Berufskrankheit

Vor einiger Zeit redete ich mit einem meiner Notärzte, mit dem ich ein freund-schaftliches Verhältnis pflege. Wir sind auf einer gemeinsamen Wellenlänge und teilen nicht nur die selben Weltanschauungen.
Er selbst ist Vater dreier kleinen Kinder, alle noch im Vorschulalter. Vor einiger Zeit hatte er den Badesee besucht und die Kids spielten im flachen Wasser des kleinen Sees. An sich nichts Besonderes und keine Angst, es ist auch nichts Schlimmes passiert.

Als wir uns darüber unterhielten, kristallisierte sich heraus, vorauf er eigentlich hinaus wollte. Immer wieder hatte er sich vergewisserst, ob es den Kindern tatsächlich gut geht, ob keines von ihnen in Begriff steht, ins tiefere Wasser abzuwandern oder andere Überraschungen bereithält – wie jeder gute Vater es nun macht.
Was er dachte, ist jedoch nicht Standard. In seinem Kopf spielte er alle möglichen Szenarien durch:  Was ist, wenn die Große paar Meter weiter geht, gerade wenn ich weg sehe? Was ist, wenn der Bub die kleine Maus ausversehen stößt und sie hinfällt – paar Momente reichen, damit ein so kleines ertrinkt, war das nicht bei dem einen Notfall auch so? Und was ist, wenn ich sie reanimieren muss? 15:2? Und waren die Beatmungen auch dabei? Hilfe, ich habe meine Notfalltasche nicht auf Verfall gecheckt.
Okay, was machen wir nochmal Schritt für Schritt? Ich habe hier auch keine Rettungsassistenten dabei, die mir helfen können….. 

In euren Ohren mag sich das vielleicht ein wenig übertrieben oder lächerlich aussehen, vielleicht denkt der andere aber auch, dass es normal ist, weil sich Eltern prinzipiell Sorgen machen um ihre Kinder.

Mir ist klar geworden, dass ich jedoch sehr ähnlich denke und handle.
Bin ich in einer fremden Stadt, schaue ich zuerst, ob ich anhand der Straßenschilder das nächste Krankenhaus finden kann.
Auf Autobahnen schaue ich mir jede Ausfahrt an um auch ohne Navi sagen zu können, wo ich mich befinde. Bin ich auf einer Überlandstraße unterwegs präge ich mir wichtige Punkte ein und merke mir den letzten Ort, durch den ich gefahren bin.
In großen und unbekannten Häusern möchte ich zuerst wissen, wo die Notausgänge sind und wie ich dahin komme und gibt es auch einen Feuerlöscher?
Bin ich in Hallen, Versammlungsräumen oder anderen großen Häusern, mache ich mir, bevor ich mich auf den Grund meines Herkommens (Konferenz, Konzert, Besprechung) konzentriere, einen Plan im Kopf, wie ich am Schnellsten hier heraus kommen könnte, wie ich am Schnellsten eine Person herausbringen könnte, wie ich am Schnellsten eine Person zwischen Stuhlreihen zu einem freien Platz bringen könnte. Ich mache mir einen Plan, wie ich reagieren würde, wenn eine Person reanimationspflichtig wird, was ich mache, wenn eine Person einen Herzinfarkt hat und wen ich zur Hilfe bitten würde, wenn ich mit mir bekannten Menschen unterwegs bin.

Ich hatte schon einige Male Notfälle in solchen Settings und selbstverständlich kann ich mich nicht immer komplett an alles erinnern, was mein Kopf sich da überlegt hat, aber ich bin ruhiger in solchen Situationen, weil mein Kopf das alles schon durchgespielt hat und Erfahrung viel mehr wert ist als Routine. Ich werde nie Routine haben in Notfällen in großen Konferenzen zwischen zwei Stuhlreihen, einfach weil ich solche Notfälle nicht täglich erleben werde.
Aber ich habe die Erfahrung, die mir hilft, in außergewöhnlichen Situationen nicht den Kopf zu verlieren.

Um nochmal auf den Titel zurückzukommen, ja, ich denke, es ist eine Art „Berufskrankheit“, genauso wie bei anderen Menschen unauffällig den Venenstatus zu checken, aber machen das nicht alle? Frag mal einen Optiker, ob er nicht auf die Brillen seiner Mitmenschen achtet? Und könnt ihr euch vorstellen, dass ein Schreiner unbeeindruckt an einem antiken Schränkchen vorbeigeht? Es gibt unzählige Beispiele dafür.

