Von einem Engel berührt

Ob sie das überleben wird?“

Die Tür des Schockraums schließen sich automatisch hinter ihm. Der Unfallchirurg schaut mich nachdenklich an und gemeinsam gehen wir in den Stützpunkt in der Ambulanz.

Sein blutverspritzer Kittel und die roten Schuhe sprechen genauso laut wie meine schlammigen Schuhe und die wirren Haare.
Auf seufzend lassen wir uns auf die Stühle nieder und zwischen zwei Tassen Kaffee sprechen wir uns unsere Frust von der Seele. Kurz schaut der Anästhesist hinein:
„Wir fahren dann zum OP, okay?“
Und spricht damit aber nicht aus, was wir alle denken ‚und danach wahrscheinlich in den Keller….‘.
Als würde er unsere Gedanken lesen, nickt er nur knapp und verschwindet.

Die Stille ist mit den Händen zu fassen. Bis ich endlich aufstehe und mich zum Auto begebe.
Es ist unordentlich. Überall liegen geöffnete Materialien, der Boden weist eine unansehnliche Mischung von Blut und Dreck auf und der Rucksack ist leer. Schweigend räumen wir auf und fahren zur Wache.

Als wir einige Stunden später wieder im Klinikum stehen, kommt mir der Unfallchirurg entgegen, der gerade aus dem OP kam.
Er erzählt, dass die Patientin lebend auf die Intensivstation kam. Stunden standen die Ärzte im Saal, unzählige Materialen wurden verbraucht und in ihre Gefäße floßen Medikamente im Wert eines Kleinwagens, vielleicht waren es auch zwei.. Oder drei.
Doch sie schaffte den  Weg zu Intensivstation.

Tagtäglich stehen Menschen um  ihr Bett und schütteln besorgt ihre Köpfe. Tagtäglich schaue ich hinein und höre: „sie lebt noch… Noch.“
Tagtäglich rechnen alle damit, dass sie den Tag nicht überleben wird.

Doch tagtäglich macht sie eine Veränderung durch. Niemand sieht es, nach außen scheint alles gleich.
Doch langsam sieht man dort ein besseres Blutbild, da hatte sich das Röntgenbild verändert und war nicht gestern mehr Blut im Katheterbeutel?
Langsam zwinkert sie mit den Augen und ab und zu sieht man ein Zucken der Hand.
Dann ändert sich alles schlagartig. Sie wacht auf. Sie beginnt zu kommunizieren. Sie fixiert ihre Gesprächspartner. Ihre Werte werden jeden Tag besser, ihr Medikamentenbedarf stetig kleiner und die Verwirrung größer.
Jeden Tag gibt es neue Erkenntnisse, jeden Tag ist ein kleines Wunder geschehen und jeden Tag schütteln alle die Köpfe, sprachlos, verwirrt, staunend.

Eines Tages sitzt sie aufrecht im Bett, am nächsten Tag in dem Rollstuhl am Fenster, am dritten fängt sie an die ersten Schritte zu machen und einen Monat später verlässt sie auf zwei wackelnden, unsicheren, mageren Beinen das Krankenhaus.
Aber es sind ihre Beine.

Ein Wunder? Ja, ein Wunder, ein großes Wunder, das uns zeigt, dass es jemand gibt, der alles kann.

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Das Übliche

Ich stehe (privat) in einem Bahnhof einer größeren deutschen Stadt. Es ist schon dunkel und ein kühler Wind streicht über den Platz. Meine Jacke und mein Schal schützen mich nur unzureichend vor der Kälte.

Plötzlich sehe ich Blaulichter aufblitzen und bemerke einen Rettungswagen, der sich auf eine Menschengruppe zubewegt, die mir bisher nicht aufgefallen ist.

Zwischen einigen am Boden sitzenden Männern sehe ich zwei Polizisten stehen, die in ihren Notizbüchern blättern und sich etwas aufschreiben. Obwohl sie zu weit von mir entfernt sind, als dass ich ihr Gesichter sie sehen könnte, sehe ich an ihrer Haltung eine leichte Ungeduld und Verzweiflung.

