Homöopathie im Rettungsdienst

Die aufgeregte junge Frau sitzt bei mir hinten im Auto und erzählt mir, warum sie uns gerufen hat.

Am Tag vorher sei ihr schwindelig geworden und sie ist hingefallen. Daraufhin habe eine Freundin ihr sogenannte „Rescue-Tropfen“ (Notfalltropfen, s. Google) gegeben.

Während der Fahrt schaut sie sich im Auto um und sieht ein Medizinprodukt, auf dem ein Schriftzug angebracht ist.

„Ah, Sie haben auch das Rescue hier!“

Ich muss innerlich schmunzeln.

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Bis dass der Tod uns scheidet…

Der Mann in dem Bett sieht müde aus. Sein Gesicht wirkt erstarrt, die Augen sind geschlossen. Die sorgende Ehefrau steht neben dem Bett und erklärt, dass es dem Mann schon länger nicht gut geht und heute Morgen habe er stark aufgefiebert und sei seit dem kaum ansprechbar. Wir rütteln ihn wach, doch eine adäquate Antwort können wir nicht erhalten.
Die Frau berichtet weiter, dass der Mann eine lange Leidensgeschichte hinter sich hat. Im Moment ist ihr Mann bettlägerig und sie kann ihn nicht alleine lassen. Tag und Nacht ist sie seine konstante Ansprechpartnerin und persönliche Pflegerin, die ihm jeden Wunsch von den Augen liest und sie weiß, dass er immer schwächer wird und sein schwaches Immunsystem ihn immer neu an banalen Krankheiten schwer erkranken lässt und er immer wieder eine Sepsis bekommen wird. Sie weiß genau, dass ihr lieber Mann nie mehr wird wie früher und dass jeder Aufenthalt im Krankenhaus ein leiser Abstieg ist.

Als wir beide im Auto sitzen, stelle ich ihr leise die Frage, worauf ich eigentlich schon die Antwort weiß und sie sagt mir mit Augen, die voller Erinnerung leuchten:
„Die größte Kraft des Lebens ist die Liebe.“

Und ich begreife, dass in ihrem Leben der Vers aus der Bibel wahr geworden ist..
„… Bis dass der Tod euch scheidet…“

Ironie.

Elly kommt aus einer Stadt irgendwo aus Deutschland. In zerrütterten Familienverhältnissen aufgewachsen hatte sie nicht viel von den sonnigen Momenten des Lebens mitbekommen, doch da das Jugendamt sich einschaltete, konnte sie eine trotz der schlimmen Kindheit schöne Teenagerzeit in einer liebevollen Pflegefamilie in einer kleinen Stadt erleben.

Nach dem Abitur wollte sie wie viele ihrer Freundinnen nicht gleich mit dem Studium anfangen, sondern erstmal ein FSJ machen. Im Rettungsdienst ihres Heimatkreises hatte sie sich schnell in der Rettungswache eingelebt und mancherlei Erfahrung gesammelt. Unterwegs war sie keineswegs mit dem Auto, Elly fuhr zu jedem Dienst mit ihrem geliebten Mofa und als es draußen wirklich ziemlich kalt war, kam sie mit roten Wangen und strahlendem Lächeln in den Wachenraum hinein und sagte: „Ich habe heute ein wenig gefroren, aber ich bin froh, dass es hier soo warm ist.“ Die liebe Elly haben alle gern, sogar der grummelige Hans, der von Frauen im Rettungsdienst nicht viel hält.

Es war schon spät, Elly hat nun ihren letzten Monat im Rettungsdienst vor sich, bevor sie mit dem Studium anfängt. Nach dem Tagdienst setzt sie den Helm auf und fährt die altbekannte Strecke nach Hause. In Gedanken ist sie schon zu Hause und freut sich auf ein gutes Buch und eine warme Tasse Tee.

Doch für ihre Kollegen sollte das kein ruhiger Dienst werden, sie erhalten bald die erste Fahrt. Die Einsatzmeldung lautet „Verkehrsunfall“ und der Einsatzort eine Bundesstraße unweit der Stadt. Dort angekommen erwartet sie ein grausiges Bild, ein zerbeultes Auto, zerbrochene undefinierbare Teile und ein zusammengekauertes Häufchen Mensch, bei dem man gerade noch braune Locken erkennen kann. Den Rettungsassistenten stockt der Atem und sie stellen fest, dass die kleine Person auf der kalten Straße keine Unbekannte ist. Elly liegt da, friedlich, als würde sie schlafen. Doch sie ist tot. Sie hat den Unfall nicht überlebt. Sie ist gestorben, weil ein Autofahrer sie nicht gesehen hatte.

Ein Autofahrer, der an der gleichen Krankheit litt wie die Menschen, die für ihre zerrütterte Kindheit verantwortlich waren.