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Hab keine Angst

Sie sind unzertrennlich. So unzertrennlich wie Geschwister sein können, die nur zwei Jahre auseinander sind. Bisschen Streit, bisschen ärgern, aber wenn es darauf ankommt, halten sie zusammen.

Gemeinsam durchstreifen sie auch den Wald und das Dorf. Natürlich nur so weit sie dürfen. Auch wenn sie sich mit 5 Jahren schon für erwachsen hält und findet, dass sie durchaus alleine in der Welt bestehen könnte, sieht ihre Mutter das anders und der kleine Bruder mit 3 ist schon ziemlich klein. Aber er hat ja sie, die große Schwester.

Jeden Tag gibt es etwas neues zu entdecken. Einmal sind es die Tannenzapfen, die auf der Straße gelandet sind und mit denen man gut eine ganze Stadt nachbauen kann. Die Hühner der Nachbarn sind auch immer für einen Spaß gut und wenn es nichts zu tun gibt, liegen die zwei auf der Wiese und schauen in den blauen Himmel: das ist Dorfleben!

Aber das Highlight schlechthin sind die Kühe und der Bauernhof. Jeden zweiten Tag dürfen die zwei Milch vom Bauern holen. So spannend! Die kleinen Kälber und die süßen Kätzchen, die großen muhenden Kühe, die immer bisschen furchterregend aussehen und die interessante Melkmaschinen, die die Milch in den großen Kühlcontainer befördern. Auf der großen benachbarten Wiese befinden sich außerdem die jungen Rinder, denen jeden Tag ein Besuch abgestattet wird.

An diesem schönen Herbsttag gehen die zwei wieder zum Bauernhof. Auf dem Rückweg sehen sie eine interessante Stelle, die sie bisher noch nicht bemerkt haben. Direkt neben dem kleinen Fußpfad, der vom Bauernhof zu ihrem Haus führt, sehen sie eine große Vertiefung, die sie an ein Schwimmbecken erinnert. Auf diesem Becken sehen sie Holzbretter, die den Inhalt verdecken. Die Neugier ist geweckt! Das scheint etwas hochinteressantes zu sein. Erst werden kleine Steine in die Spalten zwischen den Brettern geworfen. Dann kommen etwas größere Brocken. Es hört sich interessant an, aber die zwei können das immer noch nicht identifizieren. Sie schickt ihn runter auf die Bretter um nachzusehen, was sich da befindet.
Der kleine dreijährige Junge steht auf den Brettern und versucht in die Spalten zu lugen. In diesem Moment krachen die morschen Bretter, ein erschrecktes Rufen und der kleine Junge ist weg. Einfach weg.

Das Mädchen schreit los, sie läuft zu ihrer Mutter und versucht klar zu machen, was da draußen passiert ist. Wertvolle Minuten vergehen, bis die Mutter bei der Stelle ist, wertvolle Minuten, bis der Bauer da ist und der Notarzt alarmiert ist. Wertvolle Minuten, die der kleine Junge nicht hat. Für ihn kam jede Hilfe zu spät.

 

Hier handelte es sich um eine Jauchegrube, die es bei jedem Bauernhof gibt. Die Bretter lagen nur lose über diese Öffnung, außerdem waren sie schon ziemlich morsch. Das Problem bei Jauche(gruben) ist die Entstehung von giftigen Dämpfen, die je nach Umstand und Konzentration zum unmittelbaren Atemstillstand führen können.
Zu eurere Beruhigung kann ich sagen, dass die letzten beiden Absätze glücklicherweise nur eine „Was-wäre-wenn“ Situation darstellen.
Wieviele Kinder laufen über diese Erde, nicht wissend, in welchem lebensbedrohlichen Gefahren sie sich befinden. Kinder, die Dinge ohne Nachdenken aus bloßer Neugier machen, ohne zu wissen, dass sie damit mit ihrem Leben bezahlen werden.
Und wieviele Kinder gehen vollkommen unbeschadet aus diesen Ereignissen heraus. Sie werden nie wissen, dass es einen Engel gab, der seine Hand alleine über sie gehalten hat und sie beschützt hat, ohne dass sie es gemerkt haben.
Wie in dem oben beschrieben Ereignis, das eine Geschichte aus meinen Leben beschreibt, die, Gott sei Dank, nicht so ausgegangen ist.

