Das Gebet eines Notfallsanitäters

Herr,
du weißt, was an diesem Tag vor mir liegt.

Du weißt, wer mich heute um Hilfe bitten wird und welche Menschen sich in Situationen befinden werden, die sie sich nie vorgestellt haben und aus denen sie keinen Ausweg finden.

Aus diesem Grund bitte ich dich voller Demut, dass du mich mit deinen Engeln umgibst, damit jede meiner Entscheidungen und Taten durch dich gelenkt ist.

Ich bitte dich, für alle, die mich um um Hilfe anflehen und auch für die, die nicht mehr bitten können, ein guter Samariter zu sein, der ihnen hilft und sie rettet.

Hilf mir, so vielen wie nur möglich zu helfen. Und wenn mein Gesicht das letzte ist, das sie hier auf Erden erblicken werden, dann bitte ich dich, dass sie Augen sehen, die deine Liebe für sie widerspiegeln.

Verfasser unbekannt

Der Unterschied

Es ist später Vormittag. Die Sonne scheint ziemlich warm für einen Herbsttag und während wir zwischen Feld und Wiese fahren, bin ich fast glücklich, dass heute so ein schöner Tag ist.

Wir werden am Einsatzort empfangen und zum Patienten geführt. Ein sehr junger Mann liegt auf der Couch und schaut uns etwas gequält an. Schmerzen hat er und das auf der linken Seite. Es lässt sich nicht ganz eruieren, ob die Schmerzen eher Richtung Rücken sind, ob in der Herzgegend oder am Brustkorb. Aber Schmerzen hat er und sein Augen schauen mich sehr verängstigt an. Wir arbeiten unsere Standardprogramm ab und können zwar erstmal lebensbedrohliche Erkrankungen ausschließen, jedoch ändert sich kaum was an der Situation.
Mittlerweile hat sich auch die Notärztin mit dem Patienten befasst, stellt ihm einige Fragen und untersucht ihn.
Ich kann mir nicht helfen, aber ich kann mich eines unguten Gefühls nicht entwehren. Liegt es daran, dass der Patient der deutschen Sprache nicht so mächtig ist? Liegt es daran, dass er augenscheinlich zu entspannt wirkt, um tatsächlich Schmerzen zu haben? Liegt es daran, dass er viel zu jung ist, um gefährliche Erkrankungen zu haben? Ich weiß es einfach nicht.
Mit einem überlegenen Lächeln schaut die Notärztin unser Team an: „Also, der hat doch nichts, ist wahrscheinlich entweder irgendwas muskuläres oder irgendwas hier“, und mit den letzten Worten tippt sie sich vielsagend an die Schläfe und zieht die Augenbrauen bedeutungsvoll hoch.

Schnell ist die Entscheidung gefällt worden, dass wir als Rettungswagen allein in die Klinik fahren und das ist mir ganz lieb so. Endlich kehrt bisschen Ruhe in meinem Rettungswagen ein und ich kann mich mit dem Patienten unterhalten. Langsam und mühsam ist das Zwiegespräch, ich muss oft einige Worte wiederholen, mal etwas lauter sprechen. Ja, die Maske, die dicht an meinem Gesicht sitzt, erschwert die Kommunikation. Aber ich erfahre trotzdem alles, was ich wissen will und stellenweise sehe ich auch ein Lächeln im Gesicht des jungen Mannes.

Nach der Übergabe in der Klinik beschäftigt mich diese Situation noch lange. Es liegt nicht daran, dass der Einsatz besonders kompliziert war, oder dass das Krankheitsbild so komplex war. Es liegt nicht daran, dass wir uns großer Gefahr ausgesetzt haben oder aufs Äußerste gehen mussten.
Ich stelle mir die Frage, warum Menschen andere Menschen nicht mit dem Respekt behandeln, der jedem Menschen zusteht. Während ich die Bilder in meinem Inneren vorbeiziehen lasse und vor Augen habe, wie verängstigt, gequält, beunruhigt, schmerzgeplagt der junge Mann auf der Liege lag und wie anmaßend, arrogant und gewissermaßen auch verachtend die Menschen um ihn herum waren, wünsche ich mir nur eines, dass der Mann in Erinnerung behält, dass ich ihm auf dem Weg in die Klinik das Gefühl geben wollte, dass ich ihm helfen will, dass ich seine Situation nicht herunterspiele und dass ich weiß, dass er eine Behandlung benötigt.

