Um jeden Preis

80???“ 

Die junge Frau spricht die Fragezeichen nicht aus, aber ich kann ihre Empörung deutlich hören.

Achzig ist viel zu hoch für mich. Das geht gar nicht, da ist was falsch bei mir. Das ist nicht normal. Messen Sie nochmal mit Hand und schauen Sie gleich, ob ich Extrasystolen habe.

Ja nun, dann mache ich nochmal. Während mein Monitor pflichtbewusst seine Arbeit tut und munter in einem wunderschönen Rhythmus vor sich hin piepst, lege ich meinen Zeige,-Mittel- und Ringfinger an die Stelle an ihrem Handgelenk, an der die Arteria radialis verläuft. Konzentriert blicke ich auf die Uhr, aber nur, damit ich unvoreingenommen ihren Puls zählen kann. 

79 Schläge in der Minute.“ Das Ergebnis meiner einminütigen Zählung deckt sich mit der Zahl, die auf dem Monitor erscheint. In der Ecke unten links zeigt die Stoppuhr an, dass wir die Überwachung mittlerweile 9:47 Minuten dran haben. In der lückenlosen EKG-Aufzeichnung erscheint ein wunderschöner Herzrhythmus, der keinen Hinweis auf eine Störung liefert. 

Ich schaue die Dame an, der meine Erklärungen gar nicht gefallen. Immerhin hat sie uns angerufen, weil sie das Gefühl hat, dass ihr Herz stolpert. Ich fasse ihr nochmal alle Werte zusammen, die im Normbereich liegen. Auch wenn ihr Puls normalerweise bei 65 liegt, ist eine Frequenz von 82 nicht unnormal und in der Regel nicht abklärungsbedürftig. Alles unter 100 ist erstmal in Ordnung und 80 ist kein Wert, der mir Sorgen bereitet. Sie weist auch keine Symptome auf, die für eine abklärungsbedürftige Störung der Erregungsweiterleitung am Herzen hinweisen. Mit andern Worten: sie ist gesund. 

Entrüstet blickt Sie mich an: „Sie sind doch nicht Ärztin, Sie können das gar nicht beurteilen.“ Das ist der Moment, in den ich kurz meine Augenbrauen hochziehe und sie nur anschaue, bis sie meinen Blick nicht mehr standhalten kann und auf die auf dem Couchtisch liegende Papiere sieht. Diese hatte ich vorhin auch schon ausgiebig studiert und sie sagen mir, dass ich nicht die erste Person bin, mit der sie über ihre Symptome gesprochen hat. Innerlich kopfschüttelnd, äußerlich wie immer ruhig und professionell reiche ich ihr die Hand und sage ihr: „Ihr Hausarzt erwartet Sie wie abgeklärt in zwei Stunden in seiner Praxis, ich wünsche Ihnen noch alles Gute“ und verlasse gemeinsam mit meinem Azubi und mit einem Durchschlag des Protokolls die Wohnung.

Im Auto schauen wir uns nur an. Worte braucht es hier keine.
Übrigens: besagte Patientin war/ist selber medizinisches Fachpersonal. Das erklärt, warum sie Fachbegriffe, Krankheiten und Normwerte kannte.

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