Die Rettungsassistenten steigen aus ihrem Auto aus und ich kann nur einige Töne hören, der Gegenstand der Unterhaltung bleibt mir unbekannt. Es ist auch nicht wichtig, um was es geht. Auch die Rettungskräfte fangen an, ungeduldig mit den Händen zu wedeln und eindrücklich auf die Männer einzusprechen.

Was auch immer sie wollten, es war nicht wirklich erfolgreich. Einige Minuten später sehe ich einen der Rettungsassistenten ein Protokoll ausfüllen, während der andere einige Worte mit einem der Polizeibeamten wechselt.

Dann steigen beide wieder in ihren Wagen ein und fahren langsam vom Platz. Ich stehe noch immer an der gleichen Stelle und sie müssen an mir vorbei fahren. Durch die Scheiben schaut mich der Fahrer kurz an und ich lächle ihm zu. Er schaut freundlich zurück und winkt mir zu. Dann sind sie weg.

Die Polizisten versuchen noch, mit den Männern auf dem Boden auf eine Wellenlänge zu kommen doch alles vergebens.

Da augenscheinlich keine Straftat noch eine Verletzung vorliegt, ziehen auch sie wieder ab.

Ich stehe da und beobachte die Männer, die noch auf dem Boden sitzen und fühle die Kälte meine Beine hochkriechen.

Es war wieder das übliche. Einer ging vorbei-sah die Männer. Etwas gefiel ihm nicht, so rief er die Polizei. Warum und wieso kann er nicht erklären „die sind komisch“. Die Polizei kommt und schaut sich die Sache an, der Rettungsdienst kommt und schaut sich die Sache an. Und beide fahren wieder weg, ohne dass ihre Fahrt einen Sinn gemacht hat. Der Anrufer meint, eine gute Tat vollbracht zu haben, doch im Endeffekt hätte es viel mehr bewirkt, wenn er sich zu den Männer gestellt hätte und sich kurz mit ihnen unterhalten hätte. Dann hätte er gewusst, was los ist und dann hätte er gewusst, dass hier weder Rettungsdienst noch Polizei helfen können.

Die Männer sitzen noch auf dem Boden, als ich vom Platz gehe. Nach Hause.

Und sie?

Die Zeit heilt alle Wunden

Vor einigen Jahren hatte ich einen Arbeitsunfall, welcher mir beinahe das Leben kostete.
Heute, Jahre später, zurückschauend auf diesen Vorfall, bin ich zum einem nachdenklich gestimmt. Jedoch auch freudig.
Die Zeit ließ mich nicht nur älter werden sondern auch erwachsener. Dieser Vorfall zeigte mir zum einem die kurze Zeitspanne, welche uns hier auf Erden bleibt und die Endgültigkeit eines abrupten Endes.
Ich konnte die andere Seite erfahren und wissen, wie es ist, sich als Patient zu fühlen. Dies hat mich verändert, aber nie verbittert.
Heute, Jahre später, kann ich in der Tat sagen, dass die Zeit die Wunden heilt.  Und nicht nur das, sie lässt uns ein anderer Mensch werden und verändert Gesinnungen, Gedanken und Einstellungen. Sie verändert jeden und nur der wird glücklich mit seinem Leben sein, der dieses als Bereicherung sieht.

Wenn alles schief läuft.

Nein, heute lief nicht alles schief. Es gab natürlich auch positive Dinge und diese vergesse ich selbstverständlich nicht.
Jedoch überwiegte heute das negative und mit einem schalen Nachgeschmack fahre ich nach Hause.
Es ist schon dunkel und irgendwie beruhigt mich diese Stimmung. Alles scheint gedämpfter und entspannter.
Auch ich beginne mich langsam zu entspannen und versuche, diese Schicht hinter mir zu lassen.
Im Gedanken arbeite ich nochmal jeden Einsatz ab. Hier habe ich eine wichtige Maßnahme vergessen, da klappte der Zugang einfach nicht. An einer anderen Stelle reagierte ich gereizt, wo Ruhe viel mehr bewirkt hätte und eine Patientin musste mehr Schmerzen ertragen. Verschiedene Nachrichten finden ihren Einzug in meine Gedankenwelt und ich frage mich, wieviel Hass in den Menschen steckt.
Während ich darüber nachdenke, perlen diese negativen Empfindungen wie Wasser auf einer wunderschönen Lotusblüte ab und mit jedem gefahrenen Kilometer lasse ich einen Teil der Sorgen zurück.
Heute werde ich mich ins Bett legen und die Decke über den Kopf ziehen, weil ich will, dass dieser Tag vorbei ist. Aber um Mitternacht werde ich wissen, dass ein neue Tag beginnt.