 

 

Freitagsfragen

Heute habe ich mich entscheiden, die Fragen von Brüllmaus zu beantworten, weil ich sie ganz interessant fand.

1.) Es ist Freitag, der 13. Bist du abergläubisch?

Tatsächlich, heute ist Freitag, der 13. Ich bin überhaupt nicht abergläubisch und das aus verschiedenen Gründen. Ich glaube nicht, dass eine Zahl so einen Einfluss auf meinen Leben nehmen kann, dass ich vor etwas, das am 13. passieren könnte, Angst haben könnte oder was auch immer. Wenn ich die Frage ändern könnte –  ja, ich bin gläubig 🙂

2.) Kannst du verzeihen?

Ich glaube, vergeben fällt niemandem leicht. Hier einfach ohne weitere Kommentare ein kurzes und ehrliches Ja.

3.) Der Nachbar, der seinen Hamster nach dem Urlaub nicht mehr zurück haben möchte, hat Entscheidungsbefugnis über Deinen Arbeitsplatz. Wie reagierst Du unter dieser Prämisse?

Ich denke, dass ich den Hamster einfach weiter gegeben hätte an jemanden, der ihn haben will, denn wenn der Nachbar ihn nicht haben will, nehme ich ihn lieber so lange, bevor er leidet. Und da ich ja im Sinne des Nachbarns gehandelt habe, bezweifle ich, dass ich Angst um meinen Arbeitsplatz haben sollte 🙂

4.) Die Wahl der Qual: Wissen wie Du stirbst oder wissen wann Du stirbst?

Ich muss sagen, dass mich beides weniger interessiert. Das hat zwei bestimmte Gründe:
1. für mich ist der Tod nur eine Zwischenstation, es kommt mir darauf an, wie viel Leben ich meinem Leben hier auf Erden gegeben habe und wie viel „Schätze im Himmel“ ich gesammelt habe.
2. ich habe keine Angst vor dem Tod und auch der Mechanismus hat für mich keine Relevanz, denn selbst, wenn ich wissen würde, hätte ich keine Möglichkeit, es zu beeinflussen.
Ich bin generell eher ein Mensch, der nicht wissen würde, was die Zukunft bringt 🙂

 

Liebe Brüllmaus, es hat mir Spaß gemacht 🙂

Hinter Gittern

Jede größere Stadt hat eine JVA, auch Gefängnis oder ganz umgangssprachlich „Knast“ genannt. Manche Städte haben nur Männergefängnisse während andere auch Frauen-oder Jugendstrafanstalten haben.
Egal um welche Art von Vollzugsanstalt es ich handelt –  sie haben alle etwas gemeinsam: die Menschen sind von den anderen Menschen separiert worden, weil sie eine Bedrohung für die Gesellschaft darstellen.

Von Zeit zu Zeit werden wir auch in diese Art von Gebäude gerufen. Es handelt sich hierbei um ganz normale Einsätze, die auuch außerhalb der Gitter passieren, sei es eine Verletzung, eine internistische Erkrankung wie Herzinfarkt oder ein Krampfanfall. Von Zeit zu Zeit gibt es auch Suizidversuche oder Suizide. Alles normale Einsätze, normale Vorgehensweisen… normale Menschen?
Jedes Mal wenn wir uns Richtung JVA bewegen, kann ich mich eine beklemmenden Gefühls nicht entwehren. Wir passieren die Sicherheitskontrollen, wissend, dass wir nicht das Gebäude verlassen können, ohne dass uns jemand die Tür öffnet. Wir können nicht gehen, wenn wir es wollen, wir müssen uns darauf verlassen, dass uns jemand hinaus lässt. Wir können nicht einfach eine Tür öffnen und einen Menschen versorgen, weil wir nicht die Befugnis dazu haben und wir können oft nicht auf dem kürzesten Weg zum Patienten, weil die Begebenheiten das oft nicht zulassen.
Kurz – wir sind auch Gefangene.

Gehen wir an den Zellentüren vorbei hinter denen Menschen sitzen, die aufgrund ihrer Straftaten hier untergebracht worden sind, frage ich mich mit Blick auf jede einzelne Tür: „und was hast du getan?“ und „was hat dich dazugebracht, so zu handeln?“ Er wird mir meine Frage nie beantworten können, weil ich sie ihm nie stellen werde.

