Priorität

„Aber der hat doch eine Wunde am Bein… Die muss sicher genäht werden.“

Die Neurologin schaut mich mit fragenden Augen an.
Klar, denke ich. Muss schon.
Doch der Patient hat gerade ein anderes Problem.
Nämlich seinen massiven Schlaganfall.

Aber klar.
Das ist so ähnlich, wie wenn ein Chirurg einem Patienten, der reanimationspflichtig ist, seine OSG-Fraktur operieren möchte.

Ich glaube, da gibt es ein ähnliches Video. Hätte nie gedacht, dass sowas wirklich wahr sein kann.

 

Edit: Look here

Erkenntnisse (3)

Die Patientin liegt in meinem Auto. Es ist alles nicht so schlimm, doch sie muss ziemlich bald behandelt werden.

Wir unterhalten uns, ich frage sie nach der Familie, ihrer Arbeit und dem Beruf.
Sie erzählt mir von ihrem Job und dass sie jeden Tag ziemlich früh aufstehen muss, da sie pendelt. Durch diese lange Fahrstrecke kommt sie abends auch später heim und hat somit einen ca 12-Stunden-Tag, ab und zu muss sie auch samstags für paar Stunden zur Arbeit.

In einer Pause drücke ich ihr gegenüber mein Mitleid aus, dass sie so lange fahren muss, einen so langen Arbeitstag hat und somit kaum was von dem Tag und der Familie hat.

Den Satz habe ich noch nicht mal zu Ende gesagt, als ein Gedanke in meinen Kopf aufblitzt, nur ganz kurz, doch er setzt sich fest.
Mein Arbeitstag ist auch lange und durch das Fahren bin ich jeden Tag ca 13-14 Stunden auf Arbeit. Oft mache ich Überstunden, an Wochenenden arbeite ich und meine Familie sieht mich selten.
Nur ganz kurz kam der Gedanke, aber er gab mir zu denken.
Erinnerte mich an Anna.

Nur ein Gedanke

Wir haben oft mit Menschen zu tun, die nicht der deutschen Sprache mächtig sind.
Oft kommt dazu, dass sie außer ihrer Muttersprache keine weitere können.
Ich selber beherrsche mehrere Sprachen und konnte sie oft anwenden, aber dass ich z.B. tibetisch kann ist vielleicht doch etwas zu viel verlangt.

Wir sind wieder mal bei einer Patientin, mit der wir leider nicht richtig kommunizieren können.
Meine Kollegin fragt in die Runde, ob jemand übersetzten kann und siehe da, es findet sich eine Dame.
Zwar kann sie nur gebrochenes Deutsch, aber sie versteht uns gut.

Ich erkläre der Dame, dass ich ihre Freundin/Verwandte/Bekannte/Mitbewohnerin untersuchen möchte und bitte, es ihr zu vermitteln.

Die Dame hört mir aufmerksam zu, nickt verständnisvoll und….geht wieder zur Seite.

Ich denke nur: hä?

Wahrscheinlich muss ich noch ein wenig an der Kommunikation arbeiten.

🙂

Schon, aber…

Der Kollege hatte vor einigen Wochen einen interessanten Beitrag geschrieben.

Vor gar nicht langer Zeit sah ich eine Situation, die mich an seinen Text erinnerte.

Ein kleines Kind, vielleicht 6 Jahre ist unterwegs zum Einkaufen. Es sitzt auf dem Fahrrad, hat vorschriftsmäßig den Helm aufgesetzt.
Hinter ihm fährt ein Elternteil, auch mit dem Rad und auch mit Helm.
So weit so gut, sehr vorbildlich, denke ich.

Hinter dem Fahrradsitz ist auf dem Gepäckträger ein Kindersitz befestigt, ein Kleinkind, vielleicht 2 Jahre alt, schaut fröhlich nach links und rechts.
Ich stutze kurz, denn ich sehe rote Locken aufblitzen.
Ich schaue ein zweites Mal hin.
Das Kind hat keinen Helm auf.

Verwundert fahre ich weiter.
Ich verstehe es nicht.

Ja, dann…

Es ist tiefe Nacht hier. Ab und zu fährt ein Auto vorbei, ich stehe draußen und genieße die Stille. Ein Unwetter zieht heran.

Da geht der Melder.
Im Auto lesen wir die Adresse (gar nicht so weit weg), den Namen und die Einsatzmeldung: v.a. Bauchschmerzen.

Hmm, dann müssen wir wohl mal schauen.
Beim Haus angekommen gehts erst mal mehrere Treppen hoch.

