buntes Helmpotpourri

Was man sich als Helmträger so alles anhören muss

„Sieht ja doof aus“

„Da geht doch die Frisur kaputt“

„Bist du noch ein Kind? Du brauchst doch keinen Helm mehr“

„Fährst du etwa auf der Straße!?“

„Ich fahre vorsichtig“

„Mir ist noch nie was passiert“

„Als ob der Helm schützen würde“

 

Und was ich darauf antworte

„Ein offenes Schädelhirntrauma sieht noch besser aus.“

„Wenn du dir den Kopf verletzt hast, sieht die Frisur auch nicht mehr schön aus.“

„Natürlich, im Auto schnallen sich auch nur die Kiddies an.“

„Was ist, wenn ich die Straßenseite wechseln muss, was ist, wenn auf dem Fahrradweg ein Bordstein ist?“

„Du schon, die anderen auch?“

„Zum Glück!“

Und auf die letzte Aussage lasse ich mich nicht mal ein.

Das beste sind immer die herablassenden Äußerungen, als ob Sicherheit eine lächerliche Angelegenheit wäre. Ich muss mich viel zu oft entschuldigen dafür, dass ich mich meine Sicherheit und mein Leben höher achte als vermeintlich unmodische Frisurzerstörer.

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Um jeden Preis

80???“ 

Die junge Frau spricht die Fragezeichen nicht aus, aber ich kann ihre Empörung deutlich hören.

Achzig ist viel zu hoch für mich. Das geht gar nicht, da ist was falsch bei mir. Das ist nicht normal. Messen Sie nochmal mit Hand und schauen Sie gleich, ob ich Extrasystolen habe.

Ja nun, dann mache ich nochmal. Während mein Monitor pflichtbewusst seine Arbeit tut und munter in einem wunderschönen Rhythmus vor sich hin piepst, lege ich meinen Zeige,-Mittel- und Ringfinger an die Stelle an ihrem Handgelenk, an der die Arteria radialis verläuft. Konzentriert blicke ich auf die Uhr, aber nur, damit ich unvoreingenommen ihren Puls zählen kann. 

79 Schläge in der Minute.“ Das Ergebnis meiner einminütigen Zählung deckt sich mit der Zahl, die auf dem Monitor erscheint. In der Ecke unten links zeigt die Stoppuhr an, dass wir die Überwachung mittlerweile 9:47 Minuten dran haben. In der lückenlosen EKG-Aufzeichnung erscheint ein wunderschöner Herzrhythmus, der keinen Hinweis auf eine Störung liefert. 

Ich schaue die Dame an, der meine Erklärungen gar nicht gefallen. Immerhin hat sie uns angerufen, weil sie das Gefühl hat, dass ihr Herz stolpert. Ich fasse ihr nochmal alle Werte zusammen, die im Normbereich liegen. Auch wenn ihr Puls normalerweise bei 65 liegt, ist eine Frequenz von 82 nicht unnormal und in der Regel nicht abklärungsbedürftig. Alles unter 100 ist erstmal in Ordnung und 80 ist kein Wert, der mir Sorgen bereitet. Sie weist auch keine Symptome auf, die für eine abklärungsbedürftige Störung der Erregungsweiterleitung am Herzen hinweisen. Mit andern Worten: sie ist gesund. 

Entrüstet blickt Sie mich an: „Sie sind doch nicht Ärztin, Sie können das gar nicht beurteilen.“ Das ist der Moment, in den ich kurz meine Augenbrauen hochziehe und sie nur anschaue, bis sie meinen Blick nicht mehr standhalten kann und auf die auf dem Couchtisch liegende Papiere sieht. Diese hatte ich vorhin auch schon ausgiebig studiert und sie sagen mir, dass ich nicht die erste Person bin, mit der sie über ihre Symptome gesprochen hat. Innerlich kopfschüttelnd, äußerlich wie immer ruhig und professionell reiche ich ihr die Hand und sage ihr: „Ihr Hausarzt erwartet Sie wie abgeklärt in zwei Stunden in seiner Praxis, ich wünsche Ihnen noch alles Gute“ und verlasse gemeinsam mit meinem Azubi und mit einem Durchschlag des Protokolls die Wohnung.

