-Viggo“ (blaue Farbe) zustande.

Oft ist es auch so, dass man sich über die Größe der Venenverweilkanüle profiliert:
„Und dann hab ich dem Opa mit Herzinfarkt einen grauen Zugang gelegt, boah, hatte der schlechte Venen!“
„Also rosa nur? Dass du dich nicht schämst!“
„Mindestens grün muss rein, wir sind doch nicht in der Pädiaterie!“
„Der braucht doch Volumen!“
„Und bei einem Krampfanfall habe ich schnell eine 16G-Viggo gelegt…“

Ich gebe zu, dass ich ab und zu denke:
„oh, da kann ich ja eine weiße nehmen.“
Oder:
„Mindestens grün muss sein!“

Doch warum? Bei einem unkomplizierten Krampfanfall reicht doch rosa, vor allem, lieber sicher rosa als unsicher grün.
Ein Herzinfarkt-Patient braucht kein Volumen, also keinen großlumigen Zugang.
Schmerzmittel können auch über einen grünen Zugang gut verabreicht werden, falls operiert werden muss, kann gegebenenfalls ein zweiter Zugang gelegt werden.
Wenn es darum geht, wer den größten Zugang legt, bitteschön. Aber dann nicht mit fadenscheinigen Argumenten belegen.
Hier geht es nicht um den schweren Verkehrsunfall oder die akute Magenblutung. Es ist dieses ganz normale Standard-Geschäft.
Und zudem tun die Viggos, je größer sie sind, umso mehr weh. Glaubt mir. 🙂

Ich würde gerne wissen, was ihr so denkt. Was sagt ihr als Fachpersonal dazu? Wie seht ihr dieses „Profilieren“?
Und was sagen die Laien? Hattet ihr schon mal Probleme beim Blutabnehmen? Taten euch bestimmte Zugänge besonders weh?
Vielleicht entsteht eine interessante Diskussion.

So ist es

„Ach, Sie sind auch wieder da? Sie sehr ich sehr oft hier.“

Kann ich zustimmen. Lustig ist nur, dass die Aussage nicht von Kollegen oder sonstigen Mitarbeiter des Klinikums oder Rettungsdienstes kommt sondern von Patienten oder Angehörigen.

Fachpersonal

Es geht in irgendein Seniorenheim.
Die Einsatzmeldung lautet: Schmerzen.
Okay, dann wird mal nachgeschaut, was jetzt Sache ist.
Wir packen unseren Rucksack auf die Trage und ich bin am Überlegen, ob ich das EKG mitnehmen soll. Nach kurzem Nachdenken entscheide ich mich dafür, wer weiß, falls wir eine Analgesie (Schmerzbekämpfung)machen müssen, ist eine Überwachungseinheit nicht so fehl am Platz.

In dem Stock erwartet uns die Altenpflegerin und winkt schon mit einem Zettel: der Hausarzt hat schon einen Schein ausgestellt
Linksseitiger Schmerz, seit 8:00 Uhr, Medikamentenplan anbei.
Der Hausarzt hatte keine Möglichkeit vorbei zu kommen (verständlich bei voll ausgebuchter Sprechstunde), somit hatte er den Patienten nicht gesehen.

Etwas verwundert betrete ich das Zimmer. Der Patient sitzt in seinem Bett, sein Gesicht ist blass und kaltschweißig und seine angestrengte Atmung verrät mir ein großes Problem.
Die Pflegekraft, die daneben steht sieht mich hilflos an: „Er klagt seit heute Morgen über plötzliche Schmerzen auf der linken Seite. Der Frühdienst hat den Hausarzt angerufen, doch der konnte nicht kommen. Erst jetzt hatte er Zeit, eine Einweisung zu schreiben und dann haben wir euch gerufen.“

Mein Kollege ist ein sehr fähiger Azubi, während ich mir die Geschichte anhöre und den Puls fühle (sehr schnell), klebt er ein EKG und ich frage den Mann, wo der Schmerz am stärksten ist. Schon bevor er es mir zeigen kann, sehe ich im EKG herzinfarkttypische Veränderungen.
Ab nun geht alles schnell.
„Also, Sauerstoff per Maske, ich fordere den Notarzt nach, Blutdruck messen und Zugang vorbereiten.“
Die Pfleger bekommen mit, dass die Sache doch etwas ernster ist. Ich lasse eine von ihnen den Doc nachfordern und die andere den Medikamentenplan vorbereiten.
Der Blutdruck ist gefährlich niedrig und ich beginne zu beten, dass der Notarzt schnell da ist.
Mein Kollege hat mir alles vorbereitet und ich suche eine gute Vene. Viel sehe ich nicht, doch für eine Venenverweilkanüle reicht es gerade so.
Ich erkläre dem Patienten, der einen schwerkranken Eindruck macht, jeden Schritt.

