Die unsichere Komponente

Ich komme ein wenig später an. Das liegt weder an meinem Notarzt, noch an dem Verkehr oder an der Strecke sondern einfach daran, dass der Rettungswagen näher dran ist.

Wir beide schauen um die Ecke und sehen unsere Kollegen, beide schauen uns mit einem endgültigem Blick an und wir gehen langsam zu ihnen. In meinem Kopf versuche ich einige Dinge zu sortieren und auszuschließen, aber so richtig vorbereitet war niemand auf das, was jetzt kommt.

Ich kann die Person nur von hinten sehen. Sie ist ruhig und bewegungslos. Die warme Frühlingsluft war bis gerade voll mit Vogelgesang aber scheinbar sehen die Tiere auch voller Schrecken auf das Bild, das sich ihnen bietet und halten so wie wir unwillkürlich die Luft an.

Ich habe einiges gesehen, schönes und schreckliches. Habe gestaunt und geschwiegen, gelacht und auch geweint. Ich habe geredet und gelächelt. Aber eines geschah selten. Nämlich, dass es mir in einem Einsatz die Sprache verschlagen hatte.Ich bin kein Mensch vieler Worte, aber ich kann meistens in jeder Situation das richtige sagen.

Heute nicht. Und auch den kompletten Einsatz über muss ich mich immer konzentrieren, wenn ich einen Satz sagen möchte, in der Leitstelle anrufe, mit der Kripo kommuniziere, den Notfallseelsorger bestelle. Auf der Heimfahrt schauen wir uns ab und zu an und sagen nur immer wieder:  „Also, das kann ich aber jetzt nicht glauben.“

Ich schätze, es ist schwierig, auf alles vorbereitet zu sein und das ist auch ein Aspekt, den ich an meinem Job mag. Man erhält ein Stichwort, eine kurze Information, aber ob sich genau das Notfallbild dahinter verbirgt, kann niemand sagen. Außerdem fließen immer die variablen Faktoren ein, die niemand von uns beeinflussen kann. Das hat mich auf eine gewisse Art und Weise entspannter gemacht, ruhiger. Ich kann gut mit dem Wissen leben, dass ich nicht alles in der Hand habe und es immer eine unsichere Komponente gibt, die ich nicht beeinflussen kann und der ich mich stellen muss, ob ich möchte oder nicht.

Manchmal kann einem die Ausbildung, die Erfahrung und die Weisheit einem aber nicht helfen. Wenn du das Stichwort „Suizid/Suizidversuch“ bekommst, handelt es sich oft nur um einen Hilfeschrei. Wenn du dieses Stichwort bekommst, rechnest du mit Dingen wie Tabletteneinnahme, Alkoholvergiftung und Verletzungen. Wenn du hörst, dass jemand sich das Leben nehmen will, gehst du davon aus, dass diese Person sich die Arme aufgeschnitten hat oder vielleicht sogar aufgehängt hat. Du rechnest selten mit den wirklich schlimmen und schrecklichen Arten von Suizid, denn diese Dinge passieren so selten, wie selten man zu Säuglingsreanimationen fährt.

Aber damit, dass du jemanden siehst, der sich mehrere große Gefäße im Körper eröffnet hat, dass du jemanden siehst, dessen Blut mittlerweile schon geronnen ist und auf dem Boden ein bizarres Muster formt, dass du jemanden siehst, der seinen Tod so in Szene setzt, dass niemand, der dieses Bild sieht, das jemals vergessen kann, dann hilft dir weder Erfahrung, Weisheit und Ausbildung.

Es gibt nur eine Möglichkeit…

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Um jeden Preis

80???“ 

Die junge Frau spricht die Fragezeichen nicht aus, aber ich kann ihre Empörung deutlich hören.

Achzig ist viel zu hoch für mich. Das geht gar nicht, da ist was falsch bei mir. Das ist nicht normal. Messen Sie nochmal mit Hand und schauen Sie gleich, ob ich Extrasystolen habe.

Ja nun, dann mache ich nochmal. Während mein Monitor pflichtbewusst seine Arbeit tut und munter in einem wunderschönen Rhythmus vor sich hin piepst, lege ich meinen Zeige,-Mittel- und Ringfinger an die Stelle an ihrem Handgelenk, an der die Arteria radialis verläuft. Konzentriert blicke ich auf die Uhr, aber nur, damit ich unvoreingenommen ihren Puls zählen kann. 