Oben erwartet uns schon der Patient. Kurzer Check, alles nicht so schlimm wie es sein könnte.
Der Bauch tut weh. Seeehr weh. Seit drei Tagen.
Vorsichtig taste ich ab. Keine Abwehrspannung, leichter Druckschmerz.

Dann kommen die zwei Fragen:
1. Was ist jetzt so schlimm geworden im Gegensatz zu paar Stunden früher, weshalb Sie dann auf die Idee kamen uns zu rufen?
2. Warum wollen Sie gerne jetzt behandelt werden und sind nicht um vielleicht halb 10 oder 15:24 Uhr zum Arzt gegangen?

Ich höre mir die Antworten schweigend an.
Um 03:47 Uhr habe ich keine Neuronen zum Diskutieren mehr.

Ach Nein…

So ein richtiger Notfall mit blauen Lichtern, lauten Tönen und großer Medizin.
Wir sind die ersten, der Notarzt braucht noch etwas.
Am Einsatzort schalten wir jedoch einen Gang zurück, denn die Situation ist nicht so dramatisch, wie die Meldung es vermuten ließ.

Die Basismaßnahmen werden abgearbeitet, die Anamnese vervollständigt.
Wie immer frage ich nach Vorerkrankungen, hier geht es speziell um Herzerkrankungen, bekannte Rhythmusstörungen, vielleicht auch Schlaganfälle. Bewusst formuliere ich die Fragen einfach, verzichte auf die Ärztesprache.

„Ach Nein, gar nichts“ ist die Antwort.
Auch gut, nicht jeder mit 70 muss krank sein.

Kurze Zeit später kommt der Doc und der Kollege sucht schon mal die Versicherungskarte uns nach einem etwaigen Medikamentenplan (vielleicht bisschen Vitamine, wer weiß..).
Und siehe da, es erscheint einer.

Was ich dann zu lesen bekomme erwärmt und erschüttert mein Herz gleichermaßen.
Ich hatte doch Recht gehabt.
Und warum sagen die Leute nicht, dass sie
Bluthochdruck
Herzrhythmusstörungen
KHK
Herzinsuffizienz
(…)
haben?

Die Lösung

Feiertage stehen vor der Tür. Die Kinder haben Ferien und das Wetter ist super.
Alles ist geplant, wenn da nicht die einzige Hürde wäre.
Was wird mit Opa gemacht?

Das Krankenhaus ist voll, aber das ist es ja schon immer. Die Ärztin schaut sich die Patienten an, entscheidet sich, einige heimzuschicken, die auch gerne nach Hause wollen. Oma freut sich.

Dann sieht das so aus:
Der Hausarzt wird gerufen: also so gehts mit dem Opa nicht weiter.

Die Oma wird zu Hause angekündigt und wird mit langen Gesichtern empfangen: Also wie kann man nur…

Die Lösung ist ganz einfach:
Ich schicke Opa ins Krankenhaus.

Und ich schicke Oma nach Hause, ich brauche Platz, sie ist fit.

Alles klar. Alle sind glücklich.

Aber eine kurze Frage noch:
Denkt jemand an Opa und Oma?

Wird kurz weh tun.

Sportveranstaltung, um die Mittagszeit.
Die Jugendlichen nehmen an verschiedenen Wettkämpfen teil, viele Zuschauer und Helfer sind auch vor Ort. So auch ich.
Plötzlich werde ich gerufen, ein Junge habe sich verletzt, ich habe doch bisschen „Ahnung“, ob ich nicht mal kurz…
Aber sicher, in paar Minuten stehe ich vor dem kleinen Mann, 11 Jahre, schmerzverzerrtes Gesicht.
Ich frage ihn, was passiert ist und wo es ihm weh tut.
Er deutet auf seine Schulter und ich sehe sofort seine Problematik. Ganz vorsichtiges Abtasten bestätigt meine Verdachtsdiagnose und ich teile ihm mit, dass er ins Krankenhaus muss, da seine Schulter ausgekugelt ist (bzw. er hat eine Schulterluxation).
Der Kleine versteht das und fragt, ob es sehr weh tun wird.
Während ich ihm noch darauf antworten möchte, drängelt sich eine Person vor, schaut sich die Sache an und sagt zu dem Jungen:
„Ach, wir können das auch gleich hier – so und so (kurze Erläuterung) – machen, wird halt kurz weh tun.“

Danke für das Gespräch.
So fangen wir erst gar nicht an.