Meine Patienten treffe ich immer alleine und in Begleitung der Beamten an. Alleine, weil ihre Zimmergenossen anderweitig untergebracht und Flurnachbarn in ihren Zimmern sind. In Begleitung der Beamten damit ein potentieller Fluchtversuch unterbleibt.
Und abermals kommen wieder die Gedanken an die Oberfläche „warum – weshalb – wieso?“ Auch er (oder sie) wird mir die Frage nicht beantworten, weil ich sie ihm nicht stelle, weil es nicht wichtig ist. Nein, es ist nicht wichtig, was er getan hat, warum er hier sitzt, ob er eine Bank überfallen hat, indem er den Bankangestellten mit eine Wasserpistole bedrohte oder ein scharfes Geschütz hatte. Ob er ein notorischer Schläger ist, der mehr Anzeigen aufgrund Körperverletzungen hat als ich an Händen und Füßen abzählen kann oder ob diese Person sogar einen Menschen auf dem Gewissen hat.

Das einzige was zählt ist, dass der Mensch meine Hilfe braucht. Hat er sie verdient? Ich weiß es nicht. Hat er verdient, dass sie ein Mensch um ihn (um sie) kümmert, obwohl er sich nie um andere gekümmert hat, die unter seiner (oder ihrer) Handlungsweise leiden mussten?
Sehen wir die Sache von diesem Blickwinkel aus, werden wir alle sagen: Nein, er hat sie nicht verdient. Denn wer anderen schadet, dass er in Verwahrung kommen muss, der hat kein Recht Hilfe zu erhalten.
Gehen wir der Sache aber auf den Grund, müssen wir uns eingestehen, dass auch wir viel zu oft anderen schaden, uns egoistisch verhalten, andere verletzen. Nein, wir werden nicht dafür verurteilt und kaum einer kommt ins Gefängnis, wenn er seine Kekse nicht teilt. Aber haben wir es tatsächlich verdient, dass andere Menschen uns helfen, uns lieben, für uns da sind?

Während ich diesen Häftling versorgen, ihm die gleiche Behandlung zuteil werden lasse, denke ich darüber nach. Ihn zu behandeln wir jeden anderen Menschen, ihn nicht zu verurteilen und ihm zu helfen, egal, was er getan hat, dazu gehört bedingungslose Liebe. Es geht nicht nur darum, dass man den Menschen professionell versorgt und ihm alles, was in seinem reduziertem Allgemeinzustand braucht, gibt.
Und wieder wird mir klar, wie weit wir alle, wie weit ich selber von dieser wirklich bedingungslosen Liebe entfernt bin.

Langsam nähern wir uns dem Ausgang. In zwei bis fünf Minuten werden wir die Tore hinter uns lassen und wir werden wieder frei sei, im Gegensatz zu den Menschen, die hinter unserem Rücken in ihren Zellen, Betten, Essräumen sind.
Ja, wir werden frei sein, körperlich, aber frei von Hass, unguten Gedanken, Vorurteilen und Neid werden auch wir nicht sein.

Die letzte Fahrt

Die Straße ist neu. Nicht komplett neu, aber sie ist vergrößert worden, außerdem wurde sie neu asphaltiert und auch die Markierungen fehlen nicht mehr. Es handelt sich hierbei um diese klassischen Dorfverbindungswege, die oft nur so schmal sind, dass man nur vorbei kommt, wenn beide Autos ganz rechts fahren. Diese Straße wurde nun endlich saniert und strahlt nun in ihrem neuen Glanz.

Er fährt nach der Arbeit nach Hause. Es ist nicht seine übliche Strecke, doch seit dem Tag ist ihm das egal. Seit diesem Tag fährt er abends immer die gleiche Strecke heim. Er fährt Richtung Westen, damals fuhren sie Richtung Osten. Im Sommer wartet er oft, bis die Sonne tief steht, genauso tief wie damals als sie im Osten erst aufgegangen ist. Jeden einzelnen Tag zieht es ihn da hin.

