In die falsche Richtung

Ich schleiche durch die Klinikgänge, es ist tiefe und ruhige Nacht.
Gerade haben wir einen schwerkranken Mann gebracht, der die nächsten Stunden nicht überleben wird.
Auf einmal kreuzt jemand meine Wege.
Wir kennen uns gut. Ich habe ihn oft durch die Straßen kutschiert, mich gut mit ihm verstanden und in Einsätzen harmonisch zusammen gearbeitet. Seit längerer Zeit ist er jedoch nicht mehr als Notarzt gefahren.
Freudig schaue ich ihn an und auch er lächelt mir zu. Wir setzen uns in eine ruhige Ecke und plaudern bisschen über alles mögliche.
Natürlich fällt auch die Frage, warum wir uns schon so lange nicht gesehen haben und mit seiner Antwort huscht ein trauriger und bedrückter Zug über sein Gesicht. Forschend schaue ich ihn an und frage, wie es ihm geht.
Zuerst will er nicht recht mit der Sprache raus, doch dann sagt er, dass er seit mehreren Wochen gesundheitlich angeschlagen sei.
Zögerlich kommt auch seine Antwort:
„Ich glaube auch, dass es mit der Arbeit zu tun hat. Doch nicht so wie du denkst.“
Langsam berichtet er mir über Entscheidungen, die er traf, die nach außen als die beste Wahl schienen, auch wenn dies vielen anderen schadete.
Mittlerweile sieht er, dass dies ihn krank gemacht hatte und im Inneren herrscht ein Konflikt, weil er ganz genau weiß, dass er in die falsche Richtung geht.
Mit verdunkelten Augen sieht er mich an und flüstert: „doch ich kann nicht mehr zurück. Ich glaube, es ist zu spät.“

Nachdenklich und schweigend sehe ich auf den Boden. Diese Geschichten habe ich so oft gehört uns ich weiß, dass Floskeln wie komm, so schlimm ist es nicht
Du musst ja an dich denken.
Kopf hoch, das geht auch vorbei.
Nichts als leere Worte sind.

Fest sehe ich ihm in die Augen und sage ihm die Worte, die ich so vielen schon sagte und die einen Frieden ausstrahlen, der mehr bedeutet als alles in der Welt.
„Versagen ist nie ein Ende und zu spät ist es nie. Komm zu dem, der deine Last abnehmen will. Er wird dir Ruhe geben.“

Langsam steht er auf und drückt mir die Hand.
Ich hoffe, er hat verstanden.

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