Im Auto schauen wir uns nur an. Worte braucht es hier keine.
Übrigens: besagte Patientin war/ist selber medizinisches Fachpersonal. Das erklärt, warum sie Fachbegriffe, Krankheiten und Normwerte kannte.

Situation die jeder kennt

Ich fahre eine enge Straße entlang. Straße kann man dazu eigentlich nicht sagen, sie ist zwar geteert und hat an der Seite Pfosten stehen, jedoch hüpft das NEF immer auf und ab und so sehr übersichtlich ist sie auch nicht. Dazu kommt, dass diese Straße nicht zu unseren alltäglichen Wegstrecken gehört.
Mein Beifahrer schaut immer wieder zu mir hinüber. Irgendwann platzt es aus ihm raus: „Also, wenn wir keine Blaulichter hätten, dächte jeder, wir seien auf einer Spazierfahrt.“
Ich runzel kurz die Stirn und fahre weiter. Ich finde meine Geschwindigkeit für die Gegebenheiten angepasst.
Oder sollen wir im Graben landen? Aus der Kurve fliegen? Ein anderes Auto erwischen?

Ohne Worte

„Taxi? Was stellen Sie sich da vor, wissen Sie, wie teuer das ist?“

Wenn sie wüsste, dass ein Transport mit dem RTW ungefähr das 10-fache kostet und die Kosten selbst beglichen werden müssten, würde sie anders reden.

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„Bekomme ich dann wieder eine Rechnung von der Krankenkasse?“

Wenn er wüsste, dass er nicht mal 10% der Kosten mit seinem Betrag abdeckt, würde er anders denken?

Enttäuscht

Ich habe den Kollegen bei seinen ersten zaghaften Schritten im Rettungsdienst nicht beobachten können.
Als wir uns kennenlernten hatte er schon einige Erfahrungen hinter sich und wir fuhren ab und an einige Schichten.
Einige Kollegen äußerten Bedenken über seine Arbeitsweise,  doch ich konnte anfangs keine gravierende Fehler feststellen.
Mit der Zeit setzten sich jedoch auch bei mir langsam Zweifel fest. Kurze Momente der Überraschung wurden schnell abgelöst durch laut schrillende Alarmglocken, die sich durch einen Knopfdruck nicht ausstellen ließen.
Es ist schade, dass Kollegen, die kürzere Zeit als er im Rettungsdienst arbeiten, eine steilere Lernkurve an den Tag legen. Bei ihm begann sie, wie bei jedem anderen,  auf niedrigem Niveau. Doch im Gegensatz zu anderen macht er keinen Handschlag dafür, sein Niveau zu steigern und erweist sich zusätzlich als vollkommen beratungsresistent.
Möglicherweise urteile ich zu hart. Doch ich bin enttäuscht. Enttäuscht, dass er sich nicht bemüht. Aber auch enttäuscht von mir, dass ich nichts mehr tun kann und will um ihm zu helfen.

Aber ich dachte…

„Ja, ich wollte nicht gleich mit einer Chemiekeule los, dann habe ich halt Globuli gegeben. Aber nach drei Wochen hats nicht aufgehört…“

Okay, DAS erklärt vielleicht eher die Sepsis. Harnwegsinfekt hier, verschleppter Atemwegsinfekt, dicke Lungenentzündung da.
Einmal Intensiv (und hoffentlich auch bald zurück…)

Manchmal..

„Oh, das ist aber falsch. Das müssen Sie anders machen.“

„Okay, warum?“

„Das hab ich so gelernt. Im Erste-Hilfe-Kurs.“

„Okay, falls der Moment kommt, in dem Sie Rettungsdienst und Notarzt benötigen, brauchen Sie nicht mehr anzurufen. Wir sind schon da.“

Erlebt sicher jeder RD-ler auf die eine oder andere Weise.

Fachpersonal

Es geht in irgendein Seniorenheim.
Die Einsatzmeldung lautet: Schmerzen.
Okay, dann wird mal nachgeschaut, was jetzt Sache ist.
Wir packen unseren Rucksack auf die Trage und ich bin am Überlegen, ob ich das EKG mitnehmen soll. Nach kurzem Nachdenken entscheide ich mich dafür, wer weiß, falls wir eine Analgesie (Schmerzbekämpfung)machen müssen, ist eine Überwachungseinheit nicht so fehl am Platz.