Viele stellen sich vor, dass es im Rettungsdienst um eines geht: um spektakuläre Ding, die am Besten mit Blaulicht gefahren werden.
In all den Jahren im Rettungsdienst habe ich gemerkt, dass es um das Eine geht: Den Unterschied machen.

Die Menschen werden sich vielleicht nicht mehr daran erinnern, wie ich aussah, ob ich eine Brille hatte, ob meine Jacke rot oder orange war. Sie werden vielleicht nicht mehr so genau wissen, ob wir einen Zugang gelegt haben oder ob wir Blut abgenommen haben. Sie werden sich möglicherweise gar nicht erinnern, wie viele Menschen vor Ort waren.
Aber sie werden sich erinnern, wie es ihnen ging, als ich hereinkam. Sie werden sich erinnern, was sie gefühlt haben, als ich ihnen Fragen gestellt haben. Sie werden sich erinnern, wie ich sie gebeten habe, sich für Untersuchungen das Shirt hochzuziehen. Sie werden ganz genau wissen, wie ich mit ihnen gesprochen habe, als ich ihnen die Untersuchungsergebnisse mitgeteilt habe. Sie werden sich erinnern, ob ich mich bemüht habe, ihnen die Angst zu nehmen, sie werden sich erinnern, ob ich ihnen gesagt habe, dass es im Rettungswagen wackelt und sie werden sich erinnern, ob ich ihnen zum Abschied ein freundliches „Gute Besserung“ gesagt habe.
Sie werden sich erinnern, wie sie sich gefühlt haben und dies ist wirklich das einzige, worauf es ankommt: Mache ich den Unterschied?

Ohne Worte

Das Telefon klingelte. Meine Kollegin steht von der Couch auf und nimmt das Gespräch an. Schweigend hört sie zu, nickt ab und zu und legt langsam den Hörer auf. Dann schaut sie mich einen Moment schweigend an, bevor sie mit einem erstaunlichem Auftrag herausrückt. Auch ich sehe ein wenig ratlos aus und still begeben wir uns in unser Auto. Wir sollen zwar mit Sonderrechten fahren, jedoch handelt es sich hierbei um keinen schweren Unfall oder eine lebensbedrohliche Situation.
Meine Kollegin auf dem Beifahrersitz beginnt laut nachzudenken, was uns nun wohl erwartet und wie wir in dieser Situation reagieren sollen. Was müssen wir sagen, was sollen wir sagen und wie sollen wir auf keinen Fall handeln?
Schwieriger Fall, denn keiner von uns beiden war jemals in solch einer Situation.

Schneller als gedacht stehen wir von dem Haus. Das Martinshorn und die Blaulichter haben wir schon im Ortseingang ausgemacht. Ich parke das Auto in der Einfahrt und dann gehen wir beide einfach die Treppen hoch in die Wohnung. Unsere Hände sind seltsam leer, wir brauchen kein Material, kein EKG, keine Absaugpumpe.
An der Tür erwartet uns schon ein Polizist, erleichtert sieht er uns beide an und stillschweigend reichen wir uns die Hände. Leise klärt er uns über die Situation auf und nach einigen kurzen Worten verschwinden er und sein Kollege.

