Hinter Gittern

Jede größere Stadt hat eine JVA, auch Gefängnis oder ganz umgangssprachlich „Knast“ genannt. Manche Städte haben nur Männergefängnisse während andere auch Frauen-oder Jugendstrafanstalten haben.
Egal um welche Art von Vollzugsanstalt es ich handelt –  sie haben alle etwas gemeinsam: die Menschen sind von den anderen Menschen separiert worden, weil sie eine Bedrohung für die Gesellschaft darstellen.

Von Zeit zu Zeit werden wir auch in diese Art von Gebäude gerufen. Es handelt sich hierbei um ganz normale Einsätze, die auuch außerhalb der Gitter passieren, sei es eine Verletzung, eine internistische Erkrankung wie Herzinfarkt oder ein Krampfanfall. Von Zeit zu Zeit gibt es auch Suizidversuche oder Suizide. Alles normale Einsätze, normale Vorgehensweisen… normale Menschen?
Jedes Mal wenn wir uns Richtung JVA bewegen, kann ich mich eine beklemmenden Gefühls nicht entwehren. Wir passieren die Sicherheitskontrollen, wissend, dass wir nicht das Gebäude verlassen können, ohne dass uns jemand die Tür öffnet. Wir können nicht gehen, wenn wir es wollen, wir müssen uns darauf verlassen, dass uns jemand hinaus lässt. Wir können nicht einfach eine Tür öffnen und einen Menschen versorgen, weil wir nicht die Befugnis dazu haben und wir können oft nicht auf dem kürzesten Weg zum Patienten, weil die Begebenheiten das oft nicht zulassen.
Kurz – wir sind auch Gefangene.

Gehen wir an den Zellentüren vorbei hinter denen Menschen sitzen, die aufgrund ihrer Straftaten hier untergebracht worden sind, frage ich mich mit Blick auf jede einzelne Tür: „und was hast du getan?“ und „was hat dich dazugebracht, so zu handeln?“ Er wird mir meine Frage nie beantworten können, weil ich sie ihm nie stellen werde.

Meine Patienten treffe ich immer alleine und in Begleitung der Beamten an. Alleine, weil ihre Zimmergenossen anderweitig untergebracht und Flurnachbarn in ihren Zimmern sind. In Begleitung der Beamten damit ein potentieller Fluchtversuch unterbleibt.
Und abermals kommen wieder die Gedanken an die Oberfläche „warum – weshalb – wieso?“ Auch er (oder sie) wird mir die Frage nicht beantworten, weil ich sie ihm nicht stelle, weil es nicht wichtig ist. Nein, es ist nicht wichtig, was er getan hat, warum er hier sitzt, ob er eine Bank überfallen hat, indem er den Bankangestellten mit eine Wasserpistole bedrohte oder ein scharfes Geschütz hatte. Ob er ein notorischer Schläger ist, der mehr Anzeigen aufgrund Körperverletzungen hat als ich an Händen und Füßen abzählen kann oder ob diese Person sogar einen Menschen auf dem Gewissen hat.

Das einzige was zählt ist, dass der Mensch meine Hilfe braucht. Hat er sie verdient? Ich weiß es nicht. Hat er verdient, dass sie ein Mensch um ihn (um sie) kümmert, obwohl er sich nie um andere gekümmert hat, die unter seiner (oder ihrer) Handlungsweise leiden mussten?
Sehen wir die Sache von diesem Blickwinkel aus, werden wir alle sagen: Nein, er hat sie nicht verdient. Denn wer anderen schadet, dass er in Verwahrung kommen muss, der hat kein Recht Hilfe zu erhalten.
Gehen wir der Sache aber auf den Grund, müssen wir uns eingestehen, dass auch wir viel zu oft anderen schaden, uns egoistisch verhalten, andere verletzen. Nein, wir werden nicht dafür verurteilt und kaum einer kommt ins Gefängnis, wenn er seine Kekse nicht teilt. Aber haben wir es tatsächlich verdient, dass andere Menschen uns helfen, uns lieben, für uns da sind?

