Die zwei Konstanten

Der Patient auf meiner Trage starrt ins Leere.
Er sieht nicht die weißen Wände und auch nicht die Infusionflasche, deren Flüssigkeit in die Vene an seiner Ellenbeuge tropft. Er hört nicht das Piepsen der Überwachungseinheit und spürt das Blutdruckmessgerät nicht.
Seine Gedanken schweifen irgendwo in der Luft, seine Lippen bleiben stumm.
Vor mir liegt das Protokoll, ich trage in kurzen Abständen die Vitalwerte ein, drehe die Flüssigkeitsrate höher und gebe etwas Sauerstoff.
Er will nicht reden, er will nicht schauen, er ist in seinen Gedanken gefangen, einer Abwärtsspirale, an der er niemanden teilhaben lässt.
Ab und zu drücke ich ihm kurz die Hand und sehe ein kurzes Zucken seiner Augenlieder.
Das ist das einzige Zugeständnis, das ich von ihm erhalte.
Inzwischen sind wir im Klinikum angekommen.
Ich übergebe den Patienten an die diensthabende Pfleger und Ärzte, wohlwissend, dass er in einigen Stunden ein ruhiges Zimmer in der Palliativstation erhalten wird.

Die bedrückende Atmosphäre begleitet mich den ganzen Tag und erst als ich abends das Baby in den Arm nehme, fällt die Anspannung ab.
Neu und Alt, leben und sterben, all das liegt nebeneinander.
Ohne das eine gibt es das andere nicht und so schön wie das eine auch sein mag so traurig erscheint oft das andere.

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