Wir stehen in der kleinen Wohnung, vor uns ist diese Frau, die ich bis heute vor Augen habe. Klein, rötliche Haare, erstarrtes Gesicht, keine Regung ist zu lesen, keine Tränen sind zu sehen. Und doch ist die Verzweiflung wie eine unsichtbare Mauer um sie herum aufgetürmt. Mechanisch bittet sie uns in ihre Küche. Immer wieder kommen kurze Sätze, verzweifelte Fragen und bittere Worte. Nebenher macht sie sich Kaffee, bietet uns auch eine Tasse an.
Wir sitzen am Tisch und hören ihr zu. Versuchen, ihr Antworten zu geben, versuchen, ihre Bitterkeit aufzufangen. Versuchen, ihren Schmerz zu lindern. Und doch wissen wir, dass unsere Worte ins Leere gehen, dass unsere Antworten ungehört verhallen und unsere Bemühungen aktuell nicht fruchten werden. Und doch sitzen wir da und hören zu, lassen sie reden, sie fragen, sie weinen, wenn sie noch weinen kann.
Die Minuten kriechen dahin, die Zeit scheint jedoch still zu stehen. Wie lange wir vor Ort sind, wissen wir nicht, das ist auch nicht so wichtig, der Kollege der Leitstelle weiß Bescheid, dass wir gebraucht werden und er lässt uns die Zeit, ohne nachzufragen, wie lange wir noch brauchen.

Als wir nach geraumer Zeit in unserem Auto sitzen, ich mich wieder auf der Straße befinde und in den hellen Wintertag fahre, dessen Licht getrübt zu sein scheint, drängt sich in meinem Herzen immer wieder die Frage auf: „Welchen Trost kannst du einer Mutter geben, die vor paar Minuten hören musste, dass ihr Kind tödlich verunglückt ist, nie wieder zurückkommt, nie mehr da sein wird?“
Und innerliche schließe ich die Augen und versuche, den Schmerz zu fühlen. Leise muss ich zugeben, dass ich das nicht kann. Und während ich weiter fahre, bringe ich immer mehr Kilometer zwischen mir und der Frau, deren Welt innerhalb eines Moments zerbrochen ist.
Es könnte sich Frust, Traurigkeit und Wut einschleichen. Doch ich entscheide mich für das Andere: ich bin dankbar, dass ich für sie da sein konnte und ihr, wenn auch nur minimal, helfen konnte, die Schrecklichkeit des Tages zu begreifen. Und wenn dies das Einzige ist, so weiß ich, dass es sich gelohnt hat. Denn es lohnt sich. Immer.

Stille

Es ist oft laut und stürmisch, voller Adrenalin. Die Anfahrt ist gepaart mit dem durchdringenden Ton des Martinshorns und das Krächzen des Funks.

Am Einsatzort angekommen wird meist sehr schnell das benötigte Material genommen und es geht in beschleunigter Geschwindigkeit in die Wohnung.
Auch direkt vor Ort herrscht ein geordnetes Chaos. Jeder weiß, was zu tun ist und normalerweise sitzt jeder Handgriff.
Klebst du die Paddles?“ „Das Adrenalin ist schon aufgezogen, der Zugang sitzt schon.“ „Kurze Pause, ich muss mal intubieren.“ „Hm, haben wir einen Rhythmus?“ „alle weg vom Patienten.“ Und so weiter.

Selbst wenn kein Wort gesprochen wird, herrscht eine beschäftige Grundstimmung, jeder wuselt herum und erledigt seine Aufgaben.

Bis dann plötzlich die Worte fallen: „Nur noch 5 Minuten.“ Nach diesen 5 Minuten ist alles anders. Nun scheint es, als würde einem Luftballon die Luft entweichen. Resigniert lassen alle den Kopf sinken und die eben so eifrigen und emsigen Hände versuchen fahrig und enttäuscht das Material zu sortieren. Aus dieser „wir schaffen es-“ Stimmung wurde eine „es hat nicht gereicht-“ Stimmung.

Langsam kehrt Ruhe ein. Der eben Verstorbene wird von allen Materialien befreit, das Hemd geschlossen, es wird versucht, eine würdige Situation herzustellen.
Der Raum leert sich und das Chaos ebbt ab.