79 Schläge in der Minute.“ Das Ergebnis meiner einminütigen Zählung deckt sich mit der Zahl, die auf dem Monitor erscheint. In der Ecke unten links zeigt die Stoppuhr an, dass wir die Überwachung mittlerweile 9:47 Minuten dran haben. In der lückenlosen EKG-Aufzeichnung erscheint ein wunderschöner Herzrhythmus, der keinen Hinweis auf eine Störung liefert. 

Ich schaue die Dame an, der meine Erklärungen gar nicht gefallen. Immerhin hat sie uns angerufen, weil sie das Gefühl hat, dass ihr Herz stolpert. Ich fasse ihr nochmal alle Werte zusammen, die im Normbereich liegen. Auch wenn ihr Puls normalerweise bei 65 liegt, ist eine Frequenz von 82 nicht unnormal und in der Regel nicht abklärungsbedürftig. Alles unter 100 ist erstmal in Ordnung und 80 ist kein Wert, der mir Sorgen bereitet. Sie weist auch keine Symptome auf, die für eine abklärungsbedürftige Störung der Erregungsweiterleitung am Herzen hinweisen. Mit andern Worten: sie ist gesund. 

Entrüstet blickt Sie mich an: „Sie sind doch nicht Ärztin, Sie können das gar nicht beurteilen.“ Das ist der Moment, in den ich kurz meine Augenbrauen hochziehe und sie nur anschaue, bis sie meinen Blick nicht mehr standhalten kann und auf die auf dem Couchtisch liegende Papiere sieht. Diese hatte ich vorhin auch schon ausgiebig studiert und sie sagen mir, dass ich nicht die erste Person bin, mit der sie über ihre Symptome gesprochen hat. Innerlich kopfschüttelnd, äußerlich wie immer ruhig und professionell reiche ich ihr die Hand und sage ihr: „Ihr Hausarzt erwartet Sie wie abgeklärt in zwei Stunden in seiner Praxis, ich wünsche Ihnen noch alles Gute“ und verlasse gemeinsam mit meinem Azubi und mit einem Durchschlag des Protokolls die Wohnung.

Im Auto schauen wir uns nur an. Worte braucht es hier keine.
Übrigens: besagte Patientin war/ist selber medizinisches Fachpersonal. Das erklärt, warum sie Fachbegriffe, Krankheiten und Normwerte kannte.

Tja…

.. Pech.

Passiert einem ein Unglück, zeigen alle nach außen Betroffenheit und signalisieren dem Verursacher, dass sie mit ihm mitfühlen und hoffen, dass sich alles für ihn zum Besten wendet. Insgeheim denkt jedoch jeder „zum Glück ist es nicht mir passiert“ oder „hätte er doch besser aufgepasst“ oder sogar „eigentlich dachte ich das schon immer„.

Jeder ist froh, dass nicht er der ist, der an den Pranger gestellt wird, dass er nicht der ist, der verantwortlich gemacht werden kann für den Schaden oder die Verletzungen einer Person.

 

Vor einigen Tagen geschah das einer Person. Ich kenne die Person noch nicht so lange, aber schon bevor wir uns näher kennenlernen konnten, war sie mir sympatisch und nach einigen gemeinsamen Einsätzen konnten wir schnell eine gemeinsame Wellenlänge finden. Hand in Hand arbeiteten wir zusammen, so als hätten wir schon immer gemeinsam gearbeitet und ich schätze ihre Art, mit dem Patienten umzugehen, freundlich, einfühlsam, aber doch bestimmt und durchsetzend.

Bis sich ihr Leben um 180° zu drehen scheint. Ein kleiner Schatten, eine unbedachte Bewegung, viel zu viel Dunkelheit und zu viel Faktoren, die aufeinander trafen und sich zu einen schrecklichen und traurigen Bild zusammenfügten, das eine schwer verletzte Person und meine zutiefst geschockte Kollegin in grauenhaften, schemenhaften Zeichen darstellt.

Ich weiß nicht, wie das ausgehen wird, ich weiß nur, dass alle tief betroffen sind und jeder insgeheim denkt: „zum Glück nicht ich.

Zurück zu der Überschrift. Denkt das nicht jeder von uns? Sagen wir das nicht insgeheim, manchmal auch laut, vielleicht auch mitfühlend: „Tja, Kumpel, da hast du echt Pech gehabt.“  Ich habe gelernt, dass alles, das im Leben geschieht, einen Grund hat und es keine Erklärungen wie „Pech“, „Schicksal“ oder „Glück“ gibt.

