Ohne Worte

Das Telefon klingelte. Meine Kollegin steht von der Couch auf und nimmt das Gespräch an. Schweigend hört sie zu, nickt ab und zu und legt langsam den Hörer auf. Dann schaut sie mich einen Moment schweigend an, bevor sie mit einem erstaunlichem Auftrag herausrückt. Auch ich sehe ein wenig ratlos aus und still begeben wir uns in unser Auto. Wir sollen zwar mit Sonderrechten fahren, jedoch handelt es sich hierbei um keinen schweren Unfall oder eine lebensbedrohliche Situation.
Meine Kollegin auf dem Beifahrersitz beginnt laut nachzudenken, was uns nun wohl erwartet und wie wir in dieser Situation reagieren sollen. Was müssen wir sagen, was sollen wir sagen und wie sollen wir auf keinen Fall handeln?
Schwieriger Fall, denn keiner von uns beiden war jemals in solch einer Situation.

Schneller als gedacht stehen wir von dem Haus. Das Martinshorn und die Blaulichter haben wir schon im Ortseingang ausgemacht. Ich parke das Auto in der Einfahrt und dann gehen wir beide einfach die Treppen hoch in die Wohnung. Unsere Hände sind seltsam leer, wir brauchen kein Material, kein EKG, keine Absaugpumpe.
An der Tür erwartet uns schon ein Polizist, erleichtert sieht er uns beide an und stillschweigend reichen wir uns die Hände. Leise klärt er uns über die Situation auf und nach einigen kurzen Worten verschwinden er und sein Kollege.

Wir stehen in der kleinen Wohnung, vor uns ist diese Frau, die ich bis heute vor Augen habe. Klein, rötliche Haare, erstarrtes Gesicht, keine Regung ist zu lesen, keine Tränen sind zu sehen. Und doch ist die Verzweiflung wie eine unsichtbare Mauer um sie herum aufgetürmt. Mechanisch bittet sie uns in ihre Küche. Immer wieder kommen kurze Sätze, verzweifelte Fragen und bittere Worte. Nebenher macht sie sich Kaffee, bietet uns auch eine Tasse an.
Wir sitzen am Tisch und hören ihr zu. Versuchen, ihr Antworten zu geben, versuchen, ihre Bitterkeit aufzufangen. Versuchen, ihren Schmerz zu lindern. Und doch wissen wir, dass unsere Worte ins Leere gehen, dass unsere Antworten ungehört verhallen und unsere Bemühungen aktuell nicht fruchten werden. Und doch sitzen wir da und hören zu, lassen sie reden, sie fragen, sie weinen, wenn sie noch weinen kann.
Die Minuten kriechen dahin, die Zeit scheint jedoch still zu stehen. Wie lange wir vor Ort sind, wissen wir nicht, das ist auch nicht so wichtig, der Kollege der Leitstelle weiß Bescheid, dass wir gebraucht werden und er lässt uns die Zeit, ohne nachzufragen, wie lange wir noch brauchen.

Als wir nach geraumer Zeit in unserem Auto sitzen, ich mich wieder auf der Straße befinde und in den hellen Wintertag fahre, dessen Licht getrübt zu sein scheint, drängt sich in meinem Herzen immer wieder die Frage auf: „Welchen Trost kannst du einer Mutter geben, die vor paar Minuten hören musste, dass ihr Kind tödlich verunglückt ist, nie wieder zurückkommt, nie mehr da sein wird?“
Und innerliche schließe ich die Augen und versuche, den Schmerz zu fühlen. Leise muss ich zugeben, dass ich das nicht kann. Und während ich weiter fahre, bringe ich immer mehr Kilometer zwischen mir und der Frau, deren Welt innerhalb eines Moments zerbrochen ist.
Es könnte sich Frust, Traurigkeit und Wut einschleichen. Doch ich entscheide mich für das Andere: ich bin dankbar, dass ich für sie da sein konnte und ihr, wenn auch nur minimal, helfen konnte, die Schrecklichkeit des Tages zu begreifen. Und wenn dies das Einzige ist, so weiß ich, dass es sich gelohnt hat. Denn es lohnt sich. Immer.

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2 Gedanken zu “Ohne Worte

  1. Kann man bei solch einer Geschichte sagen „Schön dass du wieder schreibst“?
    Schwierig, aber eine Geschichte nicht zu schreiben macht sie nicht ungeschehen.
    Also schön wieder was von dir zu lesen.

    Ps. Habt Ihr kein spezialisertes KIT für solche Fälle?

    • Ich muss gestehen, dass ich leider zu wenig geschrieben habe, aber es wird wieder mehr kommen!

      Bezüglich des KITs: ich glaube, damals war das Problem, dass das KIT nicht erreichbar war (aus welchem Grund auch immer). Bevor wir gingen, kam ein Pfarrer (der nicht Teil des KITs ist, jedoch von der Leitstelle dazu gebeten wurde). Ansonsten ist dies nicht unsere Aufgabe.

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