Niemand ist mehr hier. Ich stehe alleine in dem eben so gefüllten Raum, der noch vor paar Minuten vor Adrenalin und mächtiger Medizin nur so strotzte.
Ich schaue auf den Menschen, um den wir in den letzten Minuten so intensiv gekämpft haben. Dabei ist es komplett irrelevant, ob er jung oder alt, Mann oder Frau, Mädchen oder Junge ist. Er war mein Patient.
Still stehe ich vor ihm. Ich senke meinen Blick und lasse die Situation auf mich wirken. In meinen Gedanken spreche ich Worte, die nur für den Schöpfer bestimmt sind. Worte, die dieser Mensch nie mehr hören wird.

Während ich leise und gedankenvoll den Raum verlasse, kommt mir der Satz in den Sinn der soviel Weisheit beinhaltet.

Es gibt viele Arten von Lärm. Aber nur eine Stille. 

Buchrezension „Rettungsgasse ist kein Straßenname“

Der Verlag „eden books“ schrieb mich vor einigen Monaten an und fragte, ob ich das neue Buch von Jörg Nießen lesen will. Sie stellten mir das Buch kostenlos zur Verfügung, ich erhalte jedoch für die Rezension kein Geld.
Ich bedanke mich hiermit bei dem Verlag, dass ich die Möglichkeit hatte, das Buch zu lesen und möchte euch nun einige Aspekte schildern.

Zum Autor:
Jörg Nießen hat schon einige Bücher geschrieben. Im September 2018 erschien sein neues Buch „Rettungsgasse ist kein Straßenname“. Seine Bücher sollen nicht den Charakter eines Fach-oder Sachbuches haben sondern eher der Unterhaltung dienen, aber auch zum Nachdenken bringen. Insbesondere die Thematik der Rettungsgasse wird mit dem Buchtitel herauskristallisiert.
Er ist Feuerwehrmann und Notfallsanitäter und schon über 20 Jahre im Rettungsdienst tätig; aktuell arbeitet er in einer Großstadt in NRW.

Das Buch:
222 Seiten, 19 Kapitel, 17 Geschichten aus dem Rettungsdienst und der Feuerwehr.
Die Geschichten sind alle komplett in sich abgeschlossen und bauen nicht aufeinander auf und können somit als einzelne Erzählung gelesen werden. Die Hauptpersonen sind Jörg und sein Kollege Hein.
Jedes Kapitel besteht aus zwei Überschriften, die zum einen einen groben Überblick über die Thematik  und zum anderen eine kleine Zusammenfassung geben.
Beispiel: Wer heilt, hat recht. Alternative Heilmethode vs. Schulmedizin 

Im Speziellen:
Jörg Nießen behandelt in seinem Buch verschiedene Themen, die auch heute einen hohen Stellenwert einnehmen. Die Geschichte „Rettungsgasse in kein Straßenname“ beschreibt ziemlich eindeutig, wie die Realität auf den deutschen Straßen aussieht.

„Wer oder was bist du denn? Rettungsgasse ist kein Straßenname!“
Ein Coupé der Marke Mercedes-Benz fühlt sich berufen, uns vorauszufahren. Über die Motivation des Fahrers kann man im Nachhinein nur spekulieren, jedenfalls zog der Möchtegern-Sportwagen plötzlich und ohne erkannbaren Grund in die Rettungsgasse und hoffte wohl auf freie Fahrt für freie Bürger.
Seite 27

Doch wenige Minuten später wird er von der vorbildlichen Reaktion der Verkehrsteilnehmer, die die Straße frei machen, erfreut.
Dieses Kapitel beschreibt zudem auch noch die mangelnde Bereitschaft, anderen Menschen zu helfen, wie es folgendes Zitat belegt:

Unsere Anfahrt hatte knapp zehn Minuten in Anspruch genommen. Anruf und Alamierung hinzugerechnet, hatte unsere Patient mindestens zwölf Minuten ohne Sauerstoff verbracht. Da wäre es durchaus hilfreich gewesen, wenn sich jemand vom Lammrücken hätte losreißen können, um ein wenig Erste Hilfe zu leisten.
Seite 30

Die nächsten Seiten sind gefüllt mir Erzählungen aus dem Rettungsdienst, sei es eine Frau, die im Pflegeheim Kekse anbrennen lässt und deren Wohnung die Retter erschauern lässt oder ein Mann, der aus lauter Liebe ein Tier erdrosselt. Aber es gibt auch einige Geschichten, die zeigen, dass auch ein hervorragendes System wie unseres versagen kann. Und dass es überall diese Menschen gibt, die sich auf ihren Stand etwas einbilden.

Meine Meinung und Empfehlung:
Das Buch ist sehr kurzweilig und interessant geschrieben. Jörg Nießen hat einen unterhaltenden und trockenen Schreibstil, gewürzt mit einer Priese Humor und Sarkasmus. Sehr oft habe ich die ernste und traurige Realität hinter diesen lustig zu lesenden Geschichten herausgehört, weil ich sie selbst zu gut kenne.
Meiner Meinung nach ist es einfach, das Buch unter dem Gesichtspunkt der seichten Unterhaltung zu lesen. Wer jedoch nachdenken möchte, ist gezwungen, die Geschichten differenzierter und über den Tellerrand sehend zu betrachten.
Ein großes Manko des Buches ist in meinen Augen die Ausdrucksweise. Ich bin kein Freund von harter Sprache, wie es leider in diesem Buch und auch im Rettungsdienst gang und gäbe ist. Da ich weiß, dass dies ein Kennzeichen der Bücher dieses Autors ist, würde ich dieses Buch selber nicht kaufen.
Wer eine leicht zu lesende Lektüre über den Rettungsdienst und die Feuerwehr wünscht, wird mit diesem Buch sehr wahrscheinlich keine falsche Entscheidung treffen; ich kann es nicht uneingeschränkt empfehlen.

Eckdaten:
Erschienen beim Verlag „eden books“, erhältlich für 12,95€.

Disclaimer:
Die Zitate sind dem Buch entnommen. Alle Rechte liegen beim Verlag.

Freitagsfragen

Heute wieder mit sehr schönen Fragen von der Brüllmaus, so dass ich mich entschieden habe, mitzumachen.

1.) Kannst Du Dich anderen gut anvertrauen?
Ich denke schon, es kommt natürlich auf die Person an. Die Frage ist immer, ob ich es auch will; da lautet die Antwort nein.

2.) Führst Du Tagebuch? Warum/ warum nicht?
Ja, schon als Kind angefangen und (leider immer wieder mit Unterbrechungen) bis heute durchgezogen. Als Kind fand ich es spannend, als Teenie notwendig. Einsatztagebuch zu führen hilft mir, am Ende des Tages zu reflektieren, außerdem kann ich so viel schneller neue Beiträge zusammenstellen. Und jetzt als Erwachsener schreibe ich gerne Tagebuch, weil ich damit eine Art Vermächtnis schaffen will.

3.) Was fandest Du als Kind am Erwachsensein toll, was sich als gar nicht so toll herausstellte?
Als Kind dachte ich, dass es immer so toll ist, wenn man einfach so weg gehen kann, ohne, dass man jemanden fragen muss, oder Bescheid geben muss. Als Erwachsener denke ich, dass dieses „Bescheid geben“ und „fragen“ eine schönes Zeichen der Liebe und Fürsorge war.