Er fährt die Straße entlang. Damals war es so ein Gemeindeverbindungsweg. Die Felder und Kurven lassen auch heute keine einwandfreie Sicht zu, aber immerhin muss sich niemand mehr Sorgen machen, dass er jemanden nicht rechtzeitig sieht. Damals war das anders. Die Kurven sind die gleichen geblieben. Während er diese Straße entlang fährt, steigt die alt bekannte Bitterkeit hoch…. Hätten sie schon damals….

Mittlerweile kennt er jede Kurve, jedes Feld. Noch zwei Kurven und dann kommt die kleine Abzweigung zum Bauernhof. Unmittelbar nach dieser Abzweigung war es. Krampfhaft hält er die Augen geöffnet, er weigert sich, noch mehr Tränen zu vergießen. Jetzt kommt die Kurve, an der sein Leben jäh anderes wurde. Es gibt kein Kreuz, das auf diesen schlimmen Tag hinweist, nur ein kleiner Strauß Blumen liegt unter dem 3. Baum rechts. Während er mit zusammengebissenen Zähnen vorbei fährt, stürmen die Bilder auf ihn ein.

Er fuhr ihr hinterher, sie wollten das Auto zum Händler bringen. Endlich hatte sie sich durchgerungen, ein neues und sicheres Auto zu kaufen. Die Sonne ging gerade auf und blendete sie mit ihrem gleißenden Licht. In dieser Kurve, die so eng ist, dass man eigentlich mit reduzierter Geschwindigkeit fahren sollte, kam ihr der andere Autofahrer entgegen. Sie prallten aufeinander, er in seinem Auto konnte nur noch schreien und dann habe war es vorbei.

Tieftraurig fährt er an dieser Stelle vorbei. Immer wieder fragt er sich, wie lange es dauert, bis er den Schmerz überwunden hat. Und obwohl er sich schon tausend Mal mit der Frage befasst hat und eigentlich die Antwort schon weiß, flüstert er verzweifelt in den untergehenden Feuerball schauend: Warum? 

Der Narr

Es lebte mal ein König, der einen Hofnarren hatte. Im ganzen Land war kein einziger, der so war wie er. 

Eines Tages schenkte der König ihm einen Stab und sagte ihm: „Diesen Stab gebe ich dir, weil du der größte Narr bist und es deinesgleichen keinen anderen gibt. Du darfst den Stab nicht verkaufen noch verschenken. Findest du aber einen Menschen, der ein größerer Narr ist als du, musst du ihm den Stab übergeben.“

Lange Zeit später kam die Nachricht, dass der König auf dem Sterbelager läge. Der Narr kam in sein Zimmer: „ich habe gehört, du machst dich auf die Reise?“ Betrübt antwortete der König: „Ja, ich habe keine andere Wahl, ich muss gehen.“ Der Narr zeigte sich bestürzt darüber, dass es einen höheren Herrscher als seinen König gibt und fragte weiter: „aber du kommst zurück?“ „Nein“, erwiderte der König. „Nicht? Dann hast du dich sicherlich sehr gut darauf vorbereitet?“ Als der König das verneinte, schob er schnell hinterher: „bestimmt hast du es erst jetzt erfahren, dass du die Reise ohne Wiederkehr antreten musst.“ Der König schüttelte nur verzweifelt den Kopf. Der Narr schaut ihn mit traurigen Auge an. Leise legt er den Stab auf des Königs Bett und spricht: „Du wusstest, dass du eine Reise antreten wirst, von der du nie zurückkommen wirst und hast keinerlei Vorkehrungen dafür getroffen. Du bist der größte Narr, den es gibt.“ Und langsam verlässt er das Zimmer..



Der Mann, der in meinem Auto liegt ist noch sehr jung. So jung, dass er mein älterer Bruder sein könnte und so jung, dass wir uns eigentlich duzen sollten. Ich bewahre aber die professionelle Distanz und erkläre ihm nun das weitere Prozedere. 

Nach paar Minuten ist Stille im Auto. Ich weiß, dass ich noch ungefähr 10 Minuten Zeit habe, bis wir im Krankenhaus angekommen sind. Ich beginne das Gespräch, indem ich ihn frage, wie genau er über seine Diagnose Bescheid weiß. Nüchtern erklärt er es mir und benutzt Wörter, die kein normaler Mensch kennt. 

