Tja…

.. Pech.

Passiert einem ein Unglück, zeigen alle nach außen Betroffenheit und signalisieren dem Verursacher, dass sie mit ihm mitfühlen und hoffen, dass sich alles für ihn zum Besten wendet. Insgeheim denkt jedoch jeder „zum Glück ist es nicht mir passiert“ oder „hätte er doch besser aufgepasst“ oder sogar „eigentlich dachte ich das schon immer„.

Jeder ist froh, dass nicht er der ist, der an den Pranger gestellt wird, dass er nicht der ist, der verantwortlich gemacht werden kann für den Schaden oder die Verletzungen einer Person.

 

Vor einigen Tagen geschah das einer Person. Ich kenne die Person noch nicht so lange, aber schon bevor wir uns näher kennenlernen konnten, war sie mir sympatisch und nach einigen gemeinsamen Einsätzen konnten wir schnell eine gemeinsame Wellenlänge finden. Hand in Hand arbeiteten wir zusammen, so als hätten wir schon immer gemeinsam gearbeitet und ich schätze ihre Art, mit dem Patienten umzugehen, freundlich, einfühlsam, aber doch bestimmt und durchsetzend.

Bis sich ihr Leben um 180° zu drehen scheint. Ein kleiner Schatten, eine unbedachte Bewegung, viel zu viel Dunkelheit und zu viel Faktoren, die aufeinander trafen und sich zu einen schrecklichen und traurigen Bild zusammenfügten, das eine schwer verletzte Person und meine zutiefst geschockte Kollegin in grauenhaften, schemenhaften Zeichen darstellt.

Ich weiß nicht, wie das ausgehen wird, ich weiß nur, dass alle tief betroffen sind und jeder insgeheim denkt: „zum Glück nicht ich.

Zurück zu der Überschrift. Denkt das nicht jeder von uns? Sagen wir das nicht insgeheim, manchmal auch laut, vielleicht auch mitfühlend: „Tja, Kumpel, da hast du echt Pech gehabt.“  Ich habe gelernt, dass alles, das im Leben geschieht, einen Grund hat und es keine Erklärungen wie „Pech“, „Schicksal“ oder „Glück“ gibt.

Und die Kollegin? Sie hat ihr Lächeln nicht verloren. Aber es ist nachdenklicher geworden, gequälter.

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Alarmglocken

Die Anderen reden oft über ihn. Meist hinter vorgehaltener Hand und oft mit einem höhnischen lächeln. Wenn neue Kollegen kommen, erfahren sie sehr schnell von diesem Kollegen und das Gelästere macht seine Runden.
Ich konnte nie verstehen, warum solche Geschichten im Umlauf sind. Es gab bisher keinen Grund, diesen Gerüchten zu glauben.
Bis zu diesem Moment.
Wir mussten einige wichtigen Dinge erledigen,  quatschen über dieses und jenes, als es mir schlagartig auffiel.
Erstarrt erledigte ich meine Arbeit, während in meinem Kopf sämtliche Signale aufleuchten.
Er hat ein großes Problem. Nur was, was kann ich tun?
Was?

In die falsche Richtung

Ich schleiche durch die Klinikgänge, es ist tiefe und ruhige Nacht.
Gerade haben wir einen schwerkranken Mann gebracht, der die nächsten Stunden nicht überleben wird.
Auf einmal kreuzt jemand meine Wege.
Wir kennen uns gut. Ich habe ihn oft durch die Straßen kutschiert, mich gut mit ihm verstanden und in Einsätzen harmonisch zusammen gearbeitet. Seit längerer Zeit ist er jedoch nicht mehr als Notarzt gefahren.
Freudig schaue ich ihn an und auch er lächelt mir zu. Wir setzen uns in eine ruhige Ecke und plaudern bisschen über alles mögliche.
Natürlich fällt auch die Frage, warum wir uns schon so lange nicht gesehen haben und mit seiner Antwort huscht ein trauriger und bedrückter Zug über sein Gesicht. Forschend schaue ich ihn an und frage, wie es ihm geht.
Zuerst will er nicht recht mit der Sprache raus, doch dann sagt er, dass er seit mehreren Wochen gesundheitlich angeschlagen sei.
Zögerlich kommt auch seine Antwort:
„Ich glaube auch, dass es mit der Arbeit zu tun hat. Doch nicht so wie du denkst.“
Langsam berichtet er mir über Entscheidungen, die er traf, die nach außen als die beste Wahl schienen, auch wenn dies vielen anderen schadete.
Mittlerweile sieht er, dass dies ihn krank gemacht hatte und im Inneren herrscht ein Konflikt, weil er ganz genau weiß, dass er in die falsche Richtung geht.
Mit verdunkelten Augen sieht er mich an und flüstert: „doch ich kann nicht mehr zurück. Ich glaube, es ist zu spät.“