4.) Die Wahl der Qual: Einen Shitstorm auslösen oder völlig von der Internetwelt ignoriert werden?
Ignoriert zu werden. Finde ich nicht so schlimm, ist ja nicht Real Life

Coming home

Der Konvoi zieht über die Autobahn. Ein schweres Fahrzeug nach dem anderen dröhnt über den heißen Asphalt. In einem der Fahrzeuge sitzt ein junger Mann, der zwar seine Augen auf die Fahrzeuge vor ihm gerichtet hat, seine Gedanken aber mehrere tausende von Kilometer weit weg sind.
Sein Auslandsaufenthalt neigt sich dem Ende zu, die letzten Jahre waren nicht immer einfach gewesen, doch nun kann er sich endlich auf seine Heimat freuen. Weit entfernt auf einem anderen Kontinenten wartet seine langjährige Verlobte, das Hochzeitsdatum steht schon lange fest und Freunde und Familien warten auf diesen lang ersehnten Tag.

Plötzlich steigt ein scharfer, unangenehmer Geruch in sein Nase. Ein Geruch, den er schon lange nicht mehr gerochen hatte, den er aber nie vergessen kann. Panik steigt in ihm hoch und unruhig schaut er sich im Auto um. In diesem Moment sieht er die Flammen und alles wird anders.

 

An diesem heißen Samstagnachmittag dümpelt die Zeit vor sich her. Die üblichen Aufgaben sind erledigt und die Retter sitzen in der Sonne und warten auf ihren Einsatz, als der Notfallmelder sie aus der Lethargie reißt.
Dieses Mal scheint es ein Großaufgebot zu sein und neben dem Rettungswagen und dem Notarzt fahren auch mehrere Streifenwagen und Feuerwehrfahrzeuge Richtung Autobahn.
Schon einige Kilometer von der Unfallstelle entfernt sieht man eine starke Rauchentwicklung, die es unmöglich macht, zu nahe an die Unfallstelle heranzukommen.
Man sieht eine ganze Gruppe Soldaten, die Betroffenheit ist in ihren Augen zu lesen, einigen fließen Tränen über die braungebrannten, harten Gesichter, während die anderen unzusammenhängende Sätze stammeln: „he was crying… screaming… why?“.

Meine Kollegin steht wie erstarrt vor diesem Schauplatz, der für viele Menschen ein schrecklicher Albtraum geworden ist. In ihrem Gesicht sieht man Angst und Schrecken und eines weiß ich: sie wird nie vergessen, wie der junge Mann dort in den Flammen seinen Tod fand.
Ja, er war auf dem Weg nach Hause, sein Herz war schon dort, wo seine Lieben auf ihn warten. Doch es kam alles, alles anders.

Wie damals

Schweigend sitzen wir beide im Auto.
Das ist nicht der erste Einsatz, den wir gemeinsam hatten und es wird auch nicht der letzte sein.
Es ist auch nicht der erste Einsatz dieser Art, den meine Kollegin und ich hatten und trotzdem sind wir innerlich wie gelähmt.

Sie schaut mich an, bis ich das Schweigen breche: „Ja, wie damals…“
Damals, da war sie noch in der Ausbildung und der Einsatz war einer ihrer ersten Einsätze auf dem Rettungswagen. Damals, da war ich noch sehr frisch im Beruf. Damals, das werden wir beide nie vergessen.
Damals haben wir uns genauso angeschaut und damals habe ich ihr geholfen, nicht den Mut zu verlieren und die Arbeit weiterzumachen. Nicht aufzugeben und die Hoffnung behalten, dass es auch gute Seiten in unserem Beruf gibt.

Heute fehlen uns beiden die Worte. Weil wir beide wissen, dass das dazugehört. Weil wir beide wissen, dass dieser Einsatz uns zwar den Wind aus den Segeln nimmt, wir aber nicht Schiffbruch erleiden.

Damals lag dieser Patient bei uns im Auto. Wir haben gekämpft um ihn und gehofft, dass er es schafft. Doch seine Grunderkrankung war zu schwer und wir mussten sehen, wie sein Leben uns innerhalb von Sekunden aus der Hand gleitet.
Heute lag der Patient da, den wir auf niedrigem Niveau stabilisieren konnten. Doch in einem Moment änderte sich das komplette Bild und wir mussten hilflos zusehen, wie er aus dieser Welt ging.