Ich sitze erstmal nachdenkend da. Dann frage ich ihn, genau so wie es der Narr tat, was er getan hat, um sich auf seine Reise vorzubereiten. Ausweichend antwortet er mir. Er weiß nicht was kommt, er stelle es sich so und so vor aber vielleicht ist es ja ganz anders. Im Endeffekt muss er jedoch, wenn nicht so deutlich wie der König, zugeben, dass er sich eigentlich nicht auf die Reise vorbereitet hat, obwohl er weiß, dass er an dieser Krankheit in naher Zukunft sterben wird.

Still schaue ich ihn an. Wir haben nicht mehr lange ins Krankenhaus und ich fühle, dass meine Worte vergeblich sind und wären. 

Tief in mir frage ich mich, wie ein Mensch im Angesicht des Todes so denken kann. 

Ich weiß, dass es verschiedene Phasen von Sterben gibt und dass er vielleicht in einer Phase ist, in der er das Sterben noch nicht realisieren kann. Er weiß jedoch, dass er in naher Zukunft von dieser Erde gehen wird und verschwendet keine Zeit für die Vorbereitung.

Das ist närrisch. Um es in den Worten der am Anfang geschrieben Geschichte auszudrücken.

buntes Helmpotpourri

Was man sich als Helmträger so alles anhören muss

„Sieht ja doof aus“

„Da geht doch die Frisur kaputt“

„Bist du noch ein Kind? Du brauchst doch keinen Helm mehr“

„Fährst du etwa auf der Straße!?“

„Ich fahre vorsichtig“

„Mir ist noch nie was passiert“

„Als ob der Helm schützen würde“

 

Und was ich darauf antworte

„Ein offenes Schädelhirntrauma sieht noch besser aus.“

„Wenn du dir den Kopf verletzt hast, sieht die Frisur auch nicht mehr schön aus.“

„Natürlich, im Auto schnallen sich auch nur die Kiddies an.“

„Was ist, wenn ich die Straßenseite wechseln muss, was ist, wenn auf dem Fahrradweg ein Bordstein ist?“

„Du schon, die anderen auch?“

„Zum Glück!“

Und auf die letzte Aussage lasse ich mich nicht mal ein.

Das beste sind immer die herablassenden Äußerungen, als ob Sicherheit eine lächerliche Angelegenheit wäre. Ich muss mich viel zu oft entschuldigen dafür, dass ich mich meine Sicherheit und mein Leben höher achte als vermeintlich unmodische Frisurzerstörer.

Blogparade: Ich und die Medizin

Hallo 🙂 es ist im Moment ziemlich ruhig hier geworden. Aber keine Sorge, das wird besser in den nächsten Wochen.

Heute möchte ich an einer Blogparade teilnehmen, die die liebe Anne von „Mein praktisches Jahr“ initiiert hat.

Ich finde die Idee sehr schön und habe mir auch überlegt, dass ich einiges dazuschreiben werde. Geschichten über den Rettungsdienst findet ihr zu Genüge in meinem Blog, deshalb werdet ihr heute nur hören, was ich von meinem Beruf und dem Rettungsdienst im Allgemeinen halte.

Ich bin mit Leib und Seele Rettungsassistentin. Das hat aber erstmal nichts zu sagen. Ich bin auch mit Leib und Seele Schwester, Tochter, Freundin, Vertraute. Ich möchte meine Arbeit, egal um was es geht, gut machen und mit meinem Herzen dahinter stehen.

Der Rettungsdienst ist eine interessante Domäne. Interessante Einsätze wechseln mit unglaublich unnötigen Fahrten ab und an manchen Tagen sitzen wir 10 Stunden in der Wache und fragen uns, was wir überhaupt machen, während wir an den anderen Tagen nicht mal sicher sein können, ob das Auto genügend Material hat, weil wir weder zum Kontrollieren des Bestandes noch zum Auffüllen kommen. Es gibt Einsätze, an denen die Menschen unglaublich dankbar sind, so dass es schon fast unangenehm ist während bei anderen Notfällen die Menschen so unverschämt sind, dass man annehmen muss, sie haben ihre gute Kinderstube vergessen (geschweige denn jemals eine genossen).