z.n. Dienst

Die nette Verkäuferin in der Bäckerei quatscht mit den Kunden vor mir:
… Ja, genau, wir arbeiten immer bis 17 Uhr abends. Das ist richtig anstrengend, 11h zu arbeiten.“

Mitfühlend nicke ich heimlich mit.
Ich bin gerade auf dem Weg nach Hause, habe keine Minute geschlafen.
Erst hatten wir einen Bewusstlosen, dann unglaublich lang reanimiert. Zu guter Letzt mussten wir aggressive Menschen bändigen. Zwischendurch gabs noch paar Kleinigkeiten.
Ganz unauffällig muss ich gähnen. 12 Stunden sind sehr anstrengend.

Zwei Kinder, zwei Familien, zwei Geschichten

Kind 1 ist 12 Jahre alt. Vor einigen Jahren hatte es einen schweren Unfall – mehrere Brüche, innere Verletzungen, starke Blutungen und lebens-bedrohliche Gehirnverletzungen.
Wochenlang kämpften die Ärzte um das Leben, tagaus tagein bangten die Eltern mit. Der Schock wurde bald zum Zorn, dem Schmerz wich eine große Wut und die Familie zersplitterte.
Das Kind lebt in einer besonderen Einrichtung. Es kann atmen – durch eine Kanüle, es kann reden – durch Laute und Mimik. Es sitzt – im Rollstuhl, es isst – durch eine Sonde. Es lebt – aber seine Familie hat es verlassen.

Kind 2 ist winzig klein. Viel zu früh musste es auf die Welt geholt werden. Es hat nicht nur Genmutationen, es ist sowohl taub als auch blind. Zusätzlich kommen die Komplikationen, die sehr oft bei Frühgeborenen auftreten.
Das Kind hat schon mehr Zeit im Krankenhaus hinter sich als es im Mutterleib bleiben durfte. Dennoch ist es nicht über den Berg und täglich wird eher gehofft, dass sich nichts verschlechtert, denn Fortschritte sind kaum zu verzeichnen. Es wird wahrscheinlich sterben oder ein Pflegefall bleiben. Tagaus, tagein sind die Eltern da und schauen durch die Scheiben des Brutkastens zu dem kleinen Menschen. Der Schock wurde zu einer Stärke, dem Schmerz wich die Zuversicht und die Familie wuchs mehr zusammen.

Was macht den Unterschied aus?!

Einfach Leben

Es gibt Menschen, die sind schwer krank. Menschen, die an Maschinen hängen, die ihnen das Leben erhalten. Diese Menschen warten auf eines: ein Spendeorgan. Sei es eine Niere, die Leber oder das Herz. Wenn jemand ein Spendeorgan braucht, ist er schwer krank und hat es verdient (ich möchte hier keine Grundsatzdiskussion anführen, dafür ist mir das Thema zu ernst).
Doch was bedeutet dies, auf ein Organ zu warten!?
Es heißt zu warten, dass da draußen in der Welt ein, am besten gesunder junger Mensch stirbt und seine Organe freigibt.

Lapidar gesagt: man hofft, dass jemand stirbt.
Jeder von uns möchte leben. Am Leben hängt jeder. Und jemand, der schwer krank ist, möchte auch leben und wünscht sich sehr die Möglichkeit, gesund zu werden.
Doch es muss jemand sterben, damit ein Leben weitergeführt wird, ja sogar von neuem beginnt.
Zu meinen, dass es jeder verdient hat zu leben, ist einfach.
Zu akzeptieren, dass einer sterben muss, damit einer leben kann ist schwieriger.

Das gilt nicht nur dem Dialysepatienten, der auf seine Niere wartet.
Nein, es gilt uns allen.
Einer musste für dich sterben, damit DU leben kannst.

