Fachpersonal

Es geht in irgendein Seniorenheim.
Die Einsatzmeldung lautet: Schmerzen.
Okay, dann wird mal nachgeschaut, was jetzt Sache ist.
Wir packen unseren Rucksack auf die Trage und ich bin am Überlegen, ob ich das EKG mitnehmen soll. Nach kurzem Nachdenken entscheide ich mich dafür, wer weiß, falls wir eine Analgesie (Schmerzbekämpfung)machen müssen, ist eine Überwachungseinheit nicht so fehl am Platz.

In dem Stock erwartet uns die Altenpflegerin und winkt schon mit einem Zettel: der Hausarzt hat schon einen Schein ausgestellt
Linksseitiger Schmerz, seit 8:00 Uhr, Medikamentenplan anbei.
Der Hausarzt hatte keine Möglichkeit vorbei zu kommen (verständlich bei voll ausgebuchter Sprechstunde), somit hatte er den Patienten nicht gesehen.

Etwas verwundert betrete ich das Zimmer. Der Patient sitzt in seinem Bett, sein Gesicht ist blass und kaltschweißig und seine angestrengte Atmung verrät mir ein großes Problem.
Die Pflegekraft, die daneben steht sieht mich hilflos an: „Er klagt seit heute Morgen über plötzliche Schmerzen auf der linken Seite. Der Frühdienst hat den Hausarzt angerufen, doch der konnte nicht kommen. Erst jetzt hatte er Zeit, eine Einweisung zu schreiben und dann haben wir euch gerufen.“

Mein Kollege ist ein sehr fähiger Azubi, während ich mir die Geschichte anhöre und den Puls fühle (sehr schnell), klebt er ein EKG und ich frage den Mann, wo der Schmerz am stärksten ist. Schon bevor er es mir zeigen kann, sehe ich im EKG herzinfarkttypische Veränderungen.
Ab nun geht alles schnell.
„Also, Sauerstoff per Maske, ich fordere den Notarzt nach, Blutdruck messen und Zugang vorbereiten.“
Die Pfleger bekommen mit, dass die Sache doch etwas ernster ist. Ich lasse eine von ihnen den Doc nachfordern und die andere den Medikamentenplan vorbereiten.
Der Blutdruck ist gefährlich niedrig und ich beginne zu beten, dass der Notarzt schnell da ist.
Mein Kollege hat mir alles vorbereitet und ich suche eine gute Vene. Viel sehe ich nicht, doch für eine Venenverweilkanüle reicht es gerade so.
Ich erkläre dem Patienten, der einen schwerkranken Eindruck macht, jeden Schritt.

Während ich die Infusion anschließe, höre ich schon das Martinshorn. Mein Kollege ist gerade dabei, die Medikamente für die Behandlung aufzuziehen, als der Notarzt kommt. Er erhält eine kurze Übergabe: „männlich, 78 Jahre, hat bekannten Bluthochdruck, seit ungefähr 4 Stunden linksseitige und retrosternale Schmerzen. Atemwege sind frei, starke Atemnot mit initialer Sättigung von 88%, Puls schnell, schwer tastbar, Blutdruck bei 100/50.
Das EKG zeigt Hebungen in V1-V3. Wir haben einen Zugang gelegt und Blut abgenommen. Der BZ ist im Normbereich.“

Der Notarzt schaut sich alles an, dann verlangt er die Medikamente, die wir schon aufgezogen haben und zusätzlich ein Betäubungsmittel gegen die Schmerzen.
Der Blutdruck sinkt immer weiter ab und es ist höchste Zeit Richtung Klinik zu fahren.
Unterwegs fragt der Notarzt nochmal genauer, wie das mit der Einweisung lief und als ich ihm alles erzähle, schüttelt er nur den Kopf.
Time is muscle.
Das sollten auch Altenpfleger wissen.

3 Gedanken zu “Fachpersonal

  1. Altenpfleger/innen werden -leider- immer unselbständiger (gemacht) und trauen sich kaum noch was ohne ärztliches Einverständnis zu tun. Wenn dann, wie bei manchen Pflegern leider der Fall, die Unfähigkeit dazu kommt, genaue Beschreibungen der Symptomatik zu übermitteln (von Vitalparametern wie Blutdruck oder Puls ganz zu schweigen), führt das beim Hausarzt schnell zu einer Fehleinschätzung der Lage.

    • Ja, ich weiß und ich möchte hier auch keinesfalls den Hausarzt verurteilen, auch weil er sich auf die Einschätzung des Pflegepersonals verlassen muss.
      Solche Situationen erleben wir im Rettungsdienst leider sehr oft und wenn die Sachlage so klar ist wie im gegebenen Einsatz, muss man leider von totaler Inkompetenz der Fachleute sprechen.

      (hoffentlich fühlst du, als Hausarzt, dich durch den Beitrag nicht angegriffen)

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