Die Einsätze haben eines gemeinsam: sie zeigen uns Einblicke, die kein normaler Mensch sehen. Da ist es die sonst top angezogene, immer picobello geschminkte Juristin, die sich keinen Fehler erlaubt, hier aber barfuß und vollkommen durch den Wind im Garten umherirrt. Da sehe ich den 15-jährigen Teenager, der nie weint und vor allem Menschen als eiskalt beschrieben wird. Jetzt liegt er vor mir auf der Trage und hält sich den Bauch und will von mir das Versprechen haben, dass er nicht Krebs hat. Die ältere Dame, die nie im Schlafanzug auf die Veranda gehen würde um die Wäsche aufzuhängen präsentiert sich uns mit ihrem Nachtgewand und verschämt will sie alles zurechtzupfen.

Die Menschen sind peinlich berührt, weil wir sie in diesem Zustand sehen, und selbst wenn wir ihr sagen, dass es uns nichts ausmacht, fühlt sich jeder einzelne in einer seltsamen Situation.

Und das ist das, was den Rettungsdienst ausmacht. Wenn jemand den Begriff Rettungsdienst hört, bringt er das immer mit schlimmen Unfällen, aggressiven Jugendlichen, spektakulären Rettungseinsätzen und wagemutigen Reanimationen in Verbindung.
Meiner Meinung nach macht den Rettungsdienst eines aus: das Zwischenmenschliche. Nein, ich glaube nicht, dass man das Fachwissen nicht braucht und man mit paar netten Worten die Situation gut reden kann.
Ich weiß aber, dass einige wenigen Worte helfen können, einem Menschen die Angst zu nehmen. Dass eine mitfühlende Geste so viel bedeuten kann und helfen kann, sich nicht mehr unwohl zu fühlen.

Und, was ganz wichtig ist: egal, was die Menschen vom Rettungsdienst halten, egal wie wir als Helden beschrieben werden und egal wie oft einige unserer Zunft sich als die Lebensretter schlechthin sehen. Der Rettungsdienst ist eine Tätigkeit mit unglaublichen Privilegien, aber auch mit einer großen Verantwortung. Nicht mehr und auch nicht weniger.

 

Titelbild: made by Anne 🙂 total schön, oder?

Die unsichere Komponente

Ich komme ein wenig später an. Das liegt weder an meinem Notarzt, noch an dem Verkehr oder an der Strecke sondern einfach daran, dass der Rettungswagen näher dran ist.

Wir beide schauen um die Ecke und sehen unsere Kollegen, beide schauen uns mit einem endgültigem Blick an und wir gehen langsam zu ihnen. In meinem Kopf versuche ich einige Dinge zu sortieren und auszuschließen, aber so richtig vorbereitet war niemand auf das, was jetzt kommt.

Ich kann die Person nur von hinten sehen. Sie ist ruhig und bewegungslos. Die warme Frühlingsluft war bis gerade voll mit Vogelgesang aber scheinbar sehen die Tiere auch voller Schrecken auf das Bild, das sich ihnen bietet und halten so wie wir unwillkürlich die Luft an.

Ich habe einiges gesehen, schönes und schreckliches. Habe gestaunt und geschwiegen, gelacht und auch geweint. Ich habe geredet und gelächelt. Aber eines geschah selten. Nämlich, dass es mir in einem Einsatz die Sprache verschlagen hatte.Ich bin kein Mensch vieler Worte, aber ich kann meistens in jeder Situation das richtige sagen.

Heute nicht. Und auch den kompletten Einsatz über muss ich mich immer konzentrieren, wenn ich einen Satz sagen möchte, in der Leitstelle anrufe, mit der Kripo kommuniziere, den Notfallseelsorger bestelle. Auf der Heimfahrt schauen wir uns ab und zu an und sagen nur immer wieder:  „Also, das kann ich aber jetzt nicht glauben.“

Ich schätze, es ist schwierig, auf alles vorbereitet zu sein und das ist auch ein Aspekt, den ich an meinem Job mag. Man erhält ein Stichwort, eine kurze Information, aber ob sich genau das Notfallbild dahinter verbirgt, kann niemand sagen. Außerdem fließen immer die variablen Faktoren ein, die niemand von uns beeinflussen kann. Das hat mich auf eine gewisse Art und Weise entspannter gemacht, ruhiger. Ich kann gut mit dem Wissen leben, dass ich nicht alles in der Hand habe und es immer eine unsichere Komponente gibt, die ich nicht beeinflussen kann und der ich mich stellen muss, ob ich möchte oder nicht.

