„Du hast aber gesagt…“

Ich höre diese Worte nur in Gedanken, sie wurden nie laut ausgesprochen.

Doch ich weiß ganz genau, dass sie das denkt. Ich weiß, dass sie sich an diesen Moment erinnert, in dem ich es ihr gesagt habe. Ich weiß, dass sie denkt, dass sie gehofft hatte und es doch anders wurde. Ich weiß, dass sie an ihre Angst denkt. 

Ich sehe sie vor mir, klein, hellbraune Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie ist so alt wie meine kleine Schwester. Ich sehe die Treppe, die ich gerade herunter gegangen bin und lese die unbeschreibliche Angst in ihren Augen. Ich höre mich noch selbst antworten: „alles wird gut, dein Papa ist nur gestützt.

Drei Worte. 

Sie hört sie jetzt auch. Auf dem Friedhof.
Auch wenn ich nicht schuld bin an dem Tod ihres Vaters, vergesse ich nie, was ich gesagt habe. Das war das letzte Mal, dass ein Mensch von mir hörte, dass ja „alles gut wird“.

5 Gedanken zu “„Du hast aber gesagt…“

  1. Was ist mit den anderen?
    Die bei denen die Diagnose „Alles wird gut“ stimmt.
    Für die bedeutet nicht zu sagen ein paar Nächte mehr in Angst.

    Und ist es für das Mädchen so viel schlimmer das sie ein paar Tage mehr gehofft hat?

    Versteh mich nicht falsch, ich bin absolut dafür dem Patienten und den Angehörigen
    die Warheit zu sagen.
    Das bedeutet aber auch, wenn ich überzeugt bin das alles gut wird, dann sag ich das auch.

    • Wie kannst du wissen, dass alles gut wird?
      Meiner Meinung nach ist das eine bedeutungslose Floskel.
      Du kannst gerne sagen, dass du dafür sorgst, dass der Patient gut versorgt wird und im Krankenhaus behandelt wird, aber du kannst nie sagen, dass alles gut wird.
      Ich war mit auch zu nahezu 100% sicher, dass der Mann nach Hause kommt.

      • Natürlich weiß ich nicht ob alles gut wird, und ich habe die Floskel in der Reinform auch noch nie verwendet.
        Ich möchte die Floskel nur nicht kompett ausschließen.

        Ein Fallbeispiel das ich erlebt habe:

        Sanitätsdienst bei einer Sportveranstaltung, ein etwas 12 Järiges Mädchen kommt mit einer kleinen Schürfwunde am Kopf zu mir. Während ich mir überlegt habe ob ich das Mädchen zur Abklärung einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus schicken soll ( Sie hatte keinerlei Anzeichen ) kam die Frage
        „Ist es was Schlimmes?“. Da ich auf die Frage nicht sofort reagiert habe ( Männer können nicht denken und reden gleichzeitig ;-)) hat das Mädchen Panik bekommen und war nur sehr schwer wieder zu beruhigen.
        Es geht mir bis heute nach, dass ich die psychologische Komponete nicht rechtzeitig erkannt habe.

  2. Ich kann den Satz auch nicht leiden, weil manchmal eben nicht alles gut wird. Trotzdem gibt es in manchen nichts beruhigenderes als einen Polizisten, der in einer (für mich) absolut beschissenen Situation ruhig bleibt, mir in die Augen schaut und sagt „machen Sie sich keinen Kopf. Alles ist gut“ und man in den Augen erkennt, dass er es auch so meint. Ob sich das dann hinterher auch bewahrheitet oder nicht, das ist in der Situation einfach egal. Es hilft erstmal, sich zu beruhigen und nicht vollkommen die Fassung zu verlieren. Insofern: manchmal ist der Satz angebracht, egal, wie es ausgeht.

  3. Wenn ich hier mal mitmischen darf… ich hätte da zwei Beispiele, die sich erst gestern im Dienst abgespielt haben.

    Nr. 1: Ich als Sani + Azubiene an Board, Einsatz mit Notarzt wegen Brustschmerzen/Atmennot. Patient (~ 75 Jahre) sitzt im Stuhl vor uns, augenscheinlich keine akuten Beschwerden. Azubiene beruhigt die Tochter (~ 35 Jahre) während sich der Notarzt die Befunde des Patienten durchliest mit den Worten „Alles wird wieder gut.“ Dass der Patient eigentlich schwer krank ist mit den Herzproblemen weiß die Azubiene nicht, die Tochter aber sehr wohl…

    Nr. 2: Ich als Dritte am Auto, Überstellung in ein anderes Krankenhaus, Patientin mit Drehschwindel und Erbrechen, Diagnose steht, ist nichts tragisches, gut behandelbar. Es ist ca eine halbe Stunde Fahrt ins andere Krankenhaus, die Patientin ist ziemlich aufgeregt, hat Angst, verstärkt dadurch vermutlich psychosomatisch die Symptome. Hier bleibe ich bei der Patientin, lege ihr die Hand auf die Schulter und immer, wenn sie wieder anfängt „panisch“ zu atmen sage ich ihr, dass alles gut wird. Sie beruhigt sich, die Übelkeit geht zurück…

    Ich finde man muss differenzieren, wann man die magischen Worte einsetzt, aber wenn man sie richtig einsetzt, können sie tatsächlich Wunder bewirken.
    Belügen würde ich aber einen Patienten oder auch Angehörige damit nie. Und wenn ich mir selbst nicht 100% sicher bin dann würde ich persönlich mich auch nicht trauen, diese Floskel auszusprechen.
    Für manche mag es nur eine (bedeutungslose) Floskel sein, aber ich habe schon einige gesehen, die in diese Worte viel Hoffnung gelegt haben und deshalb sehe ich das nicht mehr als „bedeutungslose Floskel“ an. Man weiß nie, ob „Alles wird gut“ für den Menschen, zu dem man es sagt, eine Bedeutung hat oder nicht…

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