Nachdenklich und schweigend sehe ich auf den Boden. Diese Geschichten habe ich so oft gehört uns ich weiß, dass Floskeln wie komm, so schlimm ist es nicht
Du musst ja an dich denken.
Kopf hoch, das geht auch vorbei.
Nichts als leere Worte sind.

Fest sehe ich ihm in die Augen und sage ihm die Worte, die ich so vielen schon sagte und die einen Frieden ausstrahlen, der mehr bedeutet als alles in der Welt.
„Versagen ist nie ein Ende und zu spät ist es nie. Komm zu dem, der deine Last abnehmen will. Er wird dir Ruhe geben.“

Langsam steht er auf und drückt mir die Hand.
Ich hoffe, er hat verstanden.

Verrechnet

„Also, heute bringst du mir nichts. Fahr Kinder, meinetwegen auch internistische Fälle, doch nichts für mich.“
Der chirurgische Aufnahmearzt lehnt lässig an einer Tür im Notaufnahmezentrum und lächelt mich breit an. Bevor ich antworten kann, meldet sich der Piepser und ich muss weiter. Der Doc ruft mir lachend hinterher: „Du weißt ja…“

Einige Zeit später bringen wir tatsächlich ein Kind. Strahlend schaut er mich an: „Fieberkrampf!? Zwei Eingänge weiter, ja?“

Der nächste Patient landet in der Neurologie und wieder spickt er erleichtert um die Ecke, denn er hat heute viele Patienten zu versorgen.

Dann kommt schon das nächste Kind, Unfall im Sportunterricht, v.a. Bänderriss.
Kurze Zeit später der 4-jährige mit der Kopfplatzwunde und auf einmal liegt da eine 12-jährige mit einem Unterarmbruch.
Die strahlenden Augen werden langsam dunkel und ein gestresster Zug legt sich auf sein Gesicht.

Kurz vor Feierabend rollen wir wieder ein, im Schockraum steht schon die versammelte Mannschaft und wartet auf das Kleinkind mit Verbrennungen.

Zwischen Tür und Trage flüster ich ihn zu: „Du wolltest ja Kinder!“
Empört raunt er zurück: „ja, aber andere!!“

Schachmatt

Ein langer Tag geht zu Ende. Heute war wieder ziemlich viel los und die Autos waren dauernd unterwegs. Müde und schweigend  erledigen alle die restliche Bürokratie und warten auf die Ablösung.
Nach der Übergabe und dem Umziehen gehe ich langsam Richtung Auto und freue mich auf den Feierabend. Heute will ich nur eines: schlafen.
Da höre ich meinen Kollegen hinter mir telefonieren. Während ich weitergehe, schnappe ich einige Wortfetzen auf und bemerke seine Frustration.
Ich drehe mich um und schaue ihn an, frage, was los ist.
Seine Blicke sprechen mehr, als Worte es sagen können. In seinem Gesicht kann ich mehr lesen, als er mir sagt. Seine Augen schauen unendlich traurig, genervt und zutiefst erschöpft.
Ich gehe nachdenklich nach Hause.
Manchmal ist es nicht leicht.