Manchmal kann einem die Ausbildung, die Erfahrung und die Weisheit einem aber nicht helfen. Wenn du das Stichwort „Suizid/Suizidversuch“ bekommst, handelt es sich oft nur um einen Hilfeschrei. Wenn du dieses Stichwort bekommst, rechnest du mit Dingen wie Tabletteneinnahme, Alkoholvergiftung und Verletzungen. Wenn du hörst, dass jemand sich das Leben nehmen will, gehst du davon aus, dass diese Person sich die Arme aufgeschnitten hat oder vielleicht sogar aufgehängt hat. Du rechnest selten mit den wirklich schlimmen und schrecklichen Arten von Suizid, denn diese Dinge passieren so selten, wie selten man zu Säuglingsreanimationen fährt.

Aber damit, dass du jemanden siehst, der sich mehrere große Gefäße im Körper eröffnet hat, dass du jemanden siehst, dessen Blut mittlerweile schon geronnen ist und auf dem Boden ein bizarres Muster formt, dass du jemanden siehst, der seinen Tod so in Szene setzt, dass niemand, der dieses Bild sieht, das jemals vergessen kann, dann hilft dir weder Erfahrung, Weisheit und Ausbildung.

Es gibt nur eine Möglichkeit…

Um jeden Preis

80???“ 

Die junge Frau spricht die Fragezeichen nicht aus, aber ich kann ihre Empörung deutlich hören.

Achzig ist viel zu hoch für mich. Das geht gar nicht, da ist was falsch bei mir. Das ist nicht normal. Messen Sie nochmal mit Hand und schauen Sie gleich, ob ich Extrasystolen habe.

Ja nun, dann mache ich nochmal. Während mein Monitor pflichtbewusst seine Arbeit tut und munter in einem wunderschönen Rhythmus vor sich hin piepst, lege ich meinen Zeige,-Mittel- und Ringfinger an die Stelle an ihrem Handgelenk, an der die Arteria radialis verläuft. Konzentriert blicke ich auf die Uhr, aber nur, damit ich unvoreingenommen ihren Puls zählen kann. 

79 Schläge in der Minute.“ Das Ergebnis meiner einminütigen Zählung deckt sich mit der Zahl, die auf dem Monitor erscheint. In der Ecke unten links zeigt die Stoppuhr an, dass wir die Überwachung mittlerweile 9:47 Minuten dran haben. In der lückenlosen EKG-Aufzeichnung erscheint ein wunderschöner Herzrhythmus, der keinen Hinweis auf eine Störung liefert. 

Ich schaue die Dame an, der meine Erklärungen gar nicht gefallen. Immerhin hat sie uns angerufen, weil sie das Gefühl hat, dass ihr Herz stolpert. Ich fasse ihr nochmal alle Werte zusammen, die im Normbereich liegen. Auch wenn ihr Puls normalerweise bei 65 liegt, ist eine Frequenz von 82 nicht unnormal und in der Regel nicht abklärungsbedürftig. Alles unter 100 ist erstmal in Ordnung und 80 ist kein Wert, der mir Sorgen bereitet. Sie weist auch keine Symptome auf, die für eine abklärungsbedürftige Störung der Erregungsweiterleitung am Herzen hinweisen. Mit andern Worten: sie ist gesund. 

Entrüstet blickt Sie mich an: „Sie sind doch nicht Ärztin, Sie können das gar nicht beurteilen.“ Das ist der Moment, in den ich kurz meine Augenbrauen hochziehe und sie nur anschaue, bis sie meinen Blick nicht mehr standhalten kann und auf die auf dem Couchtisch liegende Papiere sieht. Diese hatte ich vorhin auch schon ausgiebig studiert und sie sagen mir, dass ich nicht die erste Person bin, mit der sie über ihre Symptome gesprochen hat. Innerlich kopfschüttelnd, äußerlich wie immer ruhig und professionell reiche ich ihr die Hand und sage ihr: „Ihr Hausarzt erwartet Sie wie abgeklärt in zwei Stunden in seiner Praxis, ich wünsche Ihnen noch alles Gute“ und verlasse gemeinsam mit meinem Azubi und mit einem Durchschlag des Protokolls die Wohnung.

Im Auto schauen wir uns nur an. Worte braucht es hier keine.
Übrigens: besagte Patientin war/ist selber medizinisches Fachpersonal. Das erklärt, warum sie Fachbegriffe, Krankheiten und Normwerte kannte.