In dem Stock erwartet uns die Altenpflegerin und winkt schon mit einem Zettel: der Hausarzt hat schon einen Schein ausgestellt
Linksseitiger Schmerz, seit 8:00 Uhr, Medikamentenplan anbei.
Der Hausarzt hatte keine Möglichkeit vorbei zu kommen (verständlich bei voll ausgebuchter Sprechstunde), somit hatte er den Patienten nicht gesehen.

Etwas verwundert betrete ich das Zimmer. Der Patient sitzt in seinem Bett, sein Gesicht ist blass und kaltschweißig und seine angestrengte Atmung verrät mir ein großes Problem.
Die Pflegekraft, die daneben steht sieht mich hilflos an: „Er klagt seit heute Morgen über plötzliche Schmerzen auf der linken Seite. Der Frühdienst hat den Hausarzt angerufen, doch der konnte nicht kommen. Erst jetzt hatte er Zeit, eine Einweisung zu schreiben und dann haben wir euch gerufen.“

Mein Kollege ist ein sehr fähiger Azubi, während ich mir die Geschichte anhöre und den Puls fühle (sehr schnell), klebt er ein EKG und ich frage den Mann, wo der Schmerz am stärksten ist. Schon bevor er es mir zeigen kann, sehe ich im EKG herzinfarkttypische Veränderungen.
Ab nun geht alles schnell.
„Also, Sauerstoff per Maske, ich fordere den Notarzt nach, Blutdruck messen und Zugang vorbereiten.“
Die Pfleger bekommen mit, dass die Sache doch etwas ernster ist. Ich lasse eine von ihnen den Doc nachfordern und die andere den Medikamentenplan vorbereiten.
Der Blutdruck ist gefährlich niedrig und ich beginne zu beten, dass der Notarzt schnell da ist.
Mein Kollege hat mir alles vorbereitet und ich suche eine gute Vene. Viel sehe ich nicht, doch für eine Venenverweilkanüle reicht es gerade so.
Ich erkläre dem Patienten, der einen schwerkranken Eindruck macht, jeden Schritt.

Während ich die Infusion anschließe, höre ich schon das Martinshorn. Mein Kollege ist gerade dabei, die Medikamente für die Behandlung aufzuziehen, als der Notarzt kommt. Er erhält eine kurze Übergabe: „männlich, 78 Jahre, hat bekannten Bluthochdruck, seit ungefähr 4 Stunden linksseitige und retrosternale Schmerzen. Atemwege sind frei, starke Atemnot mit initialer Sättigung von 88%, Puls schnell, schwer tastbar, Blutdruck bei 100/50.
Das EKG zeigt Hebungen in V1-V3. Wir haben einen Zugang gelegt und Blut abgenommen. Der BZ ist im Normbereich.“

Der Notarzt schaut sich alles an, dann verlangt er die Medikamente, die wir schon aufgezogen haben und zusätzlich ein Betäubungsmittel gegen die Schmerzen.
Der Blutdruck sinkt immer weiter ab und es ist höchste Zeit Richtung Klinik zu fahren.
Unterwegs fragt der Notarzt nochmal genauer, wie das mit der Einweisung lief und als ich ihm alles erzähle, schüttelt er nur den Kopf.
Time is muscle.
Das sollten auch Altenpfleger wissen.

Hauptsache schlimm!

„… Und dann habe ich erst mal alle Leute zur Seite geschoben. So ein offenes Schädel-Hirn-Trauma wollte ich mir nicht entgehen lassen…“

Der (sehr) junge Kollege berichtet großspurig von dem letzten Einsatz, einer Schussverletzung. Die FSJler hängen halb hingerissen halb angewidert an seinen Lippen und lauschen seinen Ausführungen.

Endlich scheint er fertig zu sein. Eine kurze Stille tritt ein.
Dann hört man eine leise Stimme:
„Könntest du vielleicht nochmal sagen, was genau du an diesem Einsatz so toll fandest?“