Und die Kollegin? Sie hat ihr Lächeln nicht verloren. Aber es ist nachdenklicher geworden, gequälter.

Versatile Award

Anne hat mich in ihrem Blogpost verlinkt und da ich kein Spielverderber sein möchte, mache ich natürlich mit 🙂 werde aber niemanden mehr verlinken.

Ich soll 7 Fakten über mich posten.

  1. Rettungsassistentin war nie mein Traumberuf. Als Kind dachte ich nie, dass ich mal mit Blaulicht durch die Straßen fahren werde.
  2. Ich plane alles durch. Wann ich aufstehe, wann ich was mache und wann ich schlafen gehe. Alles eine Frage der Organisation.
  3. Ich bin was die Arbeit angeht, ein sehr gewissenhafter Mensch und gehe immer 100% sicher, dass das, was ich mache, richtig und nützlich ist.
  4. Wie mein Blog schon verrät, bin ich ein gläubiger Mensch.
  5. Eigentlich würde ich mein Leben lang durchschlafen, aber es gibt so viele interessante Sachen, die man tun kann, also leidet der Schlaf drunter.
  6. Ich versuche immer ehrlich zu sein, egal um was es geht.
  7. In meinem Leben gibt es hohe Ziele, die ich erreichen möchte und auf die ich hinarbeite.

Jetzt wisst ihr ein wenig mehr über mich 🙂

Auf ein Wort (1)

Liebe Rettungsdienstmitarbeiter,

ich habe euch angerufen, weil es mir oder einem meiner Angehörigen oder Bekannten nicht gut geht. Ich habe euch angerufen, weil ich gesehen habe, dass ein Mensch Hilfe benötigt, ich habe euch angerufen, weil ich gesehen habe, dass ein Unfall passierte und ich es als meine Pflicht sehe, euch zu informieren.

Ich weiß, dass ihr oft wichtige Dinge zu erledigen habt, manchmal nicht richtig essen könnt und viel zu oft Überstunden macht.

Ich schätze sehr, dass ihr trotz allem euch die Zeit nimmt, euch um mich oder einer hilfsbedürftigen Person zu kümmern. Ich glaube, dass ich mich (meistens) auf euch verlassen kann und euer kompetentes Auftreten lässt mich oft denken, dass ihr Ärzte seid, selbst wenn ihr ohne einen Notarzt unterwegs seid.

Ich schätze sehr, dass ihr mit mir und mit anderen erkrankten Personen redet und ihnen das Gefühl gibt, nicht nur eine Fallnummer zu sein. Ich freue mich, dass ihr mich fragt, was ich heute gemacht habe und ob ich was gegessen habe. Ich weiß, dass ihr das sehr wahrscheinlich für eure Unterlagen braucht, aber das vermittelt mir das Gefühl, dass ihr euch für mich und mein Leben interessiert.

Ich schätze es sehr, dass ihr mir nicht nur Fragen stellt, welche Medikamente ich einnehme sondern auch wissen wollt, wie das kleine Enkelkind hieß, dass der Sohn auf dem Arm hatte oder wieviele Katzen ich daheim habe.

Ich schätze es sehr, dass ihr meine Angehörigen mit Respekt behandelt, ihnen Fragen stellt und nicht über ihren Kopf hinweg redet. Ich freue mich sehr, dass ihr auch mir Fragen stellt, um euer Bild über die Notfallsituation zu vervollständigen.

Bitte versteht, wenn ich ich als Patient oder Angehöriger zwei mal nachfrage, wie genau der Blutdruck ist. Ich verstehe zwar nicht, was genau ein Blutdruck von 200 macht, aber ich weiß, dass ein Blutdruck von 200 nicht gesund ist und weil mir meine und die Gesundheit meines Angehörigen wichtig ist, frage ich euch, um ganz sicher zu gehen.

Seid mir nicht böse, wenn ich mich ins Gespräch einmische. Ich habe Angst, dass mein Angehöriger die Sache zu sehr runterspielt. Ich mache mir Sorgen und diese sind nicht durch ein hartes „jetzt seien Sie mal bitte ruhig und mischen sich nicht ein“ auszulöschen, aber durch ein ruhiges und bestimmtes Auftreten, das ich sehr bewundernswert in solch einer Situation finde, werde ich versuchen, mich mehr zurückzuhalten.