Während ich diesen Häftling versorgen, ihm die gleiche Behandlung zuteil werden lasse, denke ich darüber nach. Ihn zu behandeln wir jeden anderen Menschen, ihn nicht zu verurteilen und ihm zu helfen, egal, was er getan hat, dazu gehört bedingungslose Liebe. Es geht nicht nur darum, dass man den Menschen professionell versorgt und ihm alles, was in seinem reduziertem Allgemeinzustand braucht, gibt.
Und wieder wird mir klar, wie weit wir alle, wie weit ich selber von dieser wirklich bedingungslosen Liebe entfernt bin.

Langsam nähern wir uns dem Ausgang. In zwei bis fünf Minuten werden wir die Tore hinter uns lassen und wir werden wieder frei sei, im Gegensatz zu den Menschen, die hinter unserem Rücken in ihren Zellen, Betten, Essräumen sind.
Ja, wir werden frei sein, körperlich, aber frei von Hass, unguten Gedanken, Vorurteilen und Neid werden auch wir nicht sein.

Die letzte Fahrt

Die Straße ist neu. Nicht komplett neu, aber sie ist vergrößert worden, außerdem wurde sie neu asphaltiert und auch die Markierungen fehlen nicht mehr. Es handelt sich hierbei um diese klassischen Dorfverbindungswege, die oft nur so schmal sind, dass man nur vorbei kommt, wenn beide Autos ganz rechts fahren. Diese Straße wurde nun endlich saniert und strahlt nun in ihrem neuen Glanz.

Er fährt nach der Arbeit nach Hause. Es ist nicht seine übliche Strecke, doch seit dem Tag ist ihm das egal. Seit diesem Tag fährt er abends immer die gleiche Strecke heim. Er fährt Richtung Westen, damals fuhren sie Richtung Osten. Im Sommer wartet er oft, bis die Sonne tief steht, genauso tief wie damals als sie im Osten erst aufgegangen ist. Jeden einzelnen Tag zieht es ihn da hin.

Er fährt die Straße entlang. Damals war es so ein Gemeindeverbindungsweg. Die Felder und Kurven lassen auch heute keine einwandfreie Sicht zu, aber immerhin muss sich niemand mehr Sorgen machen, dass er jemanden nicht rechtzeitig sieht. Damals war das anders. Die Kurven sind die gleichen geblieben. Während er diese Straße entlang fährt, steigt die alt bekannte Bitterkeit hoch…. Hätten sie schon damals….

Mittlerweile kennt er jede Kurve, jedes Feld. Noch zwei Kurven und dann kommt die kleine Abzweigung zum Bauernhof. Unmittelbar nach dieser Abzweigung war es. Krampfhaft hält er die Augen geöffnet, er weigert sich, noch mehr Tränen zu vergießen. Jetzt kommt die Kurve, an der sein Leben jäh anderes wurde. Es gibt kein Kreuz, das auf diesen schlimmen Tag hinweist, nur ein kleiner Strauß Blumen liegt unter dem 3. Baum rechts. Während er mit zusammengebissenen Zähnen vorbei fährt, stürmen die Bilder auf ihn ein.

Er fuhr ihr hinterher, sie wollten das Auto zum Händler bringen. Endlich hatte sie sich durchgerungen, ein neues und sicheres Auto zu kaufen. Die Sonne ging gerade auf und blendete sie mit ihrem gleißenden Licht. In dieser Kurve, die so eng ist, dass man eigentlich mit reduzierter Geschwindigkeit fahren sollte, kam ihr der andere Autofahrer entgegen. Sie prallten aufeinander, er in seinem Auto konnte nur noch schreien und dann habe war es vorbei.

Tieftraurig fährt er an dieser Stelle vorbei. Immer wieder fragt er sich, wie lange es dauert, bis er den Schmerz überwunden hat. Und obwohl er sich schon tausend Mal mit der Frage befasst hat und eigentlich die Antwort schon weiß, flüstert er verzweifelt in den untergehenden Feuerball schauend: Warum?