Ein Lächeln am Morgen

Dieser Einsatz ist gar nicht gut, der Notarzt meckert herum und will alles besser wissen. Meine Arbeit passt ihm nicht, meine Maßnahmen waren überflüssig, meint er. So ist es nicht verwunderlich, dass ich etwas ungeduldiger werde und zum Schluss verdrehe ich innerlich die Augen und entgegne ihm: „Lasst uns einfach professionell bleiben, okay?“

Die Patientin ist nun auf der Intensivstation angekommen.
Ich erledige den Papierkram und mein Doc sitzt daneben. Ich reiche ihm das Protokoll und will schon gehen, da hält er mich zurück und gibt mir die Hand: „Bis dann, danke für den Einsatz, es lief gut und entschuldige bitte meine überzogene Reaktion.“
Auch ich entschuldige mich und drücke froh seine Hand
Ich weiß: ich habe heute einen Freund dazu gewonnen.

Jeden Tag das selbe Lied

„Ach, du bist es…“
Das gleiche kann ich ihm auch sagen, als wir uns zwischen Tür und Angel begegnen.

Er hat eine weiße Hose an, der blaue Kittel sieht verknittert aus und das Gesicht ist müde.
Meine Schuhe sind dreckig und auf meinem Polo-Shirt sieht man paar Blutspritzer.

Wir haben gerade eine schwer verletzte Patientin gebracht, Schockraum und so.

Da haben wir uns gesehen, nur kurz zwischen zwei Räumen.
Wir sehen uns fast jede Schicht, er ist immer da, wenn ich arbeite, ich arbeite immer, wenn er Dienst hat.

Er ist so selten daheim, seine Familie kennt das schon, ich arbeite auch so oft, dass es immer die selben sind, die ich sehe.

Da zwischen Tür und Angel wechseln wir einige Worte:
„Du bist auch immer da…“
„Stressige Schichten irgendwie…“

Kurze Worte, müdes Lächeln.
Doch nach diesen Gespräch scheint der Dienstalltag viel farbenfroher.

Gut, dass man solche Freu(n)de(n)hat.

Eine sanfte Antwort

Dicke Luft hier. Der Gang ist eng, weil zum einem viel da steht und zum anderen viele da stehen. Patienten, Schwestern, Ärzte, Rettungsdienst. Dann noch das ganze zugehörige Material, Trage, Rollstuhl, Wäschewagen, Infusionsständer, Visitenwagen.
Und die Fragen:
„Bitte, die Infusion ist durch.“
„Der Herr in Zimmer 5 bekommt noch eine Vomex in die Infusion.“
„Wie lange muss ich noch warten?“
„Aber mein Knie tut so weh..“
„Männlich, 28, z.n. Krampfanfall, wo sollen wir hin?“

Die Schwester ist genervt, der Arzt gestresst, der Rettungsdienst verärgert und die Patienten sauer.
Am liebsten würde ich den Patienten einfach liegen lassen und weggehen. Geht mich doch nichts an, sollen die doch alle selber fertig werden.
Doch ich atme tief ein und lasse die Schwester erst mal in Ruhe. Wir lagern den Patienten um, bereiten alles zur Aufnahme vor, dem ungeduldigen Patienten von vorhin hänge ich die Infusion ab wechsle kurz paar Worte mit den andern und erkläre ihnen die Situation.
Langsam kehrt Ruhe ein, unser Melder geht und wir müssen wieder los, los ins Ungewisse, vielleicht auch ins Stressige, wir wissen es nicht.

Einige Stunden später sind wir wieder da, die Atmosphäre ist besser, die Leute ruhiger.
Während ich das Protokoll zu Ende ausfülle schaut die Schwester mich an und in ihrem Gesicht lese ich Dankbarkeit.
Mehr brauche ich nicht.
Und ich weiß: es lohnt sich. Immer.

Der diensthabende Neurologe

Wir haben uns gerade gesehen, zwischen Tür und Angel. Kurze Übergabe, kleines Lächeln, schnelles Gehen.
Es ist einiges los in der Notaufnahme und alle wollen oder müssen oder sonst was ins Krankenhaus.

Kurz vor Feierabend bringe ich wieder einen Patienten. Und dann steht er schon wieder da.
Müde lächelt er und wir unterhalten uns.
Nach dem Gespräch ist nicht nur sein Lächeln fröhlicher geworden.