Alle wussten es…

Ich hole das 15-jährige Mädel von der Intensivstation ab, nachdem mir mein Kollege einige Informationen gab, die ich nicht wirklich einorden kann. Vorher erhalte ich eine kurze Übergabe dem Oberärzt, die mir den Grund erklärt, warum das Mädchen in die Psychatrie kommen muss. Einige Sachen sind mir nicht ganz schlüssig, aber sie werden sich sicherlich während der Fahrt regeln. Das Mädchen wirkt ziemlich gelassen, ruhig und erwachsen. Sie versteht nicht wirklich, weshalb sie in eine geschlossene Klinik muss, aber sie ist sich sicher, dass es sich klären wird. Unterwegs unterhalten wir uns über ihren Aufenthalt im Krankenhaus, ihre Haustiere und den Einweisungsgrund.

Stille Freude leuchtet auf, als sie von ihrem geliebten Zwillingsbruder und der besten Freundin erzählt und ich kann sie gut verstehen und wir unterhalten uns über Geschwister und Freunde.

In der Geschlossenen angekommen finde ich kurz Zeit, die Überweisungspapiere zu studieren und mir fällt ein Satz ins Auge: Die Patientin weiß nicht Bescheid. Langsam nehmen die verworrenen Informationen in meinem Kopf Gestalt an und ich lese fassungslos einige kurze Sätze.

Nach der Übergabe im Stationszimmer gebe ich explizite Informationen weiter. Erstaunt schaut mich der Pfleger an und fragt: „Wirklich?“

Wir verabschieden uns von der Kleinen und ich denke darüber, was die nächsten Stunden ihr bringen wird und vorallem wie sie mit der Nachricht umgehen wird, die ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen wird. Die Nachricht, die allen ihn ihrem Umfeld bekannt war – außer ihr.

Mit der Nachricht, dass ihre beste Freundin gestorben ist.

Alle haben es gewusst. Doch keiner wollte es ihr sagen.

2 Gedanken zu “Alle wussten es…

  1. Ich glaube, dies ist ein sehr extremer Fall. Voraussetzung meiner Betrachtung ist, dass ihre beste Freundin verstorben ist (und eventuell vorher auch auf der Intensiv gelegen hat), weil sie einen (gemeinsamen?) Unfall o.ä. hatten. Eines der Probleme dürfe dabei natürlich die Schweigepflicht sein. Waren Angehörige der besten Freundin (noch) nicht zu erreichen – oder haben diese Angehörigen die Zustimmung zur Weitergabe der Informationen (bisher) verweigert, darf das Krankenhauspersonal m.E. die Patientin gar nicht in Kenntnis setzen.

    Hinzu kommt ein individuelles Abschätzen der Gesamtsituation. Fühlt sich die Patientin am fraglichen Unfall/Erignis schuldig? Ist sie gar schuld? In so einem Fall könnte eine Information ohne psychologische Betreuung zu einer psychischen Instabilität mit (un)absehbaren Folgen führen. Insofern finde ich es tatsächlich sehr merkwürdig, dass Du als „betreuende Person“ über das Problem nicht vor Fahrtantritt in Kenntnis gesetzt wurdest. Hätte es Dir ja eventuell passieren können, genau diese (zu verschweigende) Information im Gespräch aus Versehen fallen zu lassen. (Wäre zwar ein Verstoß gegen die Schweigepflicht, aber wir alle sind nur Menschen und machen mal Fehler.) Und damit wäre die angestrebte Therapie schon vor Beginn im Eimer gewesen.

    Mein Vorschlag wäre, den ganzen Vorgang aus dieser Perspektive nochmal mit fraglichem Stationspersonal/Oberärztin konstruktiv „nachzubereten“, auch um darzustellen, dass man manchmal mit „genaueren Informationen“ klarer sieht und weiter kommt…

    • Hallo Gedankenknick,
      vielen Dank für deine Ausführungen. Natürlich kann ich nicht genauer sagen, aus welchem Grund das Mädchen eingewiesen wurde, das könnte zu schnell in andere Richtungen schlagen. Aber eines ist klar, das Mädchen kam aus einem ganz anderen Grund in die Geschlossene, der Vorfall mit dem Tod der Freundin und der Einweisungsgrund sind „zufällig“ auf den selben Moment gefallen und haben miteinander nichts zu tun. Ob die Eltern Bescheid wussten, weiß ich jetzt nicht mehr, aber klar ist, dass das Personal Bescheid wusste und ich schließlich durch das Lesen der Überweisungspapiere. Das Problem, dass ich im Gespärch ungewollt Informationen preisgeben hätte, war meines Erachtens noch größer, denn wie gesagt, ich hatte einige verworrene Sätzte erhalten und es hätte leicht passieren können, dass ich etwas erwähnt hätte, was sie noch nicht wusste.
      Naja, es ist leider so passiert und meiner Meinung nach ist das Problem, dass das Mächden erfährt, dass alle in ihrem Umfeld Bescheid wussten, nur sie nicht. Stell dir mal vor, du hast eine unheilbare Krankheit, alle wissen es, nur du nicht, sie meinen, sie „schützen“ dich damit. Wie würdest du dich fühlen?

      Grüße und es freut mich, dass du meine Beiträge regelmäßig liest. 🙂

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