Während ich die Infusion anschließe, höre ich schon das Martinshorn. Mein Kollege ist gerade dabei, die Medikamente für die Behandlung aufzuziehen, als der Notarzt kommt. Er erhält eine kurze Übergabe: „männlich, 78 Jahre, hat bekannten Bluthochdruck, seit ungefähr 4 Stunden linksseitige und retrosternale Schmerzen. Atemwege sind frei, starke Atemnot mit initialer Sättigung von 88%, Puls schnell, schwer tastbar, Blutdruck bei 100/50.
Das EKG zeigt Hebungen in V1-V3. Wir haben einen Zugang gelegt und Blut abgenommen. Der BZ ist im Normbereich.“

Der Notarzt schaut sich alles an, dann verlangt er die Medikamente, die wir schon aufgezogen haben und zusätzlich ein Betäubungsmittel gegen die Schmerzen.
Der Blutdruck sinkt immer weiter ab und es ist höchste Zeit Richtung Klinik zu fahren.
Unterwegs fragt der Notarzt nochmal genauer, wie das mit der Einweisung lief und als ich ihm alles erzähle, schüttelt er nur den Kopf.
Time is muscle.
Das sollten auch Altenpfleger wissen.

Der ewige Gegner

Es ist so, dass der Tod eines Menschen für den Rettungsdienst mit Versagen gleichgesetzt wird. Man hat nicht genug getan, war nicht schnell genug, der Zugang saß nicht gleich und die Beutel-Masken-Beatmung klappte nicht. Dass im Endeffekt nichts mehr zu machen war oder wir nicht schneller fahren konnten, weil es Feierabendverkehr gab oder die Straße glatt war. Dass der Zugang nicht gleich saß, weil der Mann schon zu lange da lag oder der Jugendliche nach dem Unfall bereits zentralisiert hatte und die Beatmung problematisch war, weil der Patient Bartträger war und ziemlich viel Gewicht aufwies.
Aber das ist egal, das zählt nicht und wir finden immer Ausreden und Begründungen.
Zwar sagen wir uns immer:
Wir haben ja alles getan.
Doch ich weiß, dass jeder denkt: Wirklich alles?

Warum ist das so? Weshalb ist das besonders für uns Rettungsassistenten (und Notärzte) so schwierig, mit dieser Frage umzugehen?

Wir sind in der Ausbildung und auf Fortbildung darauf getrimmt worden, Leben um jeden Preis und zu 100% zu erhalten und zu retten. Bei uns stellt sich da keine Frage, bei uns wird einfach nicht gestorben. So ist es.
Dann wird reanimiert, oft auch während der Fahrt, es wird injiziert, intubiert, defibrilliert und so weiter und so weiter.
Hauptsache ist und bleibt, der Erkrankte kommt einigermaßen stabil im Krankenhaus an.
Selbst in den Fortbildungen bei Fallbeispielen überleben die Patienten. Sie bekommen einen Rhythmus, brauchen einen Schrittmacher oder Medikamente.
Kaum ein Fallbeispiele läuft darauf hinaus, dass der Patient stirbt und wir mit den Angehörigen reden müssen.

Warum ist das so?
Wir sind in der Notfallmedizin. Wir wollen akute Situationen bessern. Wir betreiben keine Palliativmedizin, das ist ein anderer Bereich. Bei uns bekommen Patienten hochpotente Schmerzmittel, erhalten eine 1:1 Betreuung (besser gesagt 4:1).
Das ist Rettungsdienst und Notfallmedizin.

Auf die Frage, warum der Tod für uns eine so schwierige Situation darstellt, warum wir es auch ein wenig wie eine „Beleidigung“ empfinden, kann ich keine Antwort geben.
Vielleicht lässt sich aus vielen verschieden Facetten ein kleiner Einblick in die Gedankenwelt eines in der Notfallmedizin tätigen Menschen gewinnen.
Doch wirklich verstehen kann man es nicht.
Ich auch nicht. Es ist so.

Edit: Falls ich eines Tages eine Antwort habe, lasse ich es euch wissen.

Was zurück bleibt

Es sind oft nicht die Einsätze selber, die wir verarbeiten, sondern die Geschichte, die hinter dem Patienten steckt.