Wenn ich euch Sachen verschweige, ist es oft, dass ich Angst habe, dass ihr mich verurteilt.

Wenn ich frage, was ihr genau da macht, ist das kein  In-Frage-stellen eures Könnens und eurer Erfahrung sondern einfach, weil ich wissen möchte, welche Maßnahmen ihr an mir oder meinem Angehörigen macht, einfach weil es mir wichtig ist.

Wenn ich euch unnötig alarmiert habe, bitte ich euch, dass ihr versteht, dass ich oft nicht weiter wusste, ob das, was ich habe normal ist oder ob es abgeklärt werden sollte. Ich wünsche mir, dass ihr versteht, dass ich den Notruf nicht ausnutzen möchte, sondern mir Sorgen um mich, meine Angehörigen oder den Mann auf der Straße mache.

 

 

Dies ist der erste Teil einer kleinen Serie, die verschiedene Seiten im Rettungs-und Gesundheitswesen beleuchtet und verschiedene Meinungen darstellt. Natürlich handelt es sich oft um ein Ideal, es gibt mit Sicherheit genug Leute, die einfach sehr unsoziale und unverschämte Menschen sind. Sowohl auf der einen Seite, als auch auf der anderen Seite. 

In eigener Sache

Hallo 🙂

Im Moment hat sich einiges bei mir geändert. Ich habe weniger Zeit, regelmäßig Beiträge zu schreiben. Das habt ihr sicherlich auch schon gemerkt.

ich möchte nicht so gerne öffentlich berichten, was sich genau geändert hat, jedoch könnt ihr mich gerne entweder hier in der Kommentarfunktion oder unter meiner E-Mail-Adresse (hier zu finden) kontaktieren.

Ich wünsche euch noch eine schöne Zeit zwischen den Jahren und einen wundervollen Start in das neue Jahr.

Gottes Segen!

Augenblicke

Achtung: hier kommt Blut vor. Habt ihr damit Probleme, solltet ihr lieber nicht den Beitrag lesen.

Schon bei der Alarmierung der RTW-Besatzung hatten mein Notarzt und ich ein sehr flaues Gefühl. Die Informationen, die über Funk übermittelt worden sind, lassen uns angespannt und schnell zur Wache fahren, wir müssen auch mal was essen.

Ich habe gerade meine Pizza in den Ofen (übrigens zum 3. Mal) gestellt, als mein Melder lautstark meine Aufmerksamkeit fordert. Ich werfe nur einen Blick auf den Melder und aufstöhnend laufe ich zum NEF.

Mein Notarzt sieht nur meinen Blick und weiß auch sofort, um was es sich handelt. Unterwegs spüre ich seine Anspannung und mit einer etwas gepressten Stimme fragt er nach der nächsten Thoraxchirurgie.

Am Einsatzort angekommen steht die Ehefrau händeringend vor dem Auto und sagt uns: „Die sind schon drinnen.“

Ich werfe nur einen Blick hinein und sofort kreuzt mein Blick den des Docs. Er spricht das aus, was ich denke: „Tranexamsäure„. Ich checke kurz ab, wieviel er will und hole schnell das Medikament aus dem Ampullarium. Im RTW ziehe ich die Medikamente schneller auf, als ich je ein Medikament aufgezogen habe und beim Umdrehen sehe ich schockiert, was sich in den 5 Minuten geändert hat.

Der RTW ist blutbespritzt, der Boden dreckig und schlüpfrig und meine Kollegin schaut mich entsetzt mit gesprenkelten Shirt an. Der Notarzt steht an der einen Seite und versucht einen Zugang zu legen, mein Kollege scheint mit der kompletten Situation überfordert zu sein.

Ich atme kurz ein und verteile schnell die Aufgaben. Die Kollegin kümmert sich um die Infusionen, der RA vom RTW beginnt endlich die notwendige Absaugung. Ich zwänge mich zwischen Wand und Trage und lege dem Patienten einen großlumigen Zugang. Während auf der anderen Seite der Doc mit der Blutentnahme beschäftigt ist, spritze ich das Medikament, dass ich vorhin aufgezogen habe und kümmere mich, dass der Patient die notwendige Infusionen im Schuss erhält.