60 Sekunden

Eine Minute ist keine lange Zeitangabe.
Für viele Menschen vergeht sie im Flug und man merkt kaum, dass schon wieder 60 Sekunden vorbei sind.

Doch ab und zu sieht es anders aus.
Wenn du
– Den Zug um eine Minute verpasst hast,
– Eine Minute zu spät deine Klausur an den Professor geschickt hast,
– einen Anmeldezeitraum verpasst hast,
– eine Zeitvorgabe nicht beachtet hast,
– auf Hilfe wartest,
– Ein Einsatzfahrzeug fährst,
– Auf einen (Not-)arzt wartest,
kommt dir eine Minute unendlich lang vor.

In einer Minute kann man viel machen.
Ich kann in der Zeit Geräte aus dem Auto holen, einen kurzen Überblick erhalten, Fakten und Gegebenheiten auffassen und eine Anamsese durchführen. Ich kann erste Vitalparameter erheben und kurze Anweisungen geben.

Dann erscheint eine Minute gar nicht mehr lange.

Was ich euch einfach sagen möchte:

Lieber Leser, es kommt nicht darauf an, im Leben soviel Minuten wie möglich zu sammeln, sondern die Minuten die man hat zu füllen.
1 Minute sind 60 Sekunden voller Möglichkeiten.
Dein Leben ist jetzt. Nicht heute, nicht morgen und nicht in 2 Jahren.
Füll es mit etwas Sinnvollem.

Nur Leben ist schöner

Viele sagen:
„Oh du arbeitest im Rettungsdienst, da siehst du ja voll die schlimmen Unfälle.“
„Verkraftest du das alles?“
„Ih, dann musst du ja Blut und eklige Wunden sehen!!“
„Ist bestimmt schwer, Schichten zu arbeiten und auch nachts leistungsfähig zu sein.“
„Hm, manche Patienten sind doch ganz schön schwer und die Autos so groß..!?“

Das stimmt auch alles. Ist genau so und ja, es ist schwer, es ist blutig, dreckig, anstrengend, traurig..

Aber das ist nur die eine Seite.

Wir dürfen…
… mit Sonderrechten fahren, weil wir retten müssen.
… auf der Straße parken, im Parkverbot stehen, durch Staus fahren.
…. mit wenigen Medikamenten Linderung verschaffen.
… ängstliche Menschen trösten.
… in die Privatsphäre anderer eintreten
… das Vertrauen anderer an unsere Maßnahmen genießen (meistens).
… Kindern den RTW zeigen.
… Babys zur Welt bringen.
… Schmerzen nehmen.

Und vor allem:
Wir haben die Möglichkeit, Menschenleben zu retten. Wir können eine entscheidende Maßnahme machen, die sich positiv auf das Leben des Menschens auswirkt.

Diese schöne Seite ist viel mehr wert als der sechste Einsatz in der Nacht, der 120kg schwere Patient, die spritzende Wunde.

übrigens: wer von euch weiß, von wo der Spruch in der Überschrift ist?

Ein neues Leben

Sie liegt in meinem Auto auf der Trage. Ein leises und monotones Piepsen erfüllt den Raum und auf dem EKG sehe ich ihren Herzrhythmus.
Sie sieht blass und ängstlich aus, doch in ihren Augen sehe ich ein hoffnungsvolles Schimmern und erwartungsvolles Leuchten.
Sie ist im Moment stabil, doch trotzdem fährt mein Kollege mit Sonderrechten. Die Autobahn ist voll und wir haben es eilig, denn wir sind in einer besonderen Mission unterwegs.
Selten fahren wir solche Einsätze und ich kann mich ihrer Faszination nicht entwehren.
Vor nicht mal 5 Stunden war diese Frau eine ganz normale Frau, die nur viel kränker ist als der Rest der Menschen und die auf einer Liste steht, auf die nur ganz besondere Menschen kommen, die sich nichts mehr wünschen als nie auf dieser Liste zu stehen oder wenigsten schnell von der Liste verschwinden.

Doch jetzt ist es anders. Sie steht unmittelbar davor, von dieser Liste entfernt zu werden. In diesem Moment fühlt sie Angst, aber die Freude überwiegt.
Endlich ist es soweit.
Sie fährt ihrer Lunge entgegen.
Einem neuen Leben.