* die alte Frau, die ihrem einsamen Lebensabend fristet und nun gestürzt ist.
* der Familienvater im Wachkoma mit starken Schmerzen.
* die Kleine nach dem Ertrinkungsunfall und darauffolgendem Gehirnschaden, die immer wieder mit der Herzfrequenz abfällt.
* der Jugendliche mit einer Muskeldystrophie, dessen Trachealkanüle Probleme bereitet
* der Junge nach dem schweren Verkehrsunfall, der nun einen hohen Querschnitt hat.
* die junge Frau mit überstandener Lungenembolie – doch wie!
* der Mann, dessen Wohnung verwüstet ist und völlig verzweifelt in meinem Auto sitzt.
* der frühere Landwirt und seine Frau, die hilflos und ausgehungert in ihrem kalten Bauernhaus auf Hilfe warten.

Solche Einsätze lassen mich schlucken. Diese Schicksale treiben mir die Tränen in die Augen. Solche Geschichten lassen mich nachdenklich sein.

Ein Lächeln am Morgen

Dieser Einsatz ist gar nicht gut, der Notarzt meckert herum und will alles besser wissen. Meine Arbeit passt ihm nicht, meine Maßnahmen waren überflüssig, meint er. So ist es nicht verwunderlich, dass ich etwas ungeduldiger werde und zum Schluss verdrehe ich innerlich die Augen und entgegne ihm: „Lasst uns einfach professionell bleiben, okay?“

Die Patientin ist nun auf der Intensivstation angekommen.
Ich erledige den Papierkram und mein Doc sitzt daneben. Ich reiche ihm das Protokoll und will schon gehen, da hält er mich zurück und gibt mir die Hand: „Bis dann, danke für den Einsatz, es lief gut und entschuldige bitte meine überzogene Reaktion.“
Auch ich entschuldige mich und drücke froh seine Hand
Ich weiß: ich habe heute einen Freund dazu gewonnen.

Wenn der Kollege geht

Bewusstlose Person, RTW und NEF
Die Leitstelle funkt uns an: „1/83, 1/82, es handelt sich um eine Türöffnung, Polizei und Feuerwehr ebenfalls auf Anfahrt.“
Das scheint ja interessant zu werden. Gerade eben hatte ein Kollege gesagt, dass er mal eine Türöffnung haben würde. Bestimmt sitzt er auf der Wache und hört neidisch zu.

Einige Minuten später sind wir da. Wir müssen nicht auf die Unterstützung warten, unser Material griffbereit stehen wir vor der Tür, die die Kollegen gerade aufbrechen.

In der Wohnung sortieren wir uns kurz und jeder schaut in eine Ecke und einen Raum, um den Patienten, der nicht auf unsere Rufe reagierte, zu finden.

Ich finde ihn schließlich in dem Wohnzimmer und ich bin dankbar, dass ihn nicht meine Praktikantin fand.
Schnell kommen die Kollegen herbei und ziemlich schnell stellen wir fest, dass jede Hilfe zu spät kommt.
Plötzlich macht der Notarzt eine Entdeckung und ab diesem Moment scheint die Zeit still zu stehen. Erstarrt schauen wir uns an. Das kann doch nicht wahr sein!

Auf der Wache angekommen möchte der Kollege soviel wie möglich wissen. Was war los? Warum habt ihr ihn nicht mitgenommen? Wer war noch draußen?
Unsere kurze Antwort, dass es ein Suizid war, hält ihn nicht davon ab, weiter zu fragen. Wie ist das passiert? Was hat er gemacht? Eigentlich schade, dass ich nicht draußen gewesen war.
Nach seinem letzten Satz schaue ich ihm fest in die Augen.
„Sei dankbar, dass du nicht dabei warst. Es war dein Kollege.“

Es ist nicht Absicht, den Kollegen zu verunglimpfen, ich will damit sagen, dass „spannende“ Einsätze oft die schrecklichsten sind. Ich hätte gerne oft getauscht.

Auf ein neues

Die Zeit fliegt davon.
Kaum war es Januar 2014 wurde es schon Sommer, Herbst und der Schnee kam. Gerade habe ich erst Ostern gefeiert, schon steht wieder Neujahr vor der Tür.
Es ist gut, wenn uns die Zeit, die verrinnt als etwas erscheint, das uns weiterbringt, uns ändert.
Auch diese Feiertage verbringe ich zum größten Teil auf der Arbeit.
Also heißt es auch dieses Jahr:
Leben retten, Menschen helfen, leise beten.

Ich wünsche euch ein schönes neues Jahr.