Kurz schaue ich den Patienten an. Er sieht erschrocken aus und seine Augen sind voller Sorge. Jedoch sehe ich auch einen anderen Ausdruck. Er vertraut uns. Er weiß, dass wir auch in keiner alltäglichen Situation stecken und trotzdem versucht er, ruhig zu bleiben und uns die Arbeit so weit es ihm möglich ist zu erleichtern. Ich drücke ihm kurz die Hand und sage ihm leise: „Wir passen auf Sie auf. Haben Sie keine Angst.“

Währenddessen untersucht der Doc die Stelle, die das ganze Blut fördert. Der Patient hat eine Blutung in der Halsregion, die wir nicht sehen können. Es blutet und blutet und erst mit einer großzügigen Ladung Adrenalin verlangsamt sich die Blutung.

Ich schließe mich mit meinem Doc kurz und wir zwei fahren mit Karacho Richtung Schockraum.

Nach der Übergabe (die übrigens direkt an das OP-Team ging), gehen mein Beifahrer und ich mit erschöpften Gesichtern zu unserem Auto.

Wir sind im Moment nicht einsatzklar. Weder emotional noch körperlich. Schweigend gehen wir zu unserem Auto.

Der Mann wird die Nacht nicht überleben.

„Du hast aber gesagt…“

Ich höre diese Worte nur in Gedanken, sie wurden nie laut ausgesprochen.

Doch ich weiß ganz genau, dass sie das denkt. Ich weiß, dass sie sich an diesen Moment erinnert, in dem ich es ihr gesagt habe. Ich weiß, dass sie denkt, dass sie gehofft hatte und es doch anders wurde. Ich weiß, dass sie an ihre Angst denkt. 

Ich sehe sie vor mir, klein, hellbraune Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie ist so alt wie meine kleine Schwester. Ich sehe die Treppe, die ich gerade herunter gegangen bin und lese die unbeschreibliche Angst in ihren Augen. Ich höre mich noch selbst antworten: „alles wird gut, dein Papa ist nur gestützt.

Drei Worte. 

Sie hört sie jetzt auch. Auf dem Friedhof.
Auch wenn ich nicht schuld bin an dem Tod ihres Vaters, vergesse ich nie, was ich gesagt habe. Das war das letzte Mal, dass ein Mensch von mir hörte, dass ja „alles gut wird“.

Nicht perfekt

Es ist Nacht. Ich hatte gerade für paar Minuten meine Augen geschlossen, als der Melder ging. Es geht in ein Altenheim.

Müde sitzen wir beide im Auto und wir haben wenig Motivation, diesen Einsatz zu machen.

Wir nehmen die Trage und den Rucksack mit. Stillschweigend legen wir den Weg zum Schlafzimmer des Bewohners zurück. Die Altenpflegerin wartet schon auf uns. Sie erzählt, dass der Herr Schmerzen im Bein hätte, wir sollen mal schauen.

Und dann nehme ich die Decke weg und ziehe ohne Vorwarnung die Hose runter. Erschrocken schaut der Herr mich an und mir wird bewusst, dass auch für ihn tiefe Nacht ist und er Schmerzen hat und sich das alles nicht ausgesucht hat. 
Es mag den Anschein geben, dass ich meine Arbeit sehr gut mache und nie Fehler mache. Doch ich bin nicht perfekt und dieser Einsatz hat mir wieder gezeigt, wie wichtig es ist, nie zu vergessen, dass jeder Fehler machen wird. Ich auch.

Ameisenkräfte

und das ist die neue Auszubildende, macht hier ihr Praktikum.“

Prüfend schaut der Anästhesiepfleger mich an. Über seinem buschigen Bart, den ich unter der Maske nur erahnen kann, blitzen mich zwei freundliche braune Augen an und er erinnerte mich an einen gemütlicher Teddybär.
Wie willst du denn einen 120kg schweren Patienten die Treppe runter tragen?“ poltert er los während er in Gedanken wahrscheinlich schon meinen BMI ausgerechnet hat.

Gerade muss ich an diese Worte denken. Denn ich trage gerade einen Patienten die Treppe hoch, der mir leider nicht sein Gewicht verraten kann, da er sich aus Angst schon länger nicht gewogen hat und diese Angst ist durchaus berechtigt.

Wie war das nochmal mit der Ameise? Die trägt auch ein Vielfaches ihres Gewichtes. Und die Hummel weiß auch nicht, dass die nicht fliegen kann.
Vielleicht weiß ich auch nicht, dass ich   x% meines Gewichtes nicht tragen kann, aber trage es doch.

Ps: warum denken alle, einen Patienten hinunterzutragen sei schwer. Hochtragen ist viel anstrengender.