Berufskrankheit

Vor einiger Zeit redete ich mit einem meiner Notärzte, mit dem ich ein freund-schaftliches Verhältnis pflege. Wir sind auf einer gemeinsamen Wellenlänge und teilen nicht nur die selben Weltanschauungen.
Er selbst ist Vater dreier kleinen Kinder, alle noch im Vorschulalter. Vor einiger Zeit hatte er den Badesee besucht und die Kids spielten im flachen Wasser des kleinen Sees. An sich nichts Besonderes und keine Angst, es ist auch nichts Schlimmes passiert.

Als wir uns darüber unterhielten, kristallisierte sich heraus, vorauf er eigentlich hinaus wollte. Immer wieder hatte er sich vergewisserst, ob es den Kindern tatsächlich gut geht, ob keines von ihnen in Begriff steht, ins tiefere Wasser abzuwandern oder andere Überraschungen bereithält – wie jeder gute Vater es nun macht.
Was er dachte, ist jedoch nicht Standard. In seinem Kopf spielte er alle möglichen Szenarien durch:  Was ist, wenn die Große paar Meter weiter geht, gerade wenn ich weg sehe? Was ist, wenn der Bub die kleine Maus ausversehen stößt und sie hinfällt – paar Momente reichen, damit ein so kleines ertrinkt, war das nicht bei dem einen Notfall auch so? Und was ist, wenn ich sie reanimieren muss? 15:2? Und waren die Beatmungen auch dabei? Hilfe, ich habe meine Notfalltasche nicht auf Verfall gecheckt.
Okay, was machen wir nochmal Schritt für Schritt? Ich habe hier auch keine Rettungsassistenten dabei, die mir helfen können….. 

In euren Ohren mag sich das vielleicht ein wenig übertrieben oder lächerlich aussehen, vielleicht denkt der andere aber auch, dass es normal ist, weil sich Eltern prinzipiell Sorgen machen um ihre Kinder.

Mir ist klar geworden, dass ich jedoch sehr ähnlich denke und handle.
Bin ich in einer fremden Stadt, schaue ich zuerst, ob ich anhand der Straßenschilder das nächste Krankenhaus finden kann.
Auf Autobahnen schaue ich mir jede Ausfahrt an um auch ohne Navi sagen zu können, wo ich mich befinde. Bin ich auf einer Überlandstraße unterwegs präge ich mir wichtige Punkte ein und merke mir den letzten Ort, durch den ich gefahren bin.
In großen und unbekannten Häusern möchte ich zuerst wissen, wo die Notausgänge sind und wie ich dahin komme und gibt es auch einen Feuerlöscher?
Bin ich in Hallen, Versammlungsräumen oder anderen großen Häusern, mache ich mir, bevor ich mich auf den Grund meines Herkommens (Konferenz, Konzert, Besprechung) konzentriere, einen Plan im Kopf, wie ich am Schnellsten hier heraus kommen könnte, wie ich am Schnellsten eine Person herausbringen könnte, wie ich am Schnellsten eine Person zwischen Stuhlreihen zu einem freien Platz bringen könnte. Ich mache mir einen Plan, wie ich reagieren würde, wenn eine Person reanimationspflichtig wird, was ich mache, wenn eine Person einen Herzinfarkt hat und wen ich zur Hilfe bitten würde, wenn ich mit mir bekannten Menschen unterwegs bin.

Ich hatte schon einige Male Notfälle in solchen Settings und selbstverständlich kann ich mich nicht immer komplett an alles erinnern, was mein Kopf sich da überlegt hat, aber ich bin ruhiger in solchen Situationen, weil mein Kopf das alles schon durchgespielt hat und Erfahrung viel mehr wert ist als Routine. Ich werde nie Routine haben in Notfällen in großen Konferenzen zwischen zwei Stuhlreihen, einfach weil ich solche Notfälle nicht täglich erleben werde.
Aber ich habe die Erfahrung, die mir hilft, in außergewöhnlichen Situationen nicht den Kopf zu verlieren.

Um nochmal auf den Titel zurückzukommen, ja, ich denke, es ist eine Art „Berufskrankheit“, genauso wie bei anderen Menschen unauffällig den Venenstatus zu checken, aber machen das nicht alle? Frag mal einen Optiker, ob er nicht auf die Brillen seiner Mitmenschen achtet? Und könnt ihr euch vorstellen, dass ein Schreiner unbeeindruckt an einem antiken Schränkchen vorbeigeht? Es gibt unzählige Beispiele dafür.

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