Wie damals

Schweigend sitzen wir beide im Auto.
Das ist nicht der erste Einsatz, den wir gemeinsam hatten und es wird auch nicht der letzte sein.
Es ist auch nicht der erste Einsatz dieser Art, den meine Kollegin und ich hatten und trotzdem sind wir innerlich wie gelähmt.

Sie schaut mich an, bis ich das Schweigen breche: „Ja, wie damals…“
Damals, da war sie noch in der Ausbildung und der Einsatz war einer ihrer ersten Einsätze auf dem Rettungswagen. Damals, da war ich noch sehr frisch im Beruf. Damals, das werden wir beide nie vergessen.
Damals haben wir uns genauso angeschaut und damals habe ich ihr geholfen, nicht den Mut zu verlieren und die Arbeit weiterzumachen. Nicht aufzugeben und die Hoffnung behalten, dass es auch gute Seiten in unserem Beruf gibt.

Heute fehlen uns beiden die Worte. Weil wir beide wissen, dass das dazugehört. Weil wir beide wissen, dass dieser Einsatz uns zwar den Wind aus den Segeln nimmt, wir aber nicht Schiffbruch erleiden.

Damals lag dieser Patient bei uns im Auto. Wir haben gekämpft um ihn und gehofft, dass er es schafft. Doch seine Grunderkrankung war zu schwer und wir mussten sehen, wie sein Leben uns innerhalb von Sekunden aus der Hand gleitet.
Heute lag der Patient da, den wir auf niedrigem Niveau stabilisieren konnten. Doch in einem Moment änderte sich das komplette Bild und wir mussten hilflos zusehen, wie er aus dieser Welt ging.

Im Rettungsdienst passieren viele Dinge, Sachen, die man sich nie erträumen kann und Begebenheiten, die einem niemand glaubt. Und viel zu oft haben wir mit dem Tod zu tun.
Doch eines ist so selten, dass es kaum jemand erlebt und das ist einem anderen Menschen beim Sterben zuzusehen. Meistens sind die Menschen schon tot oder man schafft, sie auf einem niedrigen Niveau zu stabilisieren. Jedoch sieht man kaum, wie ein Mensch aus dieser Welt in eine andere geht.

Traurig und schweigend legen wir dieses Fahrt zurück. Wir hätten es gerne anders gehabt, wir hätten gerne heroisch das Leben gerettet und ihm geholfen, aber irgendwann kommt der Moment, an dem der Cut ist und nichts auf der Welt kann es ändern.

Trotz der niederdrückenden Stimmung kämpft sich in mir ein Gedanke hoch: Demut, Dankbarkeit und Friede.

 

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