Im Rettungsdienst passieren viele Dinge, Sachen, die man sich nie erträumen kann und Begebenheiten, die einem niemand glaubt. Und viel zu oft haben wir mit dem Tod zu tun.
Doch eines ist so selten, dass es kaum jemand erlebt und das ist einem anderen Menschen beim Sterben zuzusehen. Meistens sind die Menschen schon tot oder man schafft, sie auf einem niedrigen Niveau zu stabilisieren. Jedoch sieht man kaum, wie ein Mensch aus dieser Welt in eine andere geht.

Traurig und schweigend legen wir dieses Fahrt zurück. Wir hätten es gerne anders gehabt, wir hätten gerne heroisch das Leben gerettet und ihm geholfen, aber irgendwann kommt der Moment, an dem der Cut ist und nichts auf der Welt kann es ändern.

Trotz der niederdrückenden Stimmung kämpft sich in mir ein Gedanke hoch: Demut, Dankbarkeit und Friede.

 

Den letzten Weg kann dir niemand abnehmen

Irgendwas mit Atemnot. Wir sind schnell vor Ort, es dauert nur 5 Minuten.

Etwas verschlafen stehen wir am Bett des Herrn, der mit einem beunruhigenden Lächeln auf uns wartet. Seine Ehefrau steht auch im Schlafzimmer. Schnell haben wir die nötigen Informationen: bereits diagnostizierter Larynx-CA (Kehlkopftumor, tritt meistens nur bei starken und langjährigen Rauchern auf, schlechte Prognose), jetzt seit gestern morgen starke Atembeschwerden, allgemeines Krankheitsgefühl.

Seine Sauerstoffsättigung bringt beängstigende 67% zu Tage, somit bekommt er erst eine Runde Sauerstoff, der ihm auch hilft. Die Konzentration steigt auf zögerliche 88% aber das ist auch in Ordnung. Während wir den Transport vorbereiten drückt mir die Ehefrau eine Patientenverfügung in die Hand, die besagt, dass er nicht möchte, dass etwas gemacht wird. Trotzdem möchte er gerne ins Krankenhaus, da er merkr, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Unterwegs stellt sich zudem heraus, dass er weder Chemo- noch Strahlentherapie hatte. Aus nicht evaluierbaren Gründen. Als ich die auf dem Beifahrersitz mitfahrende Tochter auf die Situation zu Hause, die hausärztliche Versorgung und eine Palliativbetreuung anspreche, äußert sie ein wenig überrascht, dass sie sich darüber noch keine Gedanken gemacht haben, da sie es noch nicht für nötig gesehen haben.

Wenige Minuten sind wir im Krankenhaus angekommen. Meine lieben Pfleger der Notaufnahme übernehmen den Patienten und schieben ihn in ein Untersuchungszimmer. Die Tochter und die Ehefrau sitzen ebenfalls im Raum. Fröhlich unterhalten sie sich über den Tag, planen die nächsten Tage.

Als ich am nächsten Tag in der Notaufnahme nach dem Verbleib und Gesundheitszustand des Mannes frage, bekomme ich die Antwort, die ich schon geahnt habe. Ungefähr 6h nach seiner Aufnahme ist er still und leise aus der Welt gegangen.

Ich weiß nicht, was mich an diesem Einsatz mehr nachdenklich machte: die Angehörigen, die entweder nicht den Ernst der Lage begriffen haben oder es verdrängt haben. Der Mann, dem nicht ganz klar war, dass das keine Stippvisite im Krankenhaus wird oder dass ich es innerlich gefühlt habe, dass der Mann nicht mehr viele Tage seines Lebens vor sich haben wird. Oder ganz einfach der Fakt, dass ein Mensch, der im Angesicht des Todes steht, sich nicht darüber Gedanken gemacht hat, dass auch sein Leben zu Ende geht.