„Du hast aber gesagt…“

Ich höre diese Worte nur in Gedanken, sie wurden nie laut ausgesprochen.

Doch ich weiß ganz genau, dass sie das denkt. Ich weiß, dass sie sich an diesen Moment erinnert, in dem ich es ihr gesagt habe. Ich weiß, dass sie denkt, dass sie gehofft hatte und es doch anders wurde. Ich weiß, dass sie an ihre Angst denkt. 

Ich sehe sie vor mir, klein, hellbraune Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie ist so alt wie meine kleine Schwester. Ich sehe die Treppe, die ich gerade herunter gegangen bin und lese die unbeschreibliche Angst in ihren Augen. Ich höre mich noch selbst antworten: „alles wird gut, dein Papa ist nur gestützt.

Drei Worte. 

Sie hört sie jetzt auch. Auf dem Friedhof.
Auch wenn ich nicht schuld bin an dem Tod ihres Vaters, vergesse ich nie, was ich gesagt habe. Das war das letzte Mal, dass ein Mensch von mir hörte, dass ja „alles gut wird“.

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First rule

Einsatz mit Sonderrechten, irgendwo am Stadtrand. Der Kollege fährt, wir sind beide etwas müde.
Die Einsatzmeldung lässt auch zu wünschen übrig, der Kollege auf der Leitstelle kann aus dem Anrufer kaum Informationen herausbekommen.

Wir sind da, wir werden schon erwartet. Es handelt sich um einen jungen Mann mit seltsamen, unerklärlichen Symptomen.
Ruhig betreten wir die Wohnung und sehen schon den Patienten auf dem Boden liegen.
Um ihn herum eine Menge Menschen.

Während wir den jungen Mann versorgen und versuchen, die Situation zu beherrschen, fällt mir ein, dass wir einen wichtigen Gegenstand vergessen haben und schicke ihn zum Auto.
Währenddessen vervollständige ich meine Diagnostik.
Plötzlich mache ich die erschreckende Feststellung, dass ich komplett allein bin. Allein in einer Gruppe Männer, die nach außen keinen vertrauenserweckenden Eindruck machen. Ich lasse es mir nicht anmerken, jedoch habe ich ein sehr beklemmendes Gefühl, während ich mit routinierten Handgriffen einen venösen Zugang lege.
Da höre ich die Schritte meines Kollegen und am liebsten wäre ich ihm um den Hals gefallen, da er so schnell wieder da war.

Harmonisch arbeiten wir beide zusammen und bringen den Patienten ins Krankenhaus. Im Sekundentakt hallt der Satz in mir wieder: Safety first – safety first – safety first.

Und wieder führe ich mir vor Augen, dass die Regel Nr 1 nie, in keinem Fall vergessen werden darf.
Sicherheit geht immer vor und nie sollte ein Team, nur im aller äußersten Notfall, getrennt werden.

Safety first!

Learning by doing

Meine Azubis fragen oft, woher man weiß,
* ob das EKG auffällig ist oder nur eine harmlosen Störung vorliegt,
* was genau die Ableitung bedeutet,
* dass das Herzgeräusch pathologisch ist,
* wie sich ein paralytischer Ileus anhört,
* dass der Thorax nicht belüftet ist, oder doch bisschen
* dass der Patient vor ihm eine Lähmung hat oder nicht.

Es ist nicht einfach, oft muss man Detektiv sein.

Aber du kannst es lernen.

Indem du deinen Patienten EKGs schreibst, alle Ableitungen anschaust, den Ausdruck genau untersuchst.
Indem du die Patienten abhörst und dir eine zweite Meinung vom qualifizierteren anhörst.
Indem du deinen Kollegen abhörst um zu wissen, wie sich ein gesundes Geräusch anhört.
Indem du selber dir soviel Wissen wie möglich aneignest, den Einsatz reflektierst, ihn im Lehrbuch nachliest.
Indem du einen Einsatzbesprechung anstrebst und dir Kritik gefallen lässt.

Ganz egal ob du das Wissen einmal brauchst und ob es einen Unterschied macht.
Wenn du es einmal brauchen wirst, wirst du froh darüber sein.

Und immer, wirklich immer versuchen soviel wie möglich zu machen, fragen, Initiative ergreifen.

Du lernst es